Rudolf Hoberg über Anglizismen und die Veränderung der deutschen Sprache

„Dann schreiben wir künftig kuhl“

Am 1. Oktober spricht Rudolf Hoberg, Ehrenvorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache, in den Räumen der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bremen bei der Veranstaltung „Wenn am Service-Point beim Check-In upgegradet wird.
29.09.2013, 00:00
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„Dann schreiben wir künftig kuhl“

Immer mehr englische Begriffe – für Rudolf Hoberg, Ehrenvorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache, ist das kein Problem.

Frank Leonhardt, dpa

Am 1. Oktober spricht Rudolf Hoberg, Ehrenvorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache, in den Räumen der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bremen bei der Veranstaltung „Wenn am Service-Point beim Check-In upgegradet wird. Ist die deutsche Sprache in Gefahr“. Hobergs Vortrag beginnt um 18 Uhr. Jan Raudszus sprach mit ihm darüber, was Anglizismen für die deutsche Sprache bedeuten, wie diese sich durch andere Einflüsse verändert und warum dies aus Hobergs Sicht kein Problem ist.

Ist die deutsche Sprache in Gefahr?

Rudolf Hoberg: Viele glauben ja, das Hauptproblem seien die Anglizismen. Das ist aber nicht so. Im Duden stehen nur 4900 Anglizismen, das sind in etwa 3,5 Prozent der dort enthaltenen Wörter. Das viel ernstere Problem ist, dass wir immer mehr englischsprachig werden. Wir haben zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine Sprache, die die ganze Welt dominiert. Das ist das entscheidende Problem.

Warum ist das ein Problem?

Für die Kommunikation ist das schon etwas Positives, dass wir einander besser verstehen. Aber mit der Vielfalt der Sprachen geht auch die Vielfalt, die Welt zu sehen, verloren. Es gibt etwa 7000 Sprachen. Prognosen sagen, dass davon die Hälfte bis Ende des Jahrhunderts verloren geht. Wobei Deutsch da weniger bedroht ist. Es steht mit seinen Hundertmillionen Sprechern an zwölfter Stelle, wenn es um die Verbreitung weltweit geht.

Sie sagen, Anglizismen sind keine Bedrohung für die deutsche Sprache...

Dass Fremdwörter keine Bedrohung für eine Sprache sind, sieht man vor allem am Englischen selbst. Amerikaner und Engländer empfinden Fremdwörter als eine Bereicherung für die eigene Sprache. Diese hat sehr viele Fremdwörter aufgenommen. In Deutschland und Frankreich wird das immer als Bedrohung empfunden. Aber an Anglizismen ist nichts schlimm.

Wie meinen Sie das?

Fremdwörter machen Sprache vielschichtiger und genauer, es werden keine Wörter verdrängt. Nehmen Sie zum Beispiel die Begriffe Event und Ereignis. Das ist nicht das Gleiche, auch wenn viele Menschen dieser Meinung sind. Sie haben einfach kein differenziertes Sprachgefühl. Insgesamt wird die deutsche Sprache zurückgedrängt, aber nicht durch Anglizismen.

Wodurch denn sonst?

Bis 1945 war Deutsch für viele Menschen, besonders in Ost- und Nordeuropa, die erste Fremdsprache, die man lernte. Dass das heute nicht mehr der Fall ist, haben die Deutschen selbst verschuldet. Heute ist Englisch für den gesamten Wissenschaftsbereich sehr wichtig. Und das ist auch in Ordnung so. Ich sage nur immer, dass wissenschaftliche Artikel auch in Deutsch verfasst werden müssen, sonst kann man bestimmte Wissenschaften bald nur noch auf Englisch studieren.

Was halten Sie von der Idee, den Schutz der deutschen Sprache im Grundgesetz zu verankern?

Gar nichts. Schauen Sie nach Österreich, dort hat man das gemacht, und es hat nichts gebracht. Natürlich sollen wir uns für das Deutsche einsetzen, etwa in der EU, wo Deutsch von allen Muttersprachen die Größte ist und deswegen auch eine entsprechende Rolle spielen sollte.

Was verändert die deutsche Sprache noch?

Die Technik- und Wissenschaftssprache hat natürlich einen wichtigen Einfluss. Und auch die Jugendsprache wird oft als Grund für eine Veränderung angeführt. Dabei verändert jede Generation die Sprache aufs Neue. Nur wollen die jeweils Älteren dies einfach nicht akzeptieren. Heute haben wir einen ungeheuer differenzierten und reichen Wortschatz. Menschen, die von Sprachverfall reden, haben unrecht.

Inwiefern?

Es ist ja nicht so, dass Veränderungen negativ wären oder die Sprache einschränken. Viele Sprachkritiker wissen einfach nicht, wovon sie da sprechen. Nehmen Sie Bastian Sick, der das Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ geschrieben hat. Genitive wurden noch nie so viel verwendet wie heute. Es stimmt, dass die Genitivobjekte zum Beispiel, „ich erinnere mich des Vorfalls“, abnehmen. Aber das tun sie schon seit etwa 150 Jahren. Genitivattribute, zum Beispiel „der Freund meiner Tochter“, nehmen hingegen zu.

Was halten Sie davon, bestimmte Wörter, die wir aus dem Englischen übernommen haben, durch deutsche zu ersetzen?

Das Problem ist, dass man damit oft zu spät kommt. Der Verein Deutscher Sprache macht so etwas. Ein beliebtes Beispiel ist das Wort „Klapprechner“ anstelle von „Laptop“. Aber „Klapprechner“ benutzt kein Mensch. Dieser Ansatz, mit deutschen Wörtern nachträglich etwas machen zu wollen, bringt nichts. Wenn sich solche Wörter im Deutschen halten, dann gehören sie irgendwann zu unserem Wortschatz. Und manche Wörter fliegen auch wieder raus. Aber wenn sie bleiben, dann kriegen sie einen Platz, den sie in der ursprünglichen Sprache so nicht unbedingt hatten. Wie zum Beispiel cool, dass ja nicht kühl bedeutet – man bestellt ja nicht ein cooles Bier. Wenn dieses Wort im Deutschen bleibt, dann schreiben wir zukünftig „kuhl“ und haben ein neues deutsches Wort.

Zur Person

Rudolf Hoberg ist seit 1974 Professor für Germanistische Sprachen an der Technischen Universität Darmstadt. Von 1999 bis 2012 war er Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache. Heute ist er deren Ehrenvorsitzender.

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