Kabale und Hiebe: Klaus Schumachers „Othello“-Inszenierung am Theater Bremen setzt auf Geometrie der Gefühle Delikate Dreiecksbeziehung

Der Regisseur Klaus Schumacher befreit die von ihm am Theater Bremen vorgeführten Stücke gut und gern von historischem Zierrat und weltanschaulichem Ballast, um zu ihrem menschlichen, allzu menschlichen Kern vorzudringen. Bei seiner Inszenierung der 1622 veröffentlichten Shakespeare-Tragödie „Othello“ gehen die an Text und Personal vorgenommenen Entlastungsschnitte zugunsten einer Vivisektion der Leidenschaft, die im Theater am Goetheplatz recht unterkühlt dargeboten wird.
06.10.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Delikate Dreiecksbeziehung
Von Hendrik Werner

Der Regisseur Klaus Schumacher befreit die von ihm am Theater Bremen vorgeführten Stücke gut und gern von historischem Zierrat und weltanschaulichem Ballast, um zu ihrem menschlichen, allzu menschlichen Kern vorzudringen. Bei seiner Inszenierung der 1622 veröffentlichten Shakespeare-Tragödie „Othello“ gehen die an Text und Personal vorgenommenen Entlastungsschnitte zugunsten einer Vivisektion der Leidenschaft, die im Theater am Goetheplatz recht unterkühlt dargeboten wird.

Das Gewächshaus wurde nicht auf der ohnehin subtropisch klimatisierten Insel Zypern ersonnen, auf der William Shakespeare seinen „Moor of Venice“ im 15. Jahrhundert vor Eifersucht geifern und morden lässt. Vielmehr geht die Erfindung, in passioniertem Theaterkontext wohl zutreffender Treibhaus genannt, auf den europäischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts zurück. Damals wurde es schick, Exoten zu sammeln und als Kuriosität herzuzeigen. Das begann mit Pflanzen – und mündete um 1875 in Gestalt der Völkerschauen in die Zurschaustellung fremder Ethnien.

Auf solche Vorführeffekte scheinen sich Klaus Schumacher, Benjamin von Blomberg (Dramaturgie) und Katrin Plötzky (Bühne) zu beziehen, wenn sie den Schauraum des Theaters am Goetheplatz mit einem gediegenen Gewächshaus ausstatten, dessen Konstruktion auch im Schlosspark Schönbrunn (Wien) und der Pfaueninsel (Berlin) Anklang gefunden hätte. Die Exponate sind freilich weniger gefällig als die Bauart: Menschen sind es, zusehends zerfressen von todsündeträchtigen Affekten, zumal von Neid oder/und Eifersucht, jenem „grünäugigen Ungeheuer, das unser Fleisch verhöhnt, eh es uns frisst“.

Benebelnder Illusionist

Der Strippenzieher Jago, den Guido Gallmann als wendiges wie windiges Mischwesen aus beflissenem Harlekin und maliziösem Joker anlegt, ist der (un)heimliche Regisseur dieser auffällig verhalten, ja kühl servierten Gefühlsextremismusversuchsanordnung. Dieser schwarze Magier mit blütenweißer Tugendmaske ist ein rhetorisch begnadeter Falschspieler, ein manipulativer Illusionist, der seine Spielfiguren im Wortsinne zu benebeln weiß. Zudem besitzt er die Fernbedienung für das Treibhaus und für dessen getriebene Bewohner. Politische und militärische Macht als auch nur suggestive Begründungen seines Handelns interessieren den Ränkeschmied allenfalls am Rande; selbst seine vorgeblich rassistischen Motive wirken wie Routine. Die quälerisch langsame Implementierung seines bösen Spiels, genauer: einer Kröte namens Eifersucht, scheint ihm Zweck genug für die Entfesselung des Passionstheaters, das gegenüber der Vorlage von 14 auf sieben Figuren dezimiert worden ist.

Bis Jagos intrigante Inszenierung in dem kontaminierten Gewächshaus fruchtet; bis Othello die verunglimpfte Desdemona „wucherndes Unkraut“ nennt, dauert es eine lange Weile. Umso nachhaltiger, umso trefflicher wirkt nach dutzendfacher Exposition die Explosion des vom gesäten Misstrauen gefällten Feldherrn. Theo Fransz verkörpert ihn – beim ersten Auftritt als Schauspieler nach sechs Jahren – als schwankenden Koloss, muskulös noch im Schwächeln: Erst als Kabale das Gewächshausklima unwiderruflich vergiftet hat, setzt es Hiebe für Desdemona (dezenter als in früheren Schumacher-Produktionen: Annemaaike Bakker). Gerade weil die Akteure die ihnen von Jago nur in kleinen Dosen zugefügte Gewaltförmigkeit lange nur rhetorisch und zudem meist frontal ausagieren, trifft Othellos erster physischer Ausraster seine ihm angeblich untreue Frau wie ein, nun ja, Keulenschlag. Nicht auszudenken, sein jäher Zorn hätte sich gegen den ebenfalls massigen Cassio (einmal mehr von kraftvoller Präsenz: Simon Zigah) gerichtet, Desdemonas vermeintlichen Liebhaber. Godzilla gegen King Kong wäre nichts dagegen.

Intensiv ist das Kammerspiel stets, wenn es Affekte durch Effekte betont (Musik: Thorsten Zumfelde, Tobias Verhake; Licht: Christian Kemmetmüller). Etwas schwächer wirkt das Spiel, wenn die strenge Geometrie der Dreiecksbeziehung Othello-Desdemona-Cassio (nebst Jago als einflüsterndem Scharfmacher) durch nachgeordnete Beziehungen aus dem Blick gerät: Ehrgeizling Rodrigo (Peter Fasching) und die Cassio zugeneigte Hure Bianca (Nina Sarita Balthasar) tragen nur wenig zu dem von Klaus Schumacher herausgeschälten Kernkonflikt bei; dagegen fügt sich Jagos Frau Emilia (stark: Irene Kleinschmidt) bestens in ein strenges Inszenierungskonzept, das zwar aufgeht, aber nur bedingt bewegt.

Nächste Vorstellungen: 10., 18. und 24. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr am Goetheplatz.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+