Die Welt in Scherben, die Menschen ohne Halt: Die Bremer Shakespeare Company zeigt „König Lear“

Der alte Mann will nicht mehr

Ein Vater teilt sein Erbe unter seinen Töchtern auf und setzt damit eine Welle von Unheil und Gewalt in Gang. Die Bremer Shakespeare Company zeigt „König Lear“ in der Inszenierung von Bernd Freytag als dichte, flott gespielte Parabel über eine von Egoismen durchzogene und darum zum Scheitern verurteilte Welt.
29.11.2014, 00:00
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Der alte Mann will nicht mehr
Von Iris Hetscher
Der alte Mann will nicht mehr

Vereint im irrsinnigen Gelächter: König Lear (Erik Roßbander, links) und der Narr (Tobias Dürr).

Marianne_Menke

Ein Vater teilt sein Erbe unter seinen Töchtern auf und setzt damit eine Welle von Unheil und Gewalt in Gang. Die Bremer Shakespeare Company zeigt „König Lear“ in der Inszenierung von Bernd Freytag als dichte, flott gespielte Parabel über eine von Egoismen durchzogene und darum zum Scheitern verurteilte Welt.

Der König ist von Beginn an nicht mehr als ein alter Narr: Lear stakst ohne Hosen durchs Publikum auf die Bühne. Nur eine grüne Tunika mit weißem Nachthemd darunter trägt er, dazu Slipper an den Füßen. Die Krone hält ihm seine jüngste Tochter demütig hin – doch er will sie gar nicht mehr.

Der Herrscher möchte in Rente gehen, vielleicht ist er ausgebrannt, vielleicht nur müde; ob er jemals ein weiser König war, es darf bezweifelt werden. Denn Lear (Erik Roßbander) agiert als verstockter Egomane, dem seine Töchter Goneril (Svea Meiken Auerbach) und Regan (Petra Janina Schultz) das gesamte Reich locker abschmeicheln können. Die dritte, Cordelia (Theresa Rose), neigt nicht zu Übertreibungen und wird daraufhin genauso verstoßen wie der loyale Graf von Kent (Tobias Dürr), die mahnende Stimme der Vernunft. Merke: Wer mir nicht das vorgaukelt, was ich sehen und hören möchte, der muss gehen.

Auf leerer schwarzer Bühne mit weißem Rund im Vordergrund lässt Bernd Freytag seine acht Akteure die Parabel um den alten König Lear spielen, den Goneril und Regan ganz bald kalt lächelnd vor die jeweiligen Türen setzen, und der dann völlig umnachtet herumirrt. Freytag hat das Drama zum Teil neu strukturiert und den von Rainer Iwersen übersetzten Text auf wesentliche Passagen konzentriert; einen Teil des Geschehens lässt er von einem Chor erzählen, der mehrgesichtige Hofnarr (Tobias Dürr) schlüpft zudem zudem in eine Kommentatorenrolle. Dieses Konzept bekommt dem Stück äußerst gut und beschert der zweistündigen Inszenierung große Dichte. Zudem drückt Freytag aufs Tempo: Auf der Bühne (gestaltet von Christine Gottschalk) ist immer ist etwas los, die Auf- und Abgänge über die vier breiten Treppenstufen, die nach hinten in ein schwarzes Nichts führen, sind eng getaktet.

Das Nichts findet sich auch auf der Bühne – es umwabert die Akteure wie zäher Londoner Nebel und lässt sie mit ihrer Gier und ihrer Selbstbezogenheit letztlich ins Leere laufen. Alle sind sie eingesponnen in ihre eigenen kleinen Welten, Beziehungen sind rein funktional und höchst fragil. Das gilt für Goneril und Regan, die Svea Meiken Auerbach und Petra-Janina Schultz als Frauen spielen, die ihren lang unterdrückten Hass auf den Alten erst mühsam und dann gar nicht mehr im Zaum halten. Dann richtet ihr Misstrauen sich gegeneinander.

Das gilt sowieso für Lear – den Erik Roßbander auf seine großartige Art als Mischung aus Kindskopf, Verzweifelten und völlig dem Wahn Verfallenen angelegt hat. Und es findet sich in der Parallelhandlung um Gloucester (Peter Lüchinger), der sich von seinem Sohn Edmund auf einfältigste Weise über den Löffel balbieren lässt. Edmund, den Tim Lee tänzelnd und mit geschminkten Lippen als Stutzer gibt, ist nicht so durchschaubar wie die anderen Figuren, weil er sich das nicht leisten kann. Als illegitimer Sohn steht er außerhalb der höfischen Rangordnung, hat aber gelernt, sich durch Intrigen einen Zugang nach oben zu verschaffen. Daher ist er äußerst geschickt und skrupellos und kann jedem nach dem Mund reden, jedem das Gefühl verschaffen, geliebt zu werden. Deshalb bringt er es sehr schnell sehr weit. Sein einfältiger Halbbruder Edgar (Markus Seuß) weiß sich vor ihm nur zu retten, indem er sich als entlaufener Irrer Arm Tom tarnt.

Die Welt geht ziemlich zügig in Scherben, nachdem Lear die Verantwortung für sie auf so fahrlässige Weise abgegeben hat und es nur einen korrupten Emporkömmling gibt, der den Willen zur Macht hat. Auch Edmund scheitert zum Schluss, und selbst da muss der allgegenwärtige Narr sogar noch ein wenig Schicksal spielen.

Am Ende sind viele tot und der alte, müde König hat die Krone dann doch wieder auf dem Haupt. Im Stück stirbt er in der letzten Szene, in der Inszenierung von Bernd Freytag sitzt er mit leerem Blick am Bühnenrand. Was wahrlich nichts Gutes verheißt.

Die nächsten Termine: heute, 5. und 20. Dezember, 19.30 Uhr

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