Touristen fehlen

Kaum Umsatz bei Buchhändler an der niedersächsischen Küste

Viele Buchhändler an der niedersächsischen Küste haben in den vergangenen Wochen kaum Umsatz gemacht: weil die Touristen fehlten. Jetzt kommen wieder Urlauber – doch das Bangen geht weiter.
02.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Kaum Umsatz bei Buchhändler an der niedersächsischen Küste
Von Katharina Frohne
Kaum Umsatz bei Buchhändler an der niedersächsischen Küste

Das Reiseverbot trifft auch die Buchbranche: Ohne Urlauber machen viele Buchhandlungen nur einen Bruchteil ihres eigentlichen Umsatzes.

Stefan Sauer /dpa /lmv /lno

Durchatmen, das geht in Horumersiel-Schillig eigentlich ziemlich gut. Meer auf der einen, grünes Marschland auf der anderen Seite, klare, salzige Luft überall. Nordseeromantik. Mehr als eine Million Übernachtungen jährlich zählt der idyllisch gelegene Ort im Wangerland. Wer einmal kommt, so erzählt man sich hier, kommt immer wieder.

Durchatmen, das kann Insa Hanau seit Wochen nicht. Fünf Monate ist es her, dass die 46-Jährige die Bücherinsel in der Goldstraße übernahm. Nur zweieinhalb Monate später, Mitte März, hatte sie schließen müssen, wegen Corona. Trotzdem, sagt Hanau, habe sie weitergemacht. Weil die Menschen nicht zu ihr kommen konnten, lieferte sie Bücher zu Fuß aus, per Rad oder Auto. Doch was so manchen städtischen Buchhändler halbwegs über die Runden kommen ließ, brachte für Hanau wenig Linderung. Der Grund: Ihre Kunden leben zu weit weg. „90 Prozent der Menschen, die zu mir kommen, sind Touristen“, sagt Hanau. Urlauber, die nach Strandlektüre stöbern, die Postkarten kaufen, Reiseführer, Kleinigkeiten für die Kinder. Urlauber, die wochenlang fehlten. Und mit ihnen: das Geld.

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Um 80 Prozent, sagt Hanau, seien ihre Umsätze seit Beginn der Krise eingebrochen. Verluste, mit denen die Buchhändlerin nicht allein dasteht. Gerade für die Ladeninhaber in Tourismusgebieten sei die Lage jetzt „sehr, sehr schwierig“, hatte Carola Markwa, Geschäftsführerin des Landesverbands Nord im Börsenverein des Deutschen Buchhandels, bereits im April gemahnt. Denn: „Diese Händler brauchen die Einnahmen aus Frühling und Sommer, um über die Wintermonate zu kommen – die fallen nun weg.“

Und das in einigen Fällen nahezu vollständig. So auch bei Gila Hass, Inhaberin der Buchhandlung Bücher Lübben auf Norderney. Ende März hatten die letzten Touristen die Ostfriesische Insel verlassen müssen, seither galt striktes Einreise-Verbot. Für sie „eine Katastrophe“, sagt Hass. „Wir sind auf die Gäste von außen angewiesen – gibt es keine Touristen, gibt es auch kaum Kunden.“ Um 94 Prozent brachen ihre Umsätze im April ein; jetzt, Ende Mai, sind es immer noch 70 Prozent.

Auf Distanz, mit Schutzmaske, mit Einlassbeschränkungen

Denn auch, wenn die Urlauber seit zwei Wochen wieder anreisen dürfen, sei mitnichten so etwas wie Normalität eingekehrt. „Mit einem normalen Mai hat das nichts zu tun“, sagt Hass. „Viele Leute überlegen sich, ob sie so Urlaub machen wollen. Und oft lautet die Antwort dann: lieber gar nicht als unter diesen Bedingungen.“ Unter diesen Bedingungen, das heißt: auf Distanz, mit Schutzmaske, mit Einlassbeschränkungen. Auch Hass muss regulieren. Obwohl ihr Geschäft mit 200 Quadratmetern vergleichsweise groß ist, kann sie maximal 20 Personen in den Laden lassen. „Das sind dann beispielsweise zehn Pärchen, von denen sechs nur mal schauen wollen – das reicht natürlich nicht.“

Hinzu komme, dass gerade im Urlaub niemand Lust auf einen unentspannten Ladenbummel habe. „Buchläden sind Orte zum Wohlfühlen, zum Verweilen“, sagt Hass. „Mal eben durchhetzen und das Nötigste einsammeln, das macht man im Supermarkt, aber nicht bei uns; da kommen die Leute dann eher gar nicht.“ Insa Hanau von der Bücherinsel in Horumersiel kann das bestätigen. Auch bei ihr, sagt sie, laufe der Betrieb „schwerfällig wieder an“. So viele Touristen wie sonst seien noch nicht wieder da. Und: „Ohne Gäste kein Umsatz.“

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Beide schildern zudem ein weiteres Problem: „Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht – und das macht es praktisch unmöglich, die kommenden Monate zu planen“, sagt Hass. Eigentlich kämen Anfang Juni die Verlagsvertreter vorbei, um die Bücher des Herbstprogramms vorzustellen. „Allen außer einem musste ich absagen“, sagt Hass, „ich weiß ja nicht, ob ich von einem neuen Roman ein Exemplar oder zehn oder keines nehmen soll – weil ich nicht absehen kann, was ich werde verkaufen können“. Wie viele Kunden werden trotz der Schutzmaßnahmen kommen, auf die Insel, zu ihr? Was, wenn die befürchtete zweite Corona-Welle kommt? „Einen solchen Monat bekomme ich noch hin“, sagt Hass. „Dann wäre Schluss.“

Auch Michael Lehmann von der Buchhandlung Oliva in Cuxhaven weist darauf hin, dass sich erst zeigen müsse, ob das Schlimmste überstanden sei. Um 30 Prozent seien die Umsätze bei ihm aufs Jahr gerechnet eingebrochen, die Lage seines Geschäfts beurteilt er als „ernst, aber nicht hoffnungslos“. Er sagt: „Ein Aufatmen ist für uns erst angebracht, wenn sich zeigt, wie das Schulbuchgeschäft im Sommer verlaufen wird.“ Dann nämlich sei der Laden erfahrungsgemäß voll – so voll, wie er es unter den aktuellen Auflagen nicht sein dürfte. „Das Gleiche“, sagt Lehmann,„gilt für die Zeit vor Weihnachten, die mit Mundschutz und Abstand kaum vorstellbar ist – gleichzeitig aber wirtschaftlich über Erfolg oder Misserfolg des Jahres entscheidet“.

Aufenthaltsqualität ist beeinträchtigt

Auch er hofft deshalb, dass die derzeitigen strengen Vorsichtsmaßnahmen bald nicht mehr notwendig sein werden – und schließt sich seinen Kolleginnen an: „Die Atmosphäre in einer Buchhandlung lebt sehr von einer guten Aufenthaltsqualität, genauso wichtig ist die offene Kommunikation, die ja oft über das reine Verkaufsgespräch hinausgeht. Die vielen Warnhinweise und insbesondere das Tragen von Schutzmasken erschweren all das ganz erheblich.“

Er appelliert an den lokalen Zusammenhalt: „Uns und vielen anderen wäre schon geholfen, wenn auch gewerbliche Kunden, etwa Steuerberater, Anwälte oder Firmen ihren erheblichen Bedarf an Fachliteratur vermehrt vor Ort decken würden.“ Die Institutionen, sagt Lehmann, „kostet das keinen Cent extra – und für uns wäre es ein schönes Zeichen“.

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