Das Selbst im Fokus

Das Gerät wird weithin noch als Kuriosität belächelt und ist doch schon verboten: Die Londoner Fußball-Klubs FC Arsenal und Tottenham Hotspur haben unlängst ein Selfie-Stangen-Verbot für ihre Stadien erlassen. Die Teleskop-Stative, die man gelegentlich auch auf dem Bremer Marktplatz bestaunen kann, dienen dazu, den Abstand zu sich selbst über Armeslänge hinaus zu vergrößern.
11.01.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Das Gerät wird weithin noch als Kuriosität belächelt und ist doch schon verboten: Die Londoner Fußball-Klubs FC Arsenal und Tottenham Hotspur haben unlängst ein Selfie-Stangen-Verbot für ihre Stadien erlassen. Die Teleskop-Stative, die man gelegentlich auch auf dem Bremer Marktplatz bestaunen kann, dienen dazu, den Abstand zu sich selbst über Armeslänge hinaus zu vergrößern. Damit bekommt man mehr aufs Bild, von sich selbst sowie vom sehenswerten Rahmen wie eben dem Bremer Marktplatz, und zwar, ohne dass ein Teil des Armes aus dem Bild ragt.

Die Metallstangen können indes – auch ungewollt – Begleitschäden verursachen. Der Spiegel zitierte vor wenigen Tagen die „New York Times“, wonach die Selfie-Stange sichtlich Manhattan erobere: „An Silvester ist es kaum möglich gewesen, New Yorks Touristenziele zu begehen, ohne von einer Stange gestupst oder gestoßen zu werden.“ Die Zeit berichtet über das „Top-Touri-Tool“, das zur „Plage in Kirchen und Museen“ werde. Die meisten, auch jungen Menschen, heißt es, finden die Stange zwar grundsätzlich hochnotpeinlich, aber unter www.selfiestickcenter.de findet man Testberichte über die besten Geräte, auch mit wasserdichtem Zubehör. Ratgeber weisen den Weg, wie man sich selbst von seiner Schokoladenseite fotografiert: „Richten Sie die Kamera auf das faszinierendste und attraktivste Modell – Sie selbst!“

Selfies? Selfie-Sticks? Selfie-Ratgeber? Was soll das bloß? Kreisen junge Menschen so sehr um sich selbst, dass sie sich fortwährend in Szene setzen und ihr Konterfei über soziale Netzwerke verteilen müssen? Ist das Bremer Rathaus nicht auch so schon schön genug? Womöglich sind Selfies aber weniger Ausdruck von Egomanie, sondern dienen im Gegenteil der Selbstvergewisserung, des Heraushebens des Individuums aus der Masse. Vielleicht braucht es im Internetzeitalter auch eines digitalen Beweises, dass man den Roland und das Rathaus tatsächlich von Nahem gesehen hat.

Es ist kein Phänomen des frühen 21. Jahrhunderts, sich selbst darzustellen. Selbstbildnisse gibt es in der Kunst seit Jahrhunderten, man vermutet, seit der Antike. Das erste fotografische Selbstporträt soll Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sein. Allerdings unterscheiden sich Selfies durch ihre Flüchtigkeit. Sie werden nicht minutiös geplant und eingerichtet. Sie entstehen eher beiläufig, meist auf die Schnelle, aus einer Laune heraus. Es sind Schnappschüsse, nicht für ein Fotoalbum gedacht, sondern meist Bestandteil einer digitalen Identität, die über Facebook, Twitter und Instagram verbreitet wird: Sieh her. Das bin i

ch. Und das ist meine Welt. Ich bin der Hauptdarsteller in meinem Leben und König in meinem Reich. Und dir erlaube ich den Zutritt.

„Wir hatten früher viel Spaß mit Fotoautomaten“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Natascha Adamowsky. Heute seien derartige Bilder jederzeit für praktisch jedermann in Sekunden anzufertigen und zu verbreiten. „Junge Leute benutzen solche Fotos als eine Art öffentliches Tagebuch oder Selbstreportage, um zu dokumentieren, wer sie sind und was sie machen.“ Womöglich seien Selfies auch Ausdruck für eine „Flucht nach vorn“, so die Freiburger Professorin: „Wenn ich schon durchleuchtet und gezwungen werde, alles Mögliche von mir preiszugeben, dann mache ich meine eigene Geschichte daraus.“

Das kann unterhaltsam sein, niedlich und aufschlussreich, sehr persönlich oder auch frivol. Und es kann massive Proteste nach sich ziehen. Tobias Koch bezieht sich in einer Bachelorarbeit an der Business School Berlin Potsdam zum Thema Selfies auf das angeblich „schlimmste Selfie aller Zeiten“. Es zeigt einen weiblichen US-Teenager, der in der Gedenkstätte Auschwitz breit in sein Smartphone grinst. Das Bild brachte dem Mädchen international schäbigen Ruhm ein. „Selbstvergessenes oder naives Handeln lassen den Produzenten eines solchen Bildes die Reflexion seiner Handlung gerne vergessen“, und derartige Ausrutscher, betont Koch, seien keine Frage des Alters oder des Status’.

