„. . . dann spring am besten aus dem Fenster“

Die Single „Dein Lied“ feierte im Rahmen ­einer spektakulären Facebook-Live-Session Premiere, auch das recht blutige Video zu „Fenster“ erregte Aufsehen. Sind solche Marketinggags heutzutage unverzichtbar?Felix Brummer: Wahrscheinlich würde ­einem das jeder aus der Branche sagen, aber uns macht es in erster Linie Spaß. Wir ­haben uns von Anfang an über die Musik hinaus Gedanken gemacht, fanden es cool, identische Outfits zu tragen oder uns ein Logo auszudenken.
09.07.2017, 00:00
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Die Single „Dein Lied“ feierte im Rahmen ­einer spektakulären Facebook-Live-Session Premiere, auch das recht blutige Video zu „Fenster“ erregte Aufsehen. Sind solche Marketinggags heutzutage unverzichtbar?

Felix Brummer: Wahrscheinlich würde ­einem das jeder aus der Branche sagen, aber uns macht es in erster Linie Spaß. Wir ­haben uns von Anfang an über die Musik hinaus Gedanken gemacht, fanden es cool, identische Outfits zu tragen oder uns ein Logo auszudenken. Wenn man eine neue Platte aufnimmt, kommt irgendwann auch immer der Punkt, an dem man keine Lust mehr hat, die Songs noch mal zu hören – dann ist es eine willkommene Abwechslung, sich mit anderen Aspekten zu beschäftigen.

Seit dem letzten Kraftklub-Album sind drei Jahre vergangen. Es heißt, Sie hätten sich dieses Mal bewusst eine Auszeit gegönnt.

Das stimmt, wir haben uns eine richtige Pause verordnet. Nach unserer Liveplatte und der letzten Tour war das einfach nötig.

Das neue Album trägt den Titel „Keine Nacht für niemand“ – eine Referenz an die Band Ton Steine Scherben, deren Sänger Sie schon auf dem letzten Longplayer zitiert haben. Da ist wohl jemand großer Fan?

Wir verneigen uns auf dieser Platte vor ganz vielen Leuten, die eine große Inspiration für uns waren, seitdem wir angefangen haben, Musik zu hören. Ton Steine Scherben oder auch Die Ärzte sind halt einfach Bands, die immer wieder auftauchen, weil sie uns so sehr geprägt haben. Farin Urlaub ist auf dem Album ja auch zu hören – und Sven Regener. Wir haben uns aber einen Spaß daraus gemacht, das nicht dazuzuschreiben. Das sollen die Leute selbst entdecken.

Stilistisch klangen Kraftklub noch nie so abwechslungsreich. Wie kommt das?

Wir hatten das Gefühl, dass wir am Ende der musikalischen Erzählung angekommen sind. Auf unseren letzten beiden Alben musste es immer schneller und lauter sein, mehr ballern, brachialer werden. Unser Ziel war damals, dass es in jedem Song einen Punkt gibt, an dem die Leute ausrasten. Das haben wir ausgereizt, deshalb wollten wir jetzt auch mal lässigere Songs schreiben, die langsamer oder grooviger sind. Wir ­haben dieses Mal viel herumexperimentiert.

Auf „Dein Lied“ sind sogar Streicher zu ­hören!

Genau, da sind wir komplett ausgeflippt (lacht).

Der Song sorgte für große Diskussionen: In dem Text wird die Ex des Ich-Erzählers als Hure bezeichnet – was dazu führte, dass der Band Chauvinismus vorgeworfen wurde. Ist da was dran?

Natürlich nicht. Ich finde es komplett dumm, wenn Frauen als Schlampen bezeichnet werden und Männer den Casanova geben. ­Genauso finde ich irgendwelche verkrusteten, alten Rollenklischees total peinlich, rückständig und ungültig. Und trotzdem habe ich diesen Song geschrieben. Es macht einfach Spaß, in eine Rolle einzutauchen und die Figur vom verständnisvollen Verlassenen kippen zu lassen in den rachsüchtigen Psycho.

Vielen fehlte in dem Song wahrscheinlich der Bruch, der genau das klarmacht.

So einen Bruch wollten wir gar nicht schaffen. Das ist ein Song über Schmerz, Trauer, Wut und Hass. Das sollten schon dramatische, große Emotionen sein, die da durchkommen. Es war mir wichtig, dass der Song sich authentisch anfühlt und anhört, auch wenn das vielleicht dazu führt, dass einige Leute denken „Der Brummer ist doch ein Chauvi-Schwein.“

Aber besteht nicht die Gefahr, dass Chauvi-­Schweine den Song für sich beanspruchen?

