Am Theater Bremen hat „Der Idiot“ nach dem Roman von Fjodor Dostojewski Premiere Das Scheitern des Guten

Kann in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nur ein krasser Außenseiter die absolute moralische Perfektion verkörpern? Muss er seiner Umgebung als Idiot erscheinen oder bis zu einem gewissen Grad tatsächlich einer sein? Das sind zentrale Fragen, die in der Theaterinszenierung „Der Idiot“ nach dem Roman von Fjodor Dostojewski am Theater Bremen gestellt werden. Das Stück hatte am Donnerstag Premiere.
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Das Scheitern des Guten
Von Uwe Dammann

Kann in unserer gegenwärtigen Gesellschaft nur ein krasser Außenseiter die absolute moralische Perfektion verkörpern? Muss er seiner Umgebung als Idiot erscheinen oder bis zu einem gewissen Grad tatsächlich einer sein? Das sind zentrale Fragen, die in der Theaterinszenierung „Der Idiot“ nach dem Roman von Fjodor Dostojewski am Theater Bremen gestellt werden. Das Stück hatte am Donnerstag Premiere.

Da steht er nun. Mutterseelenallein auf der Bühne im Scheinwerferlicht. Gestreifter Wollpullover, hängende Schultern, fliehende Stirn: der Idiot. Auch das Äußere spricht Bände. Doch der erste Eindruck trügt, der Mann ist kein „Verrückter“ (gibt es das Wort heute überhaupt noch?), kein „Irrer“, sondern einer, der eher an der eigenen Empathie zugrunde geht.

„Die Welt harmonisch gestalten, an das Wir glauben, der eigenen Empathie keine Grenzen setzen – kann das heutzutage nur noch ein Idiot?“. Diese Fragestellung, die einst Walter Benjamin nach der Lektüre von Dostojewskis Roman „Der Idiot“ aufgeworfen hatte, steht auch im Mittelpunkt des gleichnamigen Theaterstücks, das im Kleinen Haus des Theater Bremens Premiere hatte. Das Ringen der Hauptfigur Fürst Myschkin um Harmonie, Wertschätzung und Liebe in einer Welt voller Egoismus, Hader und Missgunst gibt der Inszenierung von Frank Abt einen zeitlosen aktuellen Bezug. Der Schauspieler Alexander Swoboda interpretiert Fürst Myschkin in der Bremer Inszenierung großartig. Der Fürst wird von allen aufgrund seines großen Mitgefühls als „Idiot“ belächelt. Er leidet sichtbar an der Missachtung seiner Umwelt, ist unglücklich verliebt oder tanzt wie ein Derwisch halb nackt über die Bühne, um im nächsten Moment stark schwitzend zusammenzubrechen.

Seine Wunschvorstellung, eine ehrliche, harmonische Welt zu gestalten, und möglichst allen zu helfen, ist in dieser Umgebung zum Scheitern verurteilt. Obendrein leidet er an Epilepsie und bekommt die krampfartigen Anfälle offenbar immer dann, wenn ihm die Ausgrenzung zu viel wird. Außerdem ist der Fürst noch in eine tragische Dreiecksbeziehung verwickelt und hat sich unglücklich in Nastassja ( Nadine Geyersbach) verliebt, die ihn abweist. Stattdessen will sie Fürst Myschkin mit Aglaja (Kristina Pauls) verkuppeln. In diesem Beziehungsgeflecht versucht der Fürst, es jedem recht zu machen und verliert sich dabei selbst.

Das alles findet in der Bremer Inszenierung auf einer Bühne statt, die außer einem goldenen Flittervorhang, der ein wenig an weihnachtliches Lametta erinnert, und ein paar Stühlen völlig schmucklos dasteht. Der Idiot steht in fast in jeder Szene im Mittelpunkt, während die anderen neun Akteure zumeist vom Rand her versuchen, ihn in die Intrigen ihrer Gesellschaft einzubeziehen. Das ist vor allem im ersten Teil der mehr als drei Stunden dauernden Inszenierung extrem textlastig. Die zum Teil übersteigerte Sprache in den Dialogen und Monologen der Protagonisten strengt die Zuhörer an. Für Abwechslung sorgen lediglich Musikstücke.

Nach der Pause kommt dagegen mehr Schwung und Aktion in die Inszenierung – vor allem in die Hauptfigur selbst. Der Höhepunkt dabei ist eine exzessive Partyszene. Fürst Myschkin will sich einen schicken Anzug anziehen, bekleckert das Hemd, steht nur mit Unterhose bekleidet da und wird so noch mehr zur lächerlichen Figur. Sein kurioses Wesen zieht alle in ihren Bann und stößt sie gleichzeitig ab. Als er endlich den Anzug trägt, macht er eine deutlich bessere Figur und trumpft auf der Party auf. Hier fegt er zu „Love Cats“ von The Cure über die Tanzfläche – wobei das Wurfspiel mit Sektflaschen, mit der die ausgelassene Stimmung illustriert wird, eher lustig als dramaturgisch notwendig erscheint. Irgendwann bricht der Idiot zusammen – wieder allein gelassen. Er ist zu kraftlos, um sich und anderen zu helfen. Nach dem beklemmenden Schlussakt gibt es zunächst zaghaften, aber lang anhaltenden Beifall.

Weitere Termine: 21. Dezember, 18.30 Uhr, 11. Januar, 18.30 Uhr und 17. Januar, 19 Uhr, im Kleinen Haus des Theaters Bremen.

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