Reto Weiler ist vom Forscher zum Wissenschaftsmanager geworden

Der Ermöglicher

Die Lesebrille sitzt immer auf der Nase. Aber meistens blickt Reto Weiler darüber hinweg.
04.12.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ute Winsemann

Die Lesebrille sitzt immer auf der Nase. Aber meistens blickt Reto Weiler darüber hinweg. Tatsächlich, aber auch im übertragenen Sinn: Als Wissenschaftler muss er auf kleinste Details achten. Aber als Wissenschaftsmanager muss er auch das große Ganze im Blick haben. Und noch mehr als das, sagt er: „Visionen entwickeln, sehen, wo Möglichkeiten sind.“

Das Sehen ist Reto Weilers Metier, die Netzhaut der Gegenstand, dem seine Aufmerksamkeit gilt: Er will wissen, wie aus den optischen Reizen letztlich ein Bild entsteht, mit dem das Hirn etwas anfangen kann. „Ich bin eigentlich sehr zufrieden mit dem, was ich in meinem Gebiet erreicht habe“, sagt der Neurobiologe, der seit drei Jahrzehnten eine Professur an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg innehat und für seine Forschung mit diversen Preisen nicht nur in Deutschland, sondern auch in seinem Herkunftsland, der Schweiz, sowie in Japan, Australien und den USA ausgezeichnet worden ist. „Bei dem, was mich sehr fasziniert und interessiert, bin ich dahin gekommen, wohin ich wollte. Das Weitergehen ist dann manchmal nicht so interessant.“

Denn die reine Laborarbeit dürfe man sich nicht gerade spannend vorstellen. „Da sitzt man den ganzen Tag im Stockdunklen und sticht in kleine Fitzelchen Gewebe.“ Das Objekt werde quasi zum Kommunikationspartner, dem
man seine Fragen stellt. Im besten Fall „spricht das Gewebe mit Ihnen, und Sie fangen an zu verstehen“.

Diese sehr spezielle Form des Dialogs war ihm, der in der Wissenschaft immer auch den Austausch gesucht hat, denn doch zu wenig. „Es war nicht mein Ziel“, sagt der Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs (HWK) in Delmenhorst und ehemalige Vizepräsident Forschung der Oldenburger Uni zwar über sein Engagement auf den übergeordneten Ebenen. Aber rückblickend war es vielleicht doch irgendwie vorgezeichnet für jemanden wie ihn. Jemanden, der nicht bloß wahrnimmt, was schon da ist. Sondern der darin auch Potenziale für mehr, für Anderes, für Neues entdeckt, und ebenso den Bedarf für dieses Neue erkennt. Und den das selbst so motiviert, dass er andere überzeugen und mitziehen kann. Er habe irgendwann festgestellt, dass er mehr für die Wissenschaft leisten könne, wenn er sich nicht allein auf seine fachliche Spezialisierung beschränke, sondern sich stärker auch um die Bedingungen von Forschung und Lehre kümmere, bilanziert Reto Weiler.

Zum Beispiel bei der European Medical School. Er hat die seit 2012 laufende Kooperation zwischen den Universitäten in Oldenburg und Groningen – in dieser länderübergreifenden Konstellation einzigartig in ganz Europa –
mit aus der Taufe gehoben. Weil er gesehen hat, dass es bis dahin im gesamten Nordwesten keine einzige medizinische Fakultät gab. Aber lauter gute Voraussetzungen dafür. Also hat er die Angelegenheit gemeinsam mit anderen vorangetrieben. Mit der praktischen Umsetzung im Alltag hat er allerdings weniger zu tun. „Machen müssen‘s andere“, stellt er klar.

Das gilt auch am Wissenschaftskolleg, an dem Reto Weiler 2008 den Gründungsrektor Gerhard Roth abgelöst hat. An diesem „Institute for Advanced Studies“ sind es die eingeladenen Gastwissenschaftler, die Fellows, von denen die eigentlichen wissenschaftlichen Leistungen erwartet werden. Um seinen Anteil daran zu beschreiben, konstruiert Reto Weiler ein Wortungetüm: „Forschungsmöglichkeitsgestaltungsraum“. Das HWK sei nur der Katalysator für die wissenschaftlichen Prozesse, er selbst der „Ermöglicher“.

Der dabei aber klare eigene Vorstellungen hat. Zum Beispiel, was die Rolle der Kunst betrifft. Die gehört neben den vier Wissenschaftsbereichen „Energy“, „Earth“, „Brain“ und „Society“ inzwischen untrennbar zu der Einrichtung dazu. „Ohne die Kunst gäbe es keine Wissenschaft“, ist Reto Weiler überzeugt, das verbindende Element sei die Kreativität.

Also hat der Wissenschaftler, der mit einer Künstlerin verheiratet ist, zusätzlich zu den Stipendien für die Wissenschaftler auch solche für Künstler ins Leben gerufen. Am HWK sind seitdem Werke ganz verschiedener Gattungen entstanden, von bildender Kunst über Literatur und Theater bis zu Musik. Das Atelier des jeweiligen „Artist in Residence“ ist ein Glascontainer auf dem hinteren Teil des Geländes am Stadtrand von Delmenhorst. „Das ist nicht einfach“, sagt Reto Weiler über dieses Arbeiten unter Beobachtung. Aber es gehört zum Konzept, weil die Anwesenden ja miteinander ins Gespräch kommen, sich gegenseitig befruchten sollen.

Bei dieser „sozialen Veranstaltung“ sei er sozusagen der Intendant, wählt der Opernfan ein weiteres Bild für seine Rolle. Die wird er noch bis zum übernächsten Jahr spielen, wenn sowohl seine Amtszeit am HWK als auch die an der Universität auslaufen. Mit dann 71 Jahren will Reto Weiler sich aber nicht etwa zur Ruhe setzen, sondern „in Freiheit aktiv“ bleiben. Und zwar erst einmal mit seinem ganz persönlichen Brückenschlag zwischen der Wissenschaft und der Kunst: In Australien sind seine Frau und er auf die noch vergleichsweise unbekannten Bradshaw-Malereien gestoßen, über die will er ein Buch schreiben. „Man fühlt sich als Teil einer langen Menschwerdung aufgehoben“, beschreibt er die Wirkung beim Anblick der prähistorischen Bilder: die Details und das große Ganze in einem.

„Machen müssen’s andere.“ Reto Weiler
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