Beim französischen Frühstück im Institut Français vermischen sich die Kulturen / Mit Filmvorführung und Märchenlesung Café und Quiche an der Contrescarpe

Im Institut Français de Brême kann man französische Kultur konsumieren, klar. Aber es bringt auch französische Lebensart an die Weser. Am ersten Sonnabend im Monat serviert Nathalie Mebarek ein französisches Frühstück. Es gibt Baisers, Tartes und Quiches und dazu Märchen für Kinder und einen Film für Familien. Bei Café und Buttecroissant kommt man schnell ins Plaudern.
15.09.2013, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Café und Quiche an der Contrescarpe
Von Catrin Frerichs

Im Institut Français de Brême kann man französische Kultur konsumieren, klar. Aber es bringt auch französische Lebensart an die Weser. Am ersten Sonnabend im Monat serviert Nathalie Mebarek ein französisches Frühstück. Es gibt Baisers, Tartes und Quiches und dazu Märchen für Kinder und einen Film für Familien. Bei Café und Buttecroissant kommt man schnell ins Plaudern.

Der Parkettboden im Foyer des Institut Français de Brême knarzt. Ein Plakat im Eingang der Villa an der Contrescarpe 19 zeigt den französischen Sänger Benjamin Biolay. Sein Konzert in der Glocke im November ist einer der Höhepunkte in diesem Herbst, Biolay gehört zu den wichtigsten Vertretern des Nouvelle Chanson Frankreichs. Rechter Hand liegt der Kino- und Theatersaal mit 80 Plätzen, links befinden sich die lichtdurchfluteten Ausstellungsräume. Zu sehen ist dort die Retrospektive eines deutsch-französischen Jahres mit Werken von Nathalie David. Kino, Konzerte und Kunst – mit 60 Veranstaltungen im Jahr versteht sich das Institut Français als ein Botschafter für französische Kultur und Sprache – und auch für französische Lebensart.

Durch große Fenster der Ausstellungsräume sieht man in den Garten hinab. An Holztischen und -bänken sitzen ein paar Menschen und genießen die Sonnenstrahlen. Es sind die letzten warmen Tage des Spätsommers. Aus dem Souterrain klingt durch das offene Treppenhaus das Klappern von Tassen und Besteck auf Tellern herauf. Unten, hinter dem Tresen, steht Nathalie Mebarek. „Bonjour“, sagt sie freundlich und lächelt. Sie schenkt Kaffee ein, stellt Milch auf die Ablagefläche und richtet türkis- und himbeerfarbene Doppelkekse mit Füllung auf einer dreistöckigen Etagère an. Selbst gebacken. „Man nennt sie Macarons, sie bestehen aus Mandelmehl, Zucker und Ei“, erläutert Mebarek. Die Baisers en miniature sind zum Essen eigentlich viel zu schön. Beim Biss hinein schmecken sie intensiv nach Mandeln.

Nathalie Mebarek serviert seit etwa fünf Jahren jeden ersten Sonnabend im Monat von 10 bis 15 Uhr das französische Frühstück an der Contrescarpe. Hilfe bekommt sie von Freunden und Verwandten. Das Bistro im Haus ist geschlossen, das Frühstück ist die einzige Möglichkeit, im Institut bei einem Kaffee zusammenzukommen. Bei schönem Wetter kann man im großen Garten hinter der fünfgeschossigen Villa sitzen. Zwischen Theke und Garten liegt ein lichter Raum mit durchgängigen Holzbänken an den Wänden und einer Tür, die in den Garten führt.

Zum Frühstück kommen nicht nur Stammgäste, erzählt Mebarek. Das Publikum ist gemischt: Deutsche und Franzosen, Singles, Pärchen und Familien. „Wir treffen uns à la bonne franquette“, sagt Nathalie Mebarek. Das heißt übersetzt so viel wie „ganz ungezwungen.“ Es geht um Geselligkeit, „la convivialité“, das Beisammensein, stundenlang zu essen und sich zu unterhalten, auf Französisch oder Deutsch oder beides gemischt. „Das ist ja hier wie in Frankreich“, sagt eine Frau, schaut sich um, nimmt ihre Kaffeetasse und geht damit hinaus in den Garten.

Auf dem Tresen stehen ein Korb mit Buttercroissants, ein Teller mit Quiches Lorraine und französische Tartes mit Mirabellen, Äpfeln und Pflaumen. Gäste können kleine oder große „Petits Déjeuners“ bestellen, es gibt die französischen Tageszeitungen „Libération“ und „Le Monde“ und das satirische Wochenblatt „Le Canard Enchainé“. Ab mittags stehen Merguez, das sind nordafrikanische Würste aus Lamm- und Rindfleisch, mit Salat auf der Speisekarte.

Die 53-jährige Mebarek ist vor mehr als 30 Jahren nach Deutschland gekommen, um die Sprache zu lernen. Sie ist in Bremen geblieben. Heute gibt die diplomierte Architektin Französischunterricht am Schulzentrum Rübekamp in Walle. Seit sieben Jahren organisiert sie ab und zu im Institut Français Kochkurse. Aufgewachsen ist Nathalie Mebarek in Nordfrankreich, im Departement La Sarthe nordwestlich von Paris. Und weil Französisch auch auf den Antillen, in Afrika, der Schweiz und in Quebec gesprochen wird, bereitet sie in den Kochkursen Gerichte aus der Provence, aus Martinique oder Genf zu. Dann gibt es Ratatouille, frittierte Fischbällchen oder Käsefondue.

Es ist kurz nach 12. In der Mediathek im ersten Stockwerk der 1000 Quadratmeter großen Villa im Stil der Patrizier ist gerade die Märchenstunde zu Ende gegangen. Von 11 Uhr an liest dort Kella Redjah Kindern zwischen drei und zehn Jahren französische Geschichten vor, während die Eltern unten frühstücken. Spricht ein Kind kein Französisch, erklärt sie die Geschichte auf Deutsch. Die jungen Zuhörer sitzen in rote, dicke Kissen gekuschelt im Wintergarten. Bis 13 Uhr ist die Mediathek geöffnet. In den Regalen Bücher, CDs und DVDs, alles auf Französisch versteht sich. Dort stehen Romane von Emile Zola oder Fred Vargas, Musik von Jacques Brel oder MC Solaar, Filme mit Jean Reno, Audrey Tautou oder Simone Signoret nebeneinander. „Lionel, wo bist du?“ Eine Mutter sucht nach ihren Sohn. Der sitzt direkt unter dem Schreibtisch von Kella Redjah. „Sors de là“, komm da raus, sagt die Mutter.

Um 13 Uhr, und das ist eine weitere Besonderheit des französischen Frühstücks, beginnt die Filmvorführung. Heute wird der Klassiker „La Grande Vadrouille“, die große Sause, mit Luis de Funès und Bouvile in den Hauptrollen gezeigt. Der Film gehört zu den erfolgreichsten französischen Produktionen überhaupt. Die Filme suchen die Direktorin Nadège Le Lan und ihre Kulturassistentin, die 29-jährige Kerstin Witges, aus. „Wir zeigen meistens Komödien, die Besucher wollen sich am Sonnabendmittag ja eher amüsieren“, sagt Witges.

Während der Filmvorführung hat Nathalie Mebarek nicht viel zu tun. Sie nutzt die Zeit zum Plaudern. „Nach dem Film kommen die Leute noch einmal zum Essen und Trinken herunter“, sagt sie. Ob Deutschland oder Frankreich, beim französischen Frühstück vermischen sich die Kulturen. Und das sei auch gut so, findet sie. „Es liegt immer an einem selbst, was man daraus macht.“

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