Den Verdener Autor Artur Becker treibt die Frage nach Identität an Der Emsige

Artur Becker ist in seinem Arbeitszimmer umgeben von großen Namen. Platon lauten sie, Thomas Mann oder Hannah Arendt.
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Von Alexandra Penth

Artur Becker ist in seinem Arbeitszimmer umgeben von großen Namen. Platon lauten sie, Thomas Mann oder Hannah Arendt. Bis kurz unter die Decke reichen die Regale, bis zum Bersten mit Büchern gefüllt. Das kleine Zimmer in der Verdener Altbauwohnung wirkt ein wenig überladen mit den unzähligen Einbänden, die aus den Regalreihen hervorgucken. Was das Auge auf Anhieb nicht sieht: Alles folgt einer Ordnung. „Alphabetisch sortiert“, merkt Becker an. Ohne feste Muster kann er nicht arbeiten. Wer sich einen Schriftsteller als jemanden vorstellt, der in den Tag hinein lebt und immer dann in die Tasten greift, wenn ihn gerade die Muse küsst, der hängt einem Mythos nach. „Schreiben ist echte Knochenarbeit“, weiß Becker, der auf einem hölzernen Stuhl in der Mitte des Zimmers sitzt, den wenigen Metern, die nicht von Regalen vereinnahmt werden. Blaues Hemd, den obersten Knopf beim zuknöpfen ausgespart, die Ärmel bis zu den Ellbogen hastig hochgekrempelt. Sein Blick fällt zum aufgeräumten Schreibtisch, der hinter einem Bücherberg zu verschwinden scheint.

Spät morgens beginnt der Arbeitstag, er dauert oft bis in die Nacht. Immer hat Becker etwas in der Mache, nie hat er sich einem bestimmten Genre verschrieben. Im August ist mit „Der unsterbliche Mr. Lindley“ das jüngste Werk des Verdeners erschienen. Die Idee, eine Geschichte um ein Hotel herum zu erzählen, kam von Verleger Rainer Weiss. Das erst kürzlich in Frankfurt entstandene Hotel des Geschäftsmannes Steen Rothenberger stand Pate für das Lindley als Spielort der Geschichte. In gewohnter Becker-Manier erwartet den Leser auch diesmal eine Erzählung zwischen Witz und Tragik auf mehreren Ebenen. Protagonist Robert ist in dem Hotel zu Gast, kommt in den Genuss halluzinogener Pilze und lernt im Keller einer vietnamesischen Bar den britischen Ingenieur William Lindley kennen. Was Robert zunächst nicht weiß: Lindley hat im 19. Jahrhundert die Frankfurter Kanalisation erbaut und weilt längst nicht mehr unter den Lebenden. Damit seine Darstellung nah am Vorbild ist, hat Becker während des Bauprozesses mit den Architekten des Hotels gesprochen. Für ihn eine ganz neue Erfahrung, eine Handlung um einen Schauplatz zu entwerfen. „Es war eine schöne Herausforderung, mich auf eine verrückte Geschichte einzulassen“, sagt der Autor.

Zweifel, die stellen sich ihm beim Schreiben manchmal in den Weg. Doch Becker schiebt sie einfach beiseite. „Naivität ist eine ungeheure Kraft“, sagt er. Etliche Korrekturen braucht es manchmal, damit Becker zufrieden ist, der nun das Gesicht in die Hände gelegt hat. Die Frage, die Becker beim Schreiben antreibt, ist die nach Identität. Als Spätaussiedler verließ er im Jugendalter seine Heimat Polen und folgte seinen Eltern nach Deutschland, die dort bereits seit einem Jahr lebten. Seine Freundin Magdalena ließ er in der Heimat zurück. Heute sind beide verheiratet, ihr ist jedes Buch gewidmet.

Becker machte 1989 das Abitur am Gymnasium am Wall in Verden und nahm sein Germanistikstudium auf. „Lange dachte ich, ich würde zurück gehen“, sagt Becker. Er tat es nie, suchte seine Heimat im Schreiben. Bis Mitte der 1990er-Jahre veröffentlichte Becker Gedichte auf Polnisch. Parallel hatte er angefangen, auch auf Deutsch zu schreiben, schrieb Texte für die Literaturzeitschrift „Stint“. Der Frage nach Identität spürte Becker erstmals im 2016 herausgebrachten Essayband „Kosmopolen. Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause“ nach. „Klar bin ich Pole, ich bin aber gleichzeitig Deutscher“, sagt er. Seit vier Jahren publiziert er auch wieder auf Polnisch, schreibt Beiträge für die Tageszeitung Rzeczpospolita.

Den wachsenden Rechtspopulismus auf deutscher und polnischer Seite beobachtet Becker mit Sorge. Menschen würden oft aus eigener Perspektive erzählen, ohne das nötige Verständnis für andere aufzubringen. Dies liege hauptsächlich an mangelndem Wissen. „Bildung muss mehr leisten: Dass Menschen Zugang haben zu mehreren Perspektiven.“ Der wachsende Rassismus zwingt den 50-Jährigen zu der Frage, wie er sich als Autor mit ihm auseinanderzusetzen hat.

Er schwingt aber nicht die Moralkeule, Becker will Geschichten erzählen. Die führen den Literaten auch fort von Europa. Die Verbindung Südafrikas und Europas in Folge des Kolonialismus erforscht er derzeit. Becker zwischen Lesungen, Reisen und Projekten in seiner Verdener Wohnung anzutreffen, hat Seltenheitswert. Sie liegt bloß einen Steinwurf vom Verdener Bahnhof entfernt. Kaum aus der Tür, ist er woanders. Zuhause, das ist für Artur Becker der Ort, an dem ein Mensch geboren wurde. Doch dahinter verberge sich noch mehr. Becker antwortet mit der literarischen Figur Odysseus: „Man findet an anderen Orten so viele Aspekte von dem Zuhause.“ Seine persönliche, niemals enden wollende Geschichte.

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