Kommentar über Kultur in der Krise

Es geht um Geld und Perspektive

Die Künstler, die zunächst eher vereinzelte und leise kritische Töne angeschlagen haben, werden vernehmbarer. Warum nicht einmal so trommeln wie ansonsten die Autoindustrie, schreibt Iris Hetscher.
23.05.2020, 05:00
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Es geht um Geld und Perspektive
Von Iris Hetscher
Es geht um Geld und Perspektive

Ein Bild aus Zeiten vor Corona: die deutsche Kammerphilharmonie mit ihrem Chefdirigenten Paavo Järvi.

JULIA BAIER

Es ist Mitte Mai, als die Kultur in den Fokus der Politik rückt. Am 10. dieses Monats kündigt die Kanzlerin an, nun wolle man sich mit der Zukunft der Theater, Kinos, Orchester befassen. Bis dahin war dieser Platz in der Mitte der Aufmerksamkeit chronisch anders besetzt: Erst einmal wurde geklärt, wann der Ball in den Stadien wieder rollt, wie Cafés Kaffee servieren, ob Urlaub 2020 Rügen statt Riviera bedeutet. Die Kultur durfte sich am Rand tummeln, Anfang Mai öffneten dann die Bibliotheken – vor gut eineinhalb Wochen die Museen. Reicht doch, oder? Dass Kultur sinnstiftend und unverzichtbar ist, haben Poli­tiker landauf landab immerhin früh betont.

Solches Lob schlüpft leicht von der Zunge, kostet aber erst einmal nichts. Oder nicht viel. Immerhin: Hilfsprogramme wurden aufgelegt, um den sozialen Absturz der freischaffenden Kulturakteure zu verhindern. In Bremen werden bis Ende Mai 500. 000 Euro verteilt sein; das Land hat gemeinsam mit Berlin im Bundesrat zudem eine Initiative auf den Weg gebracht, um Künstlern in der Krise einen pauschalen monatlichen Zuschuss zu ermöglichen. Das wird bitter notwendig sein. Viele, die sonst Publikum sind, haben nicht nur mitbekommen, wie öde Stadt- oder Landleben ohne Live-Kultur ist. Sondern auch, unter welch prekären Umständen Menschen dieses Lebensmittel für sie produzieren.

Kulturexperte fordert „Kultur-Milliarde“

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) redet daher von einem „Kultur-Konjunkturprogramm“, Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) möchte ebenfalls Geld locker machen. Jetzt geht es um Perspektiven: Nicht mehr nur die Absicherung von Existenzen steht im Vordergrund, sondern die von Strukturen. Bremens Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motsch­mann (CDU), lässt daher verlauten, sie wolle sich massiv für genau das einsetzen. Und SPD-Kulturexperte Martin Rabanus fordert gar eine „Kultur-Milliarde“. Ist das vermessen?

Nein. Schaut man sich an, was zu retten ist, ist es angemessen. Die Künstler, die zunächst eher vereinzelte und leise kritische Töne angeschlagen haben, werden vernehmbarer. Warum nicht einmal so trommeln wie ansonsten die Autoindustrie: Am Montag hat Rockmusiker Peter Maffay die Bundeskanzlerin um Hilfe für die Musikbranche gebeten – hier stünden 130.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Allianz der Freien Künste, die 18 Bundesverbände von der Deutschen Jazzunion über den Verband Deutscher Puppentheater bis zum Dachverband Tanz vertritt, warnt vehement, die Corona-Hilfen auslaufen zu lassen. Das sind nur nur zwei Beispiele von vielen.

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Die Szene sollte lautstark bleiben. Denn auch, wenn die Kulturminister der Länder sich jetzt mit Monika Grütters auf ein Papier mit dem sperrigen Titel „Eckpunkte für Öffnungsstrategien“ geeinigt haben, es wird noch sehr lange dauern, bis wieder ansatzweise so gespielt werden kann wie vor der Krise. Da ist von Masken, Markierungen, Abstandsregeln und Belüftungsvorschriften die Rede. Gleichzeitig wünscht sich die Politik eine zügige Aufnahme des Probenbetriebs sowie Konzepte und Formate, die mit den Vorgaben kompatibel sind.

Es wird eifrig nach Ideen gesucht

Damit ist der Ball zurück im Feld der Akteure, die nehmen ihn volley; jeden Tag werden Ideen bekannt. Opernintendanten in München und Stuttgart denken über kompaktere Musiktheaterangebote nach, in Bremen beschäftigen sich die Philharmoniker und die Kammerphilharmonie mit Möglichkeiten, bald wieder vor Publikum zu spielen. Irgendwie. Immer mehr Bühnen informieren über die Spielzeit 2020/21. In der „Süddeutschen Zeitung“ fordert Dramatiker Albert Ostermaier ein „Zukunftstheater“, für das Bühnenbildner spezielle Räume und Dichter neue Dramen entwerfen sollen. Die Kinos warten auf den bundesweiten Eröffnungstermin – und hoffen, dass ihnen das Revival der Autokinos nicht genauso schadet wie der Streamingboom.

Doch die Angst schwingt immer mit. Denn trotz eines Feuerwerks an Kreati­vität könnten am Schluss schlicht die Einnahmen nicht stimmen. Weil Plätze gesperrt werden müssen. Weil Zuschauer nicht stundenlang mit Maske in geschlossenen Räumen verweilen möchten. Dann wird es wieder um Hilfe vom Staat gehen. Und bei den zukünftig gebeutelten Etats vielleicht sogar um die Frage, wie viel Kultur und welche für „sinnstiftend“ gehalten wird.

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