Eine Würdigung

Der umfangreichste Duden aller Zeiten

Die 28. Auflage des Duden ist veröffentlicht worden, umfangreicher denn je, ganz im Hier und Jetzt der deutschen Sprache angekommen. Eine Würdigung des Standardwerks.
16.08.2020, 05:00
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Der umfangreichste Duden aller Zeiten
Von Silke Hellwig
Der umfangreichste Duden aller Zeiten

Covid-19, Reproduktionszahl und Lockdown: Eine Reihe häufiger Wörter aus der Corona-Krise ist in den Duden aufgenommen worden.

Wolfgang Kumm /dpa

Ein Leben ohne Duden ist denkbar, aber haltlos. Er gibt Orientierung. Er hält Konventionen und Werte hoch. Er ordnet ein und ordnet unter. Er hält auseinander, was nicht gleich ist, aber gleich zu sein scheint: Stil und Stiel, Laib und Leib, Rad und Rat. Er lehrt Ehrfurcht angesichts des Reichtums der deutschen Sprache.

Konrad Duden (1829 - 1911) wäre vermutlich stolz auf seine ideellen Nachfahren, auf den prallen Wälzer, die 28. Auflage, nach eigenen Angaben „der umfangreichste Duden, den es je gab“: 1,2 Kilogramm schwer, 1296 Seiten, rund 148 000 Stichwörter, sechs Zentimeter füllt er aufrechtstehend von links nach rechts im Buchregal. Beim üblichen verdächtigen Online-Riesen rangiert er auf Rang eins unter den Bestsellern der Kategorie „Deutsche Sprache Allgemein“. Schließlich gehört in jeden Haushalt ein Duden. Er ist immer noch ein Statussymbol, Nachweis für eine gewisse Kultiviertheit, ein Bekenntnis zur Pflege der Sprache.

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Der „Spiegel“ hält 1956 fest (in der damals laut Duden gültigen Rechtschreibung): „Quell allen Unglücks ist die leidige Tatsache, daß im Personalbüro wie in der Gesellschaft als Maßstab für Intelligenz das in Deutschland wohl meistgehaßte Buch gilt: der Duden. An diesem Pegel mißt jeder den eigenen oder fremden Bildungsstand, die Duden-Regeln gelten als codifiziertes Rechtschreibrecht.“ Ob das so noch zutrifft, sei dahingestellt. Aber man trifft allenthalben auf die Bände. Sie leuchten gelb aus den Regalen in Büros, sie stehen in Fächern von Schrankwänden, sie liegen auf Schreibtischen in Jugendzimmern, in der Stadtbibliothek teilen sie sich zu mehreren ein Regalbrett.

Viele Exemplare sind sichtlich mehr oder weniger unberührt geblieben. Man kommt auch ohne Duden durch, irgendwie, und natürlich ist die Redaktion längst im Internet präsent und teilt dort ihr Wissen. Dennoch ist es gut, das Original in der Nähe zu wissen, damit man in Notfällen ohne digitalen Aufwand auf ihn zurückgreifen kann.

Ein Fels in der Brandung

Der Duden ist der Fels in der Brandung des orthografischen Durcheinanders, mit dem der Mensch im Jahr 2020 konfrontiert ist. In den sozialen Netzwerken gelten eigene Regeln, die daraus bestehen, sich nicht an Regeln zu halten. Hipster schreiben konsequent klein. Es liegt im Trend, Firmen oder Produkte mit Binnenmajuskeln (noch nicht durch Aufnahme in den Duden ­geadelt) zu versehen. Die Werbung erfindet neue Wörter (Nogger dir einen, Deutsch­land bankt neu), die niemals im Duden zu finden sein werden. Was nicht enthalten ist, kann man getrost vergessen oder schreiben, ­konjugieren und deklinieren, wie man will.

Der Duden macht nicht jedes Mätzchen mit. Er sieht sich nicht als StandardWerk. Die Redaktion erwartet nicht, dass man sich etwas erdudet, duldet aber den Begriff des Googelns: „mit Google® im Internet suchen, recherchieren“. In der Vergangenheit wurde der Redaktion gelegentlich unterstellt, zu anschmiegsam zu sein, sich der Gegenwartssprache zu sehr verpflichtet zu sehen. Zu viele Anglizismen und Neuschöpfungen seien aufgenommen worden, statt die deutsche Sprache vor verwässernden Einflüssen zu schützen.

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Auch in der neuen Auflage zeigt die Redaktion, dass sie ganz im Hier und Jetzt Sprachforschung betreibt, nