Das pure Handwerk

Schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben. Stehen Sie momentan unter Zeitdruck?Jens Mahlstedt: Ja, wir machen zum neunten Mal den Modepreis in Hannover, die jährliche Abschlussproduktion für die ­Bachelor-Absolventen. Ich ­arbeite dort an der Hochschule.
16.07.2017, 00:00
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Schön, dass Sie Zeit für ein Gespräch haben. Stehen Sie momentan unter Zeitdruck?

Jens Mahlstedt: Ja, wir machen zum neunten Mal den Modepreis in Hannover, die jährliche Abschlussproduktion für die ­Bachelor-Absolventen. Ich ­arbeite dort an der Hochschule. Das ist eine ziemlich große Geschichte mit einer international besetzten Jury. Ich habe die musikalische Leitung.

Sie arbeiten seit zehn Jahren in Hannover?

An der Schule, ja. Mit Musik für Schauen habe ich ganz früh angefangen. Mit dem damaligen Professor Istvan Ekrich von der Hochschule für Künste haben wir in Bremen zum Beispiel einmal im Modernes eine Schau gemacht. Das muss auch schon ziemlich lange her sein (lacht). Es war gleich nachdem das Modernes eröffnet hatte.

Dann hatten Sie schon viele Jahre mit ­Modeschauen zu tun?

Es ging immer um avantgardistische Mode, experimentelle Geschichten, nie um eine Schau in der Strandlust Vegesack, auf der Bademoden vorgeführt werden. Ich hegte immer den Gedanken, das Ganze etwas ­experimenteller und futuristischer zu gestalten. Es macht musikalisch einfach sehr viel Spaß. Man hat die Möglichkeit, aus dem Vollen zu schöpfen: von Jazz und Filmmusik über Techno und Punk – das, was in das Farben- und Stimmungsbild reinpasst.

Wenn Sie bei der „ReUnion“ im Shagall auflegen, stehen die goldenen Jahre des Techno­ im Vordergrund. Spiegelt sich das dann auch in Ihrem Set wider?

Ich bin kein Bäcker, der die drei Backformen mitbringt, die die Jahre 1990 bis 1997 beinhalten. Ich erwarte immer – egal, was man auch tut – einen gewissen Funken Aufgeschlossenheit. Es ist eine spontane ­Geschichte, die über das pure Handwerk funktioniert. Ich ­entscheide­ immer erst in der Sekunde, wenn sich das Vinyl dreht, was als Nächstes auf dem anderen Teller platziert wird. Spontaneität ist ganz wichtig – und vor allem ein Gespür dafür, was auf der Tanzfläche gerade passiert.

Am Tag Ihres Bookings haben Sie Geburtstag und können auf 30 Jahre DJ-Tätigkeit zurückblicken. Ist das die Gelegenheit, mit Freunden und der Familie zu feiern?

Wir werden sicherlich anstoßen, aber ganz privat. Es ist Zufall, dass die Party an meinem Geburtstag stattfindet – und ich werde eine Handvoll Leuten darüber informieren und würde mich freuen, wenn sie dort dann auch zu sehen sind.

Es heißt, Sie leben im Grünen. Wohnen Sie wieder in der Nähe von Bremen?

Im Teufelsmoor – gut versteckt zwischen Worpswede und Fischerhude.

Sind Sie von London direkt dorthin gezogen?

Ja, tatsächlich. Wenn man lebt und viel erlebt, die Jahre und das Leben gehen weiter – dann fragt man sich, ob man wirklich 365 Tage pro Jahr in einer riesigen Metropole verbringen muss oder ob es nicht vielmehr Spaß macht, gelegentlich mal reinzuschauen. Berlin ist ja nicht weit weg, Hamburg ist um die Ecke. Mir reicht das inzwischen.

Ein Freund aus Großbritannien wird am Abend auch vor Ort sein: Steve Mason, mit dem Sie viel zusammengearbeitet haben.

Es ist ein sehr guter Freund. Wir haben ­damals auf ähnlichen Partys gespielt. Wir gehörten zu den Kandidaten, die von London aus auf die Kontinente flogen, um auf irgendwelchen Raves und Partys aufzulegen. Steve legt kaum noch auf. Inzwischen gibt er Werkunterricht an einer kleinen Schule an der Südküste von England. Er macht jetzt auf mich einen viel zufriedeneren Eindruck.