Ob Potsdam oder Freiburg: Die Wissenschaft beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit der Flut von Selbstaufnahmen, die das Internet täglich wie ein Tsunami überspülen. Im April findet in Marburg eine Tagung mit dem Titel „#selfie – Imag(in)ing the Self in Digital Media (Abbilden des Selbst in den digitalen Medien) statt. Das Publikum: international, die Themen: interdisziplinär. Organisiert wird die zweitägige Konferenz von Professor Jens Ruchatz und seinen Kollegen vom Institut für Medienwissenschaft. Ziel der Konferenz sei, sagt Ruchatz, das Phänomen kulturell und sozial sowie medien- und fotografiegeschichtlich einzuordnen.

Eine These, der in Marburg nachgegangen werden soll: Das Selfie ist kein Porträt im eigentlichen Sinne, kein dauerhaftes Souvenir, sondern eine zeitgenössische Form der Kommunikation. Im Grunde zeige die Art der Aufnahme (beiläufig) und die Verwendung (in den sozialen Netzwerken), dass ein Bild nicht mehr als eine Nachricht übermittle: Ich bin gerade in Paris, vorm Eiffelturm. Es regnet in Strömen, aber ich bin dennoch guter Dinge. „Selfies sind keine gültige Darstellung, sondern sie spiegeln eine Augenblicklichkeit“, sagt der Marburger Professor. Sie seien Teil der Share-your-life-Philosophie der sozialen Netzwerke – man lasse andere an seinem Leben teilhaben, in Worten und Bildern.

Das erklärt die ungeheuren Banalitäten, die Selfies zeigen, oft ganz bewusst. Selbstverständlich darf man sich fragen, ob man mitteilen müsse, dass und wo man gerade einen Latte Macchiato trinke. Aber bei Telefonaten mit Freunden werde auch nicht nur Tiefschürfendes ausgetauscht, gibt der Medienwissenschaftler zu bedenken. „Das Besondere ist, dass sich der Austausch von Banalitäten nicht auf eine Person beschränkt“ – sondern auf ganze Gruppen oder womöglich auf alle Welt. Und da dürfen die Banalitäten Wildfremder durchaus nerven – oder aber voyeuristisches Interesse wecken.

„Eine gewisse Selbstverliebtheit“ könne man den Fotografen nicht absprechen, aber das charakterisiere weder eine Generation noch das Medium. Jeder inszeniere sich täglich selbst in der Öffentlichkeit, durch seine Kleidung, durch sein Auftreten, durch Statussymbole aller Art. „Man muss sich heute als Individuum darstellen, um die Außenwelt auf sich reagieren zu lassen.“ Zudem, ergänzt Natascha Adamowsky: Die jungen Menschen von heute seien mit elektronischen Medien und Bilderfluten groß geworden. Wer wolle heute noch ein Bild von Pyramiden sehen, zumal mit dem Smartphone geknipst? Es gehe bei Selfies nicht darum, alleine im Mittelpunkt zu stehen, sondern eine tragende Rolle zu übernehmen. „Ich erzähle damit selbst meine eigene Geschichte. Ich schaffe mir in diesem unendlichen Bilder-Medien-Teppich einen Platz.“

Besonders viel Platz räumen sich dabei Prominente ein – von Barack Obama bis Justin Bieber. Ihnen, sagt Jens Ruchatz, habe das Selfie seine steile Karriere zu verdanken. Für bekannte Persönlichkeiten sind die Bilder meist Teil einer geschickten Selbstvermarktungsstrategie. Sie entziehen zugleich Paparazzi ihre Geschäftsgrundlage, indem das Privatleben teilweise freiwillig entblößt und in Bildern verbreitet wird. Eine der Königinnen der Selfies ist die amerikanische Schauspielerin Kim Kardashian. Eine ihrer Spezialitäten sind sogenannte Belfies – Selbstaufnahmen ihres Butts, also ihrer vier Buchstaben. Denn Selfie ist längst nicht mehr Selfie, es haben sich Dutzende von Gattungen gebildet, so Ruchatz. Darunter Felfies – Selfies for Farmers, auf denen sich Landwirte ablichten, mit und ohne Vieh. Suglies zeigen angestrengt hässliche Selbstporträts. Ussies sind Gruppenselfies. Ein Ussie, das nachgerade um die Welt ging, initiierte die US-Schauspielerin Ellen Degeneres während der Oscar-Verleihung 2014 mit Kollegen wie Brad Pitt, Jennifer Lawrence, Bradley Cooper und Meryl Streep.

Selfies seien kein Anlass zu Kulturpessimismus, da sind sich Ruchatz und Adamowsky einig. „Früher galt das Fernsehen generell als gefährlich und bedrohlich, heute ist es das Internet“, sagt der Marburger Professor.

Tatsächlich seien Selfies eine harmlose Form der Kommunikation, eine Spielerei. Selbst von Selfie-Stangen verursachte blaue Augen und Prellungen könnten bald überwunden sein – durch den neuesten Trend Dronies: Fotos, die kleine Drohnen aus der Luft knipsen.

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