Denkmäler Denkmaldebatte: Salatschüssel oder Geniestreich?

Berlin. Salatschüssel der Einheit, Bürgerbewegungsschale oder Babywippe: Die ersten Reaktionen auf den frischgekürten Entwurf für das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin klingen spitz.
14.04.2011, 17:10
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Berlin. Salatschüssel der Einheit, Bürgerbewegungsschale oder Babywippe: Die ersten Reaktionen auf den frischgekürten Entwurf für das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin klingen spitz.

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, zweifelt an Verfahren, Standort und Gestaltung. Ehemalige DDR-Bürgerrechtler wie der Bundestagsabgeordnete Günter Nooke (CDU) finden die Idee des schaukelnden Denkmals mit Namen "Bürger in Bewegung" hingegen genial. Designer Johannes Milla, der das Denkmal in Form einer Waagschale zusammen mit der Choreographin Sasha Waltz erdachte, stören die Kontroversen wenig. Wie bei der Reichstagskuppel oder dem Holocaust-Mahnmal gehörten sie zur Denkmalplanung dazu, sagt er.

Der Entwurf von Waltz und Milla ist eine himmelwärts gebogene, 50 Meter lange, begehbare Waagschale. Das Denkmal aus Glas und Metall soll in zwei bis drei Jahren auf dem alten Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Schlossplatz in Berlin-Mitte entstehen, ganz nah an der berühmten Museumsinsel. Das Reiterstandbild Kaiser Wilhelms, das auch an die Einheit des Deutschen Reichs im Jahr 1871 erinnerte, gibt es schon lange nicht mehr. Es wurde 1950 eingeschmolzen. Damals ließ die DDR auch die Reste des kriegszerstörten Stadtschlosses sprengen.

Das alles macht es heute nicht leicht, sich das zukünftige Stadtbild in Berlins historischer Mitte vorzustellen: Der Schlossplatz ist noch eine zugige Brache, auf der das Schloss unter dem Namen Humboldtforum erst wieder aufgebaut werden soll. Auf der anderen Seite des Denkmal-Bauplatzes liegt die Bauakademie, eine Perle Schinkelscher Architektur - bis auf eine Ecke allerdings nur eine Attrappe aus Plastikplanen. Der Wiederaufbau ist gewollt, aber noch nicht finanziert. Und nun noch das Einheitsdenkmal, an dem seine Kritiker kaum ein gutes Haar lassen: belanglos, beliebig, ein Erwachsenenspielzeug mit Rummelplatz-Atmosphäre.

Das sehen die Macher und Denkmal-Anhänger natürlich anders. Der Entwurf verstehe sich als "soziale Plastik", verteidigt Sasha Waltz das Werk. Sie sei in dem Geist geschaffen, dass jeder Mensch durch kreative Hingabe zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und sie mitgestalten könne. Dem Bürger werde Gewicht gegeben. Designer Milla ergänzt, das Denkmal erinnere an die "Einheit von unten" - im Gegensatz zur "Einheit von oben" im Jahr 1871.

Die Oberseite des Denkmals trägt im Entwurf bekannte Losungen aus der Zeit des Mauerfalls: "Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk." Die untere, vergoldete Seite zieren Bilder aus der Wendezeit im Herbst 1989. Weitere Inschriften will Milla nun mit ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern abstimmen. Auf der riesigen Wippe sollen die Menschen auf und ab gehen können und das Denkmal dadurch langsam in Bewegung setzen. "Das passiert nicht von selbst", betonte Milla. Besucher aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen müssten sich dafür verständigen. "Dieser Prozess des Einigens hat für mich nichts mit einem Spielplatz zu tun. Das ist das Wesen einer jeden Bürgerbewegung", ergänzte er.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse betonte, das Mahnmal werde an einen glücklichen Moment der deutschen Geschichte erinnern, nachdem bereits das Holocaust-Mahnmal in der Mitte Berlins für das "dunkelste Kapitel" stehe. Zweifler fragen sich allerdings, ob der Prozess der Deutschen Einheit mit diesem Entwurf nicht zu sehr vergoldet wird. Gebrochene Ost-Biografien, das ungute Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein - das bleibe vielleicht unerwähnt.

Politische Kritik am Denkmal wurde bereits am Mittwochabend von den Oppositionsfraktionen der Linken und der Grünen laut, die sich bei der Entscheidung ausgeschlossen fühlten. Am Donnerstag legte Renate Künast, in Berlin auch Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, nach. "Das Planungsverfahren für den Bau des Denkmals überzeugt mich nicht", sagte sie. Bis heute gebe es keine gesellschaftliche Verständigung über das Ziel, die Konzeption und den möglichen Standort. Berlin habe bereits viele authentische Orte, die auf die Friedliche Revolution in der DDR und den Mut der DDR-Bürgerbewegung im Kampf gegen die SED-Diktatur hinwiesen.

Kontrovers ist die Debatte um ein Einheitsdenkmal allerdings nicht erst jetzt. Beim ersten offenen Wettbewerb gab es 533 Entwürfe mit viel Kitsch und Pathos, von denen keiner überzeugte. Beim zweiten Durchgang mit 386 Künstlern blieben drei Entwürfe, die der Jury gefielen. Die Entscheidung für die spielerische Waagschale gilt Kritikern als Weg des geringsten Widerstands. Aber es gibt immer noch eine zweite Chance: Leipzig als Stadt der Montagsdemonstrationen will bis 2014 ein eigenes Einheits- und Freiheitsdenkmal bauen. Der Wettbewerb soll im Sommer beginnen. (dpa)

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