Film der Woche: Sönke Wortmanns Komödie „Frau Müller muss weg“ nimmt Helikopter-Eltern auf die Schippe

Das Kind als Projekt

Die Dreiecksbeziehung Eltern-Kinder-Lehrer war noch nie konfliktfrei. Wenn die Eltern dann auch noch überfürsorglich sind und rein gar nichts dem Zufall überlassen wollen, droht die Eskalation. Darum geht es in der Komödie „Frau Müller muss weg“, die Sönke Wortmann am Berliner Grips-Theater inszeniert hat. Nun hat Wortmann („Der bewegte Mann“, „Das Wunder von Bern“) das Stück verfilmt.
15.01.2015, 00:00
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Das Kind als Projekt
Von Iris Hetscher

Die Dreiecksbeziehung Eltern-Kinder-Lehrer war noch nie konfliktfrei. Wenn die Eltern dann auch noch überfürsorglich sind und rein gar nichts dem Zufall überlassen wollen, droht die Eskalation. Darum geht es in der Komödie „Frau Müller muss weg“, die Sönke Wortmann am Berliner Grips-Theater inszeniert hat. Nun hat Wortmann („Der bewegte Mann“, „Das Wunder von Bern“) das Stück verfilmt.

Die Filmmusik kommentiert das Geschehen auf ihre eigene Weise: „Lass doch der Jugend ihren Lauf“ singt Tenor Hermann Prey mit Inbrunst, während der Vorspann über die Leinwand flimmert. Den Abspann untermalt die rotzig-rockige Variante dieses Volkslieds, dargeboten von einer Kombo mit dem zum Niederknien schönen Namen „Käptn Peng & die Tentakel von Delphi“. Der weise und zugleich lockere Volkslied-Appell ist den Eltern, die sich an einem Sonnabendnachmittag in der Dresdener Juri-Gagarin-Grundschule versammeln, allerdings fern. Es geht einfach um zu viel: In der 4b soll es Zwischenzeugnisse geben, und die entscheiden darüber, ob die Sprößlinge aufs Gymnasium oder auf die Mittelschule wechseln können. Was für die Eltern so viel heißt wie: Daumen hoch oder Daumen runter. Dass es bei einigen Kindern eher nach Mittelschule aussieht, daran ist allein Frau Müller schuld – weshalb die Grundschullehrerin die Klasse abgeben soll. Das sind Auffassung und Plan der Elterngruppe, und der Ausgangspunkt der Komödie.

Sönke Wortmann hat das Kammerspiel von Lutz Hübner von der Bühne auf die Leinwand gezogen – und filmsprachlich macht sein neuester Streich auch nicht viel her. „Frau Müller“ merkt man das Theaterstück in jeder Minute an: Die Handlung spielt überwiegend in einem Klassenraum, mit Ausflügen in die Cafeteria und ins Schwimmbad. Diese Beschränkung tut dem großen Spaß, den man mit dem Film haben kann, allerdings keinen Abbruch. „Frau Müller muss weg“ ist kein Sozialdrama, auch keine genial-böse Satire wie Reza/Polanskis „Gott des Gemetzels“, sondern eher eine nah am Holzschnitt gebaute Groteske. Die flattrige Dauer-Nervosität bestimmter Mütter und Väter, für die sich mittlerweile der Name Helikoptereltern eingebürgert hat, bildet dafür die Basis. Dieses Phänomen schreit geradezu danach, parodiert zu werden – bei Wortmann nehmen Geschehen wie Personal denn auch schnell immer irrwitzigere Züge an.

Nachdem Frau Müller, die das ehemalige Ensemblemitglied des Bremer Theaters, Gabriela Maria Schmeide, zwischen Resolutheit und Verletzlichkeit schwanken lässt, ob der Vorwürfe empört abgerauscht ist, gehen die Eltern aufeinander los. Jedem ist dabei seine ganz bestimmte Variante des Helikopterismus gegönnt. Da gibt es das junge Ehepaar (Mina Tander und Ken Duken), das partout nicht wahrhaben will, dass ihr Kind keineswegs hochbegabt ist, sondern in der Klasse einfach nicht mitkommt und zudem verhaltensauffällig ist. Der alleinerziehende Vater (Justus von Dohnanyi) dagegen hat eine derartige Angst vor dem Schulversagen seiner Tochter, dass er ihr statt eines Zuhauses eine Art Lern-Bootcamp bietet. Das Projekt Kind ist auch bei Karrierefrau Jessica (Anke Engelke) nicht rund gelaufen – ihre Tochter soll einfach nur irgendwie aufs Gymnasium. Wenn’s sein muss, auch durch Betrug. Bleibt noch die Mutter des Klassenprimus (Alwara Höfels). Auch sie muss erkennen, dass sie wie alle unbedingt und ständig das Beste für ihr Kind will, es vor lauter Überbesorgtheit aber gar nicht kennt. Wortmann lässt seine muntere Schauspielertruppe, in der Anke Engelke mit der ihr eigenen Spitzzüngigkeit besonders glänzt, ihre Neurosen immer weiter auf die Spitze treiben. Hinzu kommen Seitenhiebe auf Ost-West-Befindlichkeiten und die Tücken des heutigen Bildungssystems. Zum Schluss gibt es gleich zwei Überraschungen, die nicht verraten werden sollen – auch der Abspann bietet noch allerhand Sehens- und Hörenswertes. Mit „Frau Müller muss weg“ wetzt Sönke Wortmann das künstlerische Debakel seines „Schoßgebete“-Films wieder aus. Auch kommerziell dürfte der Film erfolgreicher werden.

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