Legen Sie noch regelmäßig auf?

Ja, aber ich habe mittlerweile die Möglichkeit, mir auszusuchen, was ich mache. Ich entscheide mich immer ganz strikt dafür oder dagegen. So macht es Spaß.

Sie werden immer wieder mit einem Track in Verbindung gebracht – der ­Techno-Hymne­ „Loops & Tings“ aus den 90er-Jahren.

„Loops & Tings“ ist die Platte, die tatsächlich durchgeknallt hat. Es existieren heute 150 oder mehr Versionen. Wir Autoren, also Gerret und ich, bekommen immer noch ­Remix-Anfragen dafür – die meisten lehnen wir ab. Die Hymne ist selbst ein Remix von dem Track gewesen, den wir ein Jahr vorher veröffentlicht hatten. Er ist damals aus einer Sektlaune in unserem Studio in ­Oldenburg entstanden. Wir haben versucht, alle Klischees, die damals in der Musik, auf den Raves und in House- und Techno-Clubs zu finden waren, in einen Titel reinzupacken. Das haben wir getan, haben eine Flasche Sekt zusammen getrunken, haben uns totgelacht – und dann das Ding veröffentlicht. Ich bin verreist, kam wieder und musste­ dann den Telefonstecker aus der Wand ziehen … (lacht) Das war eine witzige Zeit.

Sie haben den Leitfaden für Hits entdeckt!

Das war nicht geplant. Es ist wirklich einfach passiert. Ich glaube, man kann Hits auch nicht planen – die Leute merken, ob man es ernst meint oder nicht.

Damals sind Sie gleichzeitig zum Theater gekommen?

Das hat sich aus meiner Clubkultur entwickelt – damals als DJ im Maxx in Bremen. 1990 war Andras Fricsay Oberspielleiter am Theater Bremen. Er ist mit seinem Team zum Tanzen ins Maxx gekommen. Er hat mich für die erste Produktion von Shakespeares „Was ihr wollt“ engagiert. Fricsay hat das ganze Stück inhaltlich nach Afrika verlegt. Ich war für die musikalische Leitung verantwortlich, weil ihm aufgefallen war, dass im Maxx sehr viele Trommeln zu hören waren. So entsteht so was (lacht).

Und Sie machen immer noch Theatermusik?

Ja, sehr regelmäßig und sehr gerne. Es ist eine komplett andere Welt. Ich mache vor allem Sprechtheater. Da liegt für mich auch der Reiz darin, zu versuchen, die klassischen Texte nicht zu zerstören oder mit Sounds und Flächen zuzukleistern, sondern immer dann einzusetzen, wenn Brücken, Klammern oder Stützen nach meinem Empfinden möglich sind.

Es gibt also momentan keinen Schwerpunkt bei Ihren ganzen Tätigkeiten . . .

Ich mache Musik. Ich liebe Musik und versuche, Musik weiterzugeben.

Das Gespräch führte Linda Bussmann.

Jens Mahlstedt legt am Sonnabend, 22. Juli, ab 22 Uhr im Rahmen der Techno-Reihe ­„ReUnion“ im Shagall auf. Ebenfalls zu Gast ist sein langjähriger DJ-Kollege Steve Mason.

Zur Person

Jens Mahlstedt ist DJ, Musikproduzent und Komponist. Der gebür­tige Bremer schreibt Soundtracks für Theater und Film, vertont experimentelle Modenschauen und lehrt dies an der Hochschule Hannover, Fakultät Medien, Information und Design. In den 90er-Jahren landete Mahlstedt mit der Techno-Hymne ­„Loops & Tings“ einen großen Hit. In dieser Zeit lernte er den britischen Star-DJ Steve Mason kennen. Die beiden verbindet eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit. Als Sly Fidelity & Clubfoot Breakbeats feierten sie Erfolge in der britischen Break­beat-Szene und haben gemeinsam unter dem ­Namen 2 Bald Men produziert. Bei der Techno-­Reihe „ReUnion“ im Shagall feiert Mahl­stedt nicht nur ein Wiedersehen mit seinem Freund, sondern auch seinen Geburtstag.
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