Bremen

Das Mädchen mit dem Kopftuch

Er hat keine Eile. Die Klausur war verhauen.Am nächsten Tag steht er zur gleichen Zeit an der Haltestelle. Schon beim Einsteigen entdeckt er das farbenfrohe Kopftuch.
15.01.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Liliane Skalecki
Das Mädchen mit dem Kopftuch

Liliane Skalecki

Picasa und fr, FR

Er hat keine Eile. Die Klausur war verhauen. Dann eben im nächsten Semester. Die kleinen Stöpsel in den Ohren lauscht er seiner Musik, wartet auf den Bus, der von der Uni in die Innenstadt fährt. Quietschend hält der Bus, die Türen öffnen sich. Dann sieht er SIE. Ein merkwürdiger Klumpen bildet sich in seinem Hals, er schluckt, der Klumpen löst sich, rinnt wie heiße Tropfen seine Kehle hinunter, die sich in seinem Bauch in Tausende von Schmetterlingen verwandeln. Sie sitzt auf einem Einzelplatz. Ihr Gesicht ist umrahmt von einem bunten Kopftuch, das in allen Farben des Regenbogens leuchtet. Sie trägt einen modernen Hosenanzug, beige, mit dunklen schmalen Streifen. Sie schaut auf. Er bleibt neben ihr stehen, blickt in dunkle Augen, ertrinkt darin. Er will sie ansprechen. Doch in welcher Sprache? Er zögert, geht weiter. Feigling.

Am nächsten Tag steht er zur gleichen Zeit an der Haltestelle. Schon beim Einsteigen entdeckt er das farbenfrohe Kopftuch. Sie sitzt auf demselben Platz wie am Vortag. Ob sie eine Studentin ist? Er blickt sich suchend um. Keine Tasche, keine Bücher. Bestimmt ist sie neu in der Stadt. „Hi …“ Mehr kommt ihm nicht über die Lippen. Sie lächelt, schweigt. Gestern war er ausgestiegen, sie war weitergefahren. Heute wird er warten. Mit ihr den Bus verlassen. Nein, keine gute Idee. Vielleicht fühlt sie sich von ihm verfolgt. Seine Haltestelle. Er steigt aus.

Ungeduldig wartet er auf den Bus. Heute wird er sie ansprechen. Er entdeckt ihr Kopftuch, das aus der Menge des dumpfen Dunkelfarbenbreis hervorsticht.

„Hi, ich bin Chris. Bist du fremd hier? Wenn du möchtest, zeige ich dir meine Stadt, ich habe Zeit für dich.“

Sein Englisch klingt holprig in seinen Ohren. Doch sie lächelt, nickt unmerklich. Schweigt. Er kann warten. Als sie aussteigt, verlässt auch er den Bus, trottet wie ein junger Hund neben ihr her. Kurz kommt ihm in den Sinn, ob sie vielleicht stumm ist. Er begleitet sie bis zu einem Haus, vierstöckig, schäbig, es hatte schon bessere Zeiten gesehen. Den ganzen Weg hat er ihr etwas über die Stadt erzählt, über die Uni. Er glaubt, dass sie ihn verstanden hat. Am nächsten Tag berichtet er ein wenig über sich, seine Hobbys, seine Pläne für die Semesterferien. Sie lauscht aufmerksam.

Nach einer Woche hat er sein Leben wie ein offenes Buch vor ihr ausgebreitet. Und von ihr weiß er nichts. Gestern hat er angedeutet, er wolle sie in das Haus begleiten. Doch sie hat den Kopf geschüttelt. Er war gegangen. Vielleicht morgen.

Der Bus hält. Sie ist nicht da. Er schaut über alle Köpfe hinweg. Keine Spur von ihr. Doch, da liegt ihr Kopftuch. Er nimmt es, riecht daran, ein schwerer Duft, Weihrauch? Er faltet es zusammen, steckt es ein. Er wird es ihr nach Hause bringen.

Vier Klingelschilder, vier Namen, vier Nationen. Erdgeschoss. Hemidi. Er drückt auf den Knopf, die Tür springt auf. Eine Frau und ein Kind stehen in der Tür, schauen gleichsam neugierig und ängstlich. Unbeholfen hält er das Kopftuch in der Hand, kennt noch nicht einmal den Namen seiner Besitzerin. Ein Klagelaut lässt ihn zusammenfahren. Dann geben die beiden den Weg in die Wohnung frei.
Das Wohnzimmer, ein zerschlissenes Sofa, eine Kommode, darauf eine Fotografie. Eine junge Frau. SIE. Eine weiße Schleife an der Ecke des Rahmens. Fragend dreht er sich um. „Zada. Meine große Schwester. Heute vor einem Jahr ist sie gestorben. Eine Autobombe. In Damaskus.“

Zur Person

Liliane Skalecki wurde in Saarlouis (Saarland) geboren und hat Kunstgeschichte, Klassische und Vorderasiatische Archäologie an der Universität des Saarlandes studiert und mit Promotion abgeschlossen. Seit 2001 lebt sie mit ihrer Familie in Bremen. Sie hat Sachbücher und Fachartikel rund um die Pferdekultur sowie über Kunst und Architektur, Unternehmerdarstellungen und Chroniken veröffentlicht. Gemeinsam mit Biggi Rist hat sie bisher vier Kriminalromane im Gmeiner Verlag herausgebracht: „Schwanensterben“, „Rotglut“, „Mordsgrimm“ und „Rabenfraß“. Der neue Roman „Ausgerottet“ erscheint im Frühjahr 2017. Außerdem hat Liliane Skalecki Krimikurzgeschichten in Anthologien publiziert und ist Herausgeberin und Mitautorin von „Muse, Mord und Pinselstrich“.
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