Historiker vermuten große Mengen an sowjetischen Kulturgütern in deutschem Privatbesitz

Den Plünderungen auf der Spur

Es wurde geplündert, geraubt, beschlagnahmt. Hunderttausende sowjetische Kulturgüter wurden während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland gebracht. In einem neuen Projekt erforscht der Historiker Wolfgang Eichwede, welche Wege sie nahmen. Wichtig dabei: Mitarbeiter mit Detektiv-Kompetenz.
03.03.2015, 00:00
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Den Plünderungen auf der Spur
Von Kathrin Aldenhoff
Den Plünderungen auf der Spur

Wolfgang Eichwede und seine Mitarbeiterinnen Ulrike Schmiegelt-Rietig und Corinna Kuhr-Korolev im Archäologischen Zentrum Berlin, wo die Akten für ihr aktuelles Forschungsprojekt zur Beutekunst aus der Sowjetunion, die nach Deutschland verschleppt wurde, zur Zeit lagern.

Marco Petig

Es wurde geplündert, geraubt, beschlagnahmt. Hunderttausende sowjetische Kulturgüter wurden während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland gebracht. In einem neuen Projekt erforscht der Historiker Wolfgang Eichwede, welche Wege sie nahmen. Wichtig dabei: Mitarbeiter mit Detektiv-Kompetenz.

Sie hatten einen Namen: Perseke. Immer wieder hatte Wolfgang Eichwede diesen Nachnamen genannt. Historikerin Corinna Kuhr-Korolev schrieb ihn dann auf einen gelben Notizzettel, dahinter ein Fragezeichen, und klebte ihn auf ihren Schreibtisch. Und eines Tages fing sie an, Detektiv zu spielen. Seit 2012 ist sie Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe, die der Historiker Wolfgang Eichwede leitet. Es geht um das Thema Beutekunst, und man könnte sagen, es ist das Thema seines Lebens. Schon in den 90er-Jahren leitete er eine Arbeitsgruppe an der von ihm gegründeten Bremer Forschungsstelle Osteuropa. Acht Jahre lang leisteten sie damals Pionierarbeit, suchten nach sowjetischen Kulturgütern, die während des Krieges nach Nazi-Deutschland verschleppt wurden.

Auch im aktuellen Projekt „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“ stehen wieder die Stücke im Fokus, die Deutsche in der Sowjetunion geraubt haben. „Beim Stichwort Beutekunst denken alle an die deutschen Verluste. Wir wollen mit unserem Projekt einen Kontrapunkt setzen“, sagt der 72-Jährige. „Der Kunstraub hat mit deutschem Kunstraub begonnen.“ Klar, auch die Baldin-Sammlung aus der Bremer Kunsthalle, die immer noch in Russland ist, beschäftigt ihn. Er hat in der Sache vermittelt; er will, dass die Kunstwerke nach Hause zurückkehren. Aber eben nicht nur die deutschen.

Eichwede hört den Namen Perseke das erste Mal im Jahr 1993. Eine Frau Perseke rief in der Bremer Forschungsstelle an. Ihr Mann sei als Soldat in Russland gewesen. Er habe ein paar Dinge hinterlassen, die wolle sie Herrn Eichwede mal zeigen. Also fuhr er zu ihr, und Frau Perseke zeigte ihm Bücher aus dem 18. und 19. Jahrhundert, auch ein Atlas von Nordeuropa aus dem Jahr 1703 war dabei. Und Dinge, auf die sich Eichwede damals keinen Reim machen konnte: Scharniere, Tapetenreste. Der Soldat Perseke hatte sie im Zweiten Weltkrieg von Russland nach Deutschland gebracht. Die 82-jährige Frau Perseke sagte auch, dass ihr Mann das Bernsteinzimmer in Zarskoje Selo mit abgebaut habe. „Ich hätte damals nachfragen müssen, was das genau für Scharniere sind“, gibt Wolfgang Eichwede zu. „Aber es machte sie alles so furchtbar traurig.“ Also fragte er nicht.

Wolfgang Eichwede sitzt mit Corinna Kuhr-Korolev und der Kunsthistorikerin Ulrike Schmiegelt-Rietig in einem ungarischen Restaurant in Berlin. Gemeinsam mit der russischen Historikerin Elena Zubkova in Moskau sind sie die Arbeitsgruppe des aktuellen Beutekunst-Projekts. Sie haben sich sechs Museen im russischen Nordwesten vorgenommen: Nowgorod, Pskow, und die vier Zarenschlösser um St. Petersburg: Peterhof, Zarskoje Selo, Gatschina und Pawlowsk. „Der Ausschnitt eines Ausschnitts“, sagt Corinna Kuhr-Korolev. Aber immerhin. Von diesen Orten wollen sie eine Mikrogeschichte schreiben. Sie wollen herausfinden, wie Kulturgüter verschwunden sind, wer sie genommen hat, und auf welchen Wegen sie nach Deutschland gekommen sind. Dabei dienen ihnen die Akten und die Forschungen der Bremer Arbeitsgruppe aus den 90er-Jahren als Grundlage.

