Der Kohlkönig von China

Das norddeutsche Traditionsereignis ist in China weit mehr als ein Geheimtipp. 600 Gäste folgten in diesem Frühjahr der Einladung ins Fünf-Sterne-Hotel „Crowne Plaza“.
22.11.2015, 00:00
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Von Stefanie Waterkamp

Das norddeutsche Traditionsereignis ist in China weit mehr als ein Geheimtipp. 600 Gäste folgten in diesem Frühjahr der Einladung ins Fünf-Sterne-Hotel „Crowne Plaza“. Zugpferd war neben Braunkohl und Pinkel das norddeutsche Duo „Klaus und Klaus“, das die Chinesen von den Stühlen riss und auf die Tische trieb. „Da war was los“, sagt Hartmut Heine lachend, als er bei einem seiner regelmäßigen Heimatbesuche im Sommer auf dem Bremer Marktplatz einen Kaffee trinkt. „Das war Party bis morgens früh um vier.“

Heine lebt seit mehr als 30 Jahren in China. Direkt nach dem Studium war er für das Bremer Unternehmen Melchers nach Asien gegangen. Die Arbeitgeber wechselten mehrfach, Heine blieb. Er ist einer von 10000 Deutschen, wie Heine schätzt, die heute in Peking arbeiten. Anfang der 1980er-Jahre seien es gerade einmal 36 Deutsche gewesen, erzählt er. Alle kannten sich, denn man habe in Hotels gewohnt, dort die Büros betrieben und dort auch miteinander die Abende verbracht. „Es gab ja nur die deutsche Botschaft und zwei, drei Firmen.“ Irgendwann verspürte Heine Lust auf norddeutsche Ablenkung und organisierte die erste Kohltour für gut 20 Leute. Heute sind es 30-mal so viele.

In den ersten Jahren hat Heine auf nichts verzichten müssen, was zu einer typisch norddeutschen Kohlfahrt gehört. Traditionell begann die Tour mit einem Fußmarsch durch eisige Kälte. „In Peking kann es richtig kalt werden – bis zu minus 20 Grad“, berichtet Heine. Bei der Premiere in den 80ern ließen sich die Wanderer mit einem Bus zum Sommerpalast im Nordwesten der Stadt bringen. Zwei Stunden marschierten sie anschließend durch bittere Kälte zurück. Der Marsch endete an der Schweizer Botschaft, wo der Kohl aufgetischt wurde.

Die Wanderer hatten natürlich einen Bollerwagen mit dabei. „Das Asienmodell“, sagt Heine, und sein Mund unter dem Schnäuzer verzieht sich zu einem Lächeln, denn die Getränke steckten in einem Kinderwagen aus Bambus. Seit in immer größerem Rahmen direkt in der Pekinger Innenstadt gefeiert wird, werde auf Wanderungen verzichtet, sagt Heine. Richtig spazieren gehen könne man dort nicht, und außerdem müsste es genehmigt werden. Zu kompliziert. „Alternativ“, sagt Heine, „stellen wir uns nun wie Eisbären auf die Terrasse und trinken uns warm.“

Das Essen schmeckt in Peking nicht anders als hierzulande. Was daran liegen mag, dass fast alles aus Deutschland kommt. Den Kohl gibt es direkt in China zu kaufen, in Dosen, importiert aus Deutschland. „Die Pinkel lassen wir einfliegen“, berichtet Heine. In Drei-Kilo-Schläuchen, gekauft beim Metzger des Bremer Lestra-Marktes. Beim Gedanken an Pinkel blitzen Heines Augen auf: „Pinkelwurst ist so lecker“, schwärmt er. „Wir lieben es traditionell: Die Hälfte kommt in den Kohl, die andere Hälfte auf den Tisch.“

Nach Hotels, die das Kohlevent mitplanen und unterstützen, habe er nie lange suchen müssen, sagt Heine. Die Hotelmanager seien oftmals Deutsche gewesen und hätten gerne mitgezogen. In ihren Küchen zauberten die Köche leckere Hochzeitssuppen und einen Kohl, der auch Heine zufriedenstellt. Zum Feiern seien bald Amerikaner und Australier dazugekommen – und immer mehr Chinesen. Gut 350 Dosen Grünkohl haben die Besucher im Frühjahr verputzt, mehr als 150 Flaschen Hochprozentiges und 1080 Liter Bier dazu getrunken. In norddeutscher Tradition wurde Apfelkorn ausgeschenkt. „Den trinken die Chinesen wie Apfelsaft“, berichtet Heine. Darin unterscheiden sich chinesische Kohlpartys kaum von deutschen: Längst nicht jeder Gast erlebt das Ende des Festes bei vollem Bewusstsein.

Anders als bei deutschen Feiern ist bei Heines Kohltouren eine Verlosung eingebunden. Daher sucht er vor den Kohlfesten immer intensiv nach Sponsoren. Weil sich Firmen wie der Kornhersteller, für den Heine mittlerweile arbeitet, gern etwas dazu gab, konnte der Exil-Bremer in diesem Jahr die Stimmungskanonen „Klaus und Klaus“ engagieren. Das Duo ist nach fast zweistündigem Konzert in Peking mitsamt Kohl und Pinkel nach Singapur weitergezogen.

Auch im kommenden Jahr soll die Kohlzeit in China in Verlängerung gehen: Heine möchte mit Klaus und Klaus Shanghai ansteuern.

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