Corona-Abstandsregeln

Bremer Kinobetreiber ringen um den halben Meter

Fehlende Neustarts, geringe Platzkapazitäten - zwei Dinge unter denen die Kinobranche aktuell leidet. Um wieder mehr Plätze besetzen zu können, fordern Bremer Kinobetreiber eine Lockerung der Abstandsregeln.
10.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremer Kinobetreiber ringen um den halben Meter
Von Alexandra Knief
Bremer Kinobetreiber ringen um den halben Meter

Mit den deutschen Filmen "Undine" und "Berlin Alexanderplatz" eröffnete die Schauburg im Juli nach dem Lockdown.

Frank Thomas Koch

„Wenn Sie ein Restaurant betreiben, müssen Sie etwas zu essen anbieten können", sagt Gunnar Burmester, Geschäftsführer des Cineplex-Cinespace in der Waterfront. Was das mit ihm zu tun hat? Der Satz lasse sich gut auf seine Branche übertragen: Wer ein Kino betreibt, braucht Filme. Aber genau die sind aktuell Mangelware. Zumindest, wenn man frische, heiß begehrte Ware will und keine Inhalte, die schon eine Weile auf Eis liegen.

Rund drei Monate sind vergangen, seit bundesweit die Kinos wieder Publikum empfangen dürfen. Von einer Entspannung der Lage sind die meisten Betriebe aber noch weit entfernt. Strenge Hygieneregeln und ausbleibende Neuerscheinungen machen den Betreibern zu schaffen. Während in einigen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Sachsen oder Berlin die einzuhaltenden Abstände auf einen Meter verringert wurden, müssen andernorts – unter anderem in Bremen – weiterhin 1,5 Meter zwischen einzelnen Besuchergruppen eingehalten werden.

Lesen Sie auch

Für Manfred Brocki von den Bremer Filmkunsttheatern heißt das in Zahlen: 60 bis 70 Prozent weniger Schauburg-Besucher als sonst im Zeitraum Juni bis August. Die Gondel habe im August sogar einen Rückgang von fast 80 Prozent verzeichnet, das Atlantis-Kino kann nach wie vor gar nicht öffnen. Doch die geringe Kapazität selbst sei nicht das einzige Problem: Man merke zwar, dass sich wieder mehr Menschen in die Kinos trauten, viele hätten aber nach wie vor Angst. Lockerungen, da ist sich Brocki sicher, würden vielen Besuchern mehr Sicherheit geben. Ganz nach dem Motto: Wenn die Politik das erlaubt, dann muss ich mir auch keine Sorgen machen.

Lesen Sie auch

Die, betonen sowohl Gunnar Burmester als auch Ingrid Breul-Husar, Sprecherin der Cinemaxx-Kinos, müsse man sich im Kino aber sowieso nicht machen. „Wir warten nur darauf, dass die Politik versteht, dass das Kino kein gefährlicher Ort ist“, sagt Burmester. In allen Kinosälen gebe es gute Klimaanlagen, die auch während der Vorstellungen liefen. „Außerdem grölen die Leute bei uns ja auch nicht rum, sie gucken geradeaus und schauen einen Film.“ Auch das halte das Ansteckungsrisiko gering. Die Wissenschaft bestätigt dies: In einer Atemluftstudie der TU Berlin hat man vor Kurzem herausgefunden, dass die Aerosol-Belastung im Kino weitaus geringer ist als beispielsweise im Büro.

Lesen Sie auch

Für die Kinos wäre der halbe Meter ein wichtiges Entgegenkommen. Denn während man vielerorts aktuell nicht einmal 20 Prozent der Plätze besetzen kann, würde die Lockerung bedeuten, dass wieder Tickets für mehr als 50 Prozent der Sitze vergeben werden dürfen. Eine Änderung, die gerade den kleinen Kinos entgegenkommen würde. Solange aber ein Großteil der Kinosessel leer bleiben muss, werden auch die großen Produktionsfirmen viele ihrer Filme zurückhalten, prophezeit Burmester. Was die frische Ware angeht, sind mit „Tenet“ und „After Truth“ in den vergangenen Wochen die ersten Blockbuster angelaufen, die die Branche hoffen lassen. In der Schauburg lief „Tenet“ laut Manfred Brocki allerdings nicht so gut wie erwartet, was er auch darauf zurückführt, dass die Hauptzielgruppe des Actionfilms das Multiplex-Publikum sei. Die Zahlen von Cinemaxx und Cinespace bestätigen dies. Dort habe man dank der zwei Blockbuster bereits wieder sehr gute Umsätze erzielen können. Die Nachfrage sei da, die Leute hätten Lust, ins Kino zu gehen. Dennoch entscheidet das Angebot über die Nachfrage: „Unser gegenwärtiger und künftiger Erfolg hängt von der kontinuierlichen Unterstützung der Regierung, der Filmstudios, der Vermieter und anderer Anbieter ab“, sagt Breul-Husar.

Dass die Menschen wieder Lust auf Kino haben, sieht auch Thomas Settje vom Cinema Ostertor. Mit „Corpus Christi“ und „Yalda“ habe er gerade zwei Filme im Angebot, die von den Besuchern recht gut angenommen würden. Bei einigen Sonderveranstaltungen habe er sogar mehr Tickets verkaufen können als es die eingeschränkten Sitzplatzkapazitäten hergäben. Ein Vorteil des Programmkinos: Es ist nicht von den ganz großen Blockbustern abhängig, da diese noch nie zum Programm gehörten. „Das ändert aber nichts daran, dass die Branche dringend Hilfe braucht“, betont Settje.

Lesen Sie auch

Manfred Brocki hat gerade wieder eine Corona-Überbrückungshilfe beim Bund beantragt, die Unternehmen mit Umsatzrückgängen von mehr als 60 Prozent dabei helfen soll, laufende Kosten zu decken. Zudem versuche man, die Personalkosten weiterhin so gering wie möglich zu halten. Und auch das Cinema Ostertor ist auf weitere Unterstützung angewiesen, sollte die aktuelle Situation noch länger Bestand haben. Kosten, zum Beispiel, um eine neue Klimaanlage einzubauen, könnte man nicht alleine stemmen. „Wenn sogar der Freimarkt stattfindet darf, muss sich auch das Kino anpassen dürfen“, sagt Settje. „So langsam wird es Zeit.“

„Wir gucken immer, was abhängig vom Infektionsgeschehen möglich ist“, sagt Kai Stührenberg, Sprecher der Wirtschaftsbehörde. Man sei in einem kontinuierlichen Austausch mit der Gesundheitsbehörde, die einen Abstand von 1,5 Metern aktuell für sinnvoll halte. „Außerdem beobachten wir das Geschehen in anderen Bundesländern“, so Stührenberg. Eine Senatsvorlage zum Thema sei aktuell aber nicht in Arbeit.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+