Die Gefahr besteht bei jedem Song, den man schreibt. Aber wenn man sich von dieser Angst lenken lässt, kann man es gleich bleiben lassen. Man kann einem Song halt keinen Beipackzettel beilegen. Vor Kurzem wurde „Fenster“ so verkürzt im ORF gespielt, dass der Song plötzlich klang wie eine Sammlung rechten Gedankenguts. Das ist die Gefahr, wenn man Ironie als Stilmittel einsetzt.

Warum ist Ironie trotzdem ein spannendes Stilmittel?

Weil mir alles andere keinen Spaß macht. Die Dinge so zeigefingermäßig darzustellen, finde ich einfach nicht besonders spannend. Oder noch schlimmer: Musik, die alles offen lässt und sich jeder Eindeutigkeit entzieht. Das ist feige und langweilig.

Sie haben „Fenster“ schon erwähnt – ein ­böser Song, der alle Wutbürger aufs Korn nimmt.

Die Strophen sind ein Sammelsurium an ­absurden Sätzen, die man regelmäßig auch in den Kommentarspalten unter irgendwelchen „Spiegel Online“-Texten über die Identitäre Bewegung findet. Der Song sagt im Grunde: Wenn du schon etwas für dein ­geliebtes Land tun willst, dann spring am besten aus dem Fenster. Das ist natürlich makaber, das ist mir klar.

Wie nehmen Sie den Rechtsruck wahr?

Man spürt den auf jeden Fall. Ich weiß noch, wie wir eines Tages auf eine Anti-Pegida-­Demonstration nach Dresden gefahren sind und schockiert feststellten, dass die 8000 ­Gegendemonstranten den 20 000 Pegida-
Leuten extrem unterlegen waren. Das war schon krass.

Sie selbst stehen auf der Seite der Gegen-demonstranten . . .

Das hat sich in der Schulzeit so ergeben. Die Faschos waren einfach die unsympathischen Idioten. Die interessanten Leute, die coole Musik gehört haben, waren die Autonomen oder die Linken. Die Faschos waren einfach unsexy und nicht geil – aber sie waren ­unglaublich stark.

Sie haben einmal gesagt, Kraftklub will ­keine­ politische Band sein. Ist das heute ­anders? Wenn fünf politische denkende Jungs eine Band gründen, kommt das natürlich durch. Was ich damals meinte, war auch eher: Ich finde es immer komisch, wenn Leute sich hinstellen und sagen, dass Musik und Pop eine Botschaft verbreiten müssen. Als ob die Leute eine Botschaft von uns bräuchten, um endlich mal zum Nachdenken angeregt zu werden oder die richtige Position einzunehmen. Mit so etwas fängt die ganze Scheiße doch an: dass sich Leute hinstellen und ­sagen, sie hätten die Wahrheit. Damit wollen wir nichts zu tun haben. Ich sehe das eher so, dass wir einen Kommentar abgeben. Das ist unser kleiner Zwischenruf, aber das taugt nicht für ein revolutionäres Pamphlet.

Das Gespräch führte Nadine Wenzlick.

Kraftklub machen im Rahmen ihrer „Keine Nacht für niemand“-Tour am Freitag, 27. Oktober, ab 20 Uhr halt in der Bremer ÖVB-Arena.

Zur Person

Kraftklub sind fünf gute Freunde aus Chemnitz, die 2010 den „New Music Award“ gewannen, der jährlich von verschiedenen Radiosendern an Nachwuchsgruppen verliehen wird. Es folgten Supportshows für Bands wie die Beatsteaks, Fettes Brot, Casper, Die Toten Hosen, Die Ärzte und Rammstein sowie 2012 der Durchbruch mit ihrem Debütalbum „Mit K“, das ­ihnen selbst Headlinershows auf großen Bühnen bescherte. Ihre Musik – eine Mischung aus Indie, Punkrock und Rap – wurde mehrfach mit Gold und Platin ausgezeichnet. Die Band etablierte mit dem „Kosmonaut“ ein eigenes Festival und veröffentlichte mit „In Schwarz“ ein weiteres Nummer-eins- Album. Im Juni erschien der dritte Longplayer: „Keine Nacht für niemand“. Sänger Felix Brummer, Jahrgang 1989, spricht im Interview über eine Neuausrichtung, Pegida und den fragwürdigen Gebrauch des Wortes „Hure“.
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