Den Namen Perseke nie vergessen

Den Namen Perseke hat Wolfgang Eichwede nie vergessen, und so erzählte er bei Projektbeginn seinen beiden Mitarbeiterinnen von dem ehemaligen deutschen Soldaten und seiner Frau. Er weiß heute noch, wo Frau Perseke wohnte: in der Kulenkampffallee hinter Schwachhausen. Dann zieht Eichwede ein braunes Büchlein mit Adressen aus der Tasche und blättert darin. Es dauert wenige Sekunden, dann hat er die richtige Seite gefunden: die Bremer Telefonnummer von Frau Perseke, sechs Ziffern, vor Jahren mit Bleistift notiert. Zehn Bücher gab sie ihm damals, die brachte er schon vor Jahren zurück. In den Katharinenpalast nach Zarskoje Selo. Dorthin, wo das Bernsteinzimmer stand. Die Scharniere und andere Dinge wie Tapetenreste und ein Gemälde brachte er 1998 zurück, Frau Perseke hatte sich noch einmal gemeldet. Später verlor er sie aus den Augen. Was die Scharniere bedeuteten, hat er erst vor Kurzem verstanden. Denn seine Mitarbeiterinnen sind gute Detektive: Corinna Kuhr-Korolev hat die Tochter der alten Frau gefunden. Im Internet stieß Kuhr-Korolev auf den Lebenslauf des Enkels. Der führte sie zur Tochter von Frau Perseke. Sie gab Corinna Kuhr-Korolev den Wehrpass von Perseke, einige Fotos und Briefe an ihre Mutter. „Heute wissen wir alles über ihn“, sagt Ulrike Schmiegelt-Rietig und lächelt. Perseke war Kunsthistoriker, im Krieg war er einer der Kunstschutz-Offiziere, die den Auftrag hatten, Kulturgüter zu beschlagnahmen. Weil er Kunstexperte war, erkannte er den Wert von Dingen wie der historischen Tapete, der Scharniere. Und nahm sie mit. Doch viele sowjetische Kunstgegenstände wurden auch zerstört, mutwillig oder durch Kriegshandlungen. Es wurde geplündert, und die deutsche Armee nahm sich aus den Zarenschlössern, was sie brauchte: Tische, Stühle oder auch mal ein Souvenir. Die Scharniere, die Eichwede vor rund 20 Jahren nicht zuordnen konnte, stammten aus dem Katharinenpalast. Dort bauten deutsche Soldaten 1941 das Bernsteinzimmer ab und transportierten es nach Königsberg. Die Tochter sagt, einer von ihnen war Perseke. Die Spur des Bernsteinzimmers verliert sich, bis heute ist es verschollen. Ob Perseke wirklich beim Abbau dabei war, ist nicht zu belegen. Von einem Spähtrupp im Jahr 1944 kam er nie mehr zurück, später wurde er für tot erklärt.

All das, was Perseke aus dem Katharinenpalast mitnahm, ist heute wieder an seinem Ort. Auch dank des Falles Perseke haben Eichwede und seine Mitarbeiterinnen heute einen sehr viel konkreteren Eindruck vom Raub der Kulturgüter. „Es wurden halb systematisch, halb chaotisch Dinge verschleppt“, sagt Corinna Kuhr-Korolev. Für die Region hätten sie nun eine grobe Vorstellung, wie die Verluste zustande gekommen seien. „Aber dazwischen sind riesengroße weiße Flecken. Es ist wie ein Puzzle, ein Detektivspiel.“ Das Projekt der Kulturstiftung der Länder und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist Ende 2014 ausgelaufen. Die vier Wissenschaftler arbeiten nun auf eigene Rechnung weiter, im Spätsommer soll ein Buch mit ihren Ergebnissen erscheinen. Mit dem Projekt sei es gelungen, Spuren freizulegen, über die man weiter nachdenken könne, sagt Eichwede. In Russland und Deutschland sei die Aufarbeitung für die Erinnerung wichtig gewesen. Und die Zusammenarbeit mit den russischen Museen habe noch viel mehr gebracht: „Über die Frage des Krieges ist man sich wieder näher gekommen. Das ist gerade in der heutigen Zeit von hoher Bedeutung.“

Sie vermuten, dass viele Stücke, die auf den russischen Verlustlisten stehen – und auch einiges darüber hinaus – in Privatbesitz sind: Bücher auf dem Dachboden, Bilder an den Wänden, Möbel im Wohnzimmer. Denn der Großteil der Kunstwerke kam nicht durch Beschlagnahmung von Seiten der Behörden nach Deutschland. Sondern durch Plünderungen. So wie die Scharniere aus dem Katharinenpalast, die der Soldat Perseke an sich nahm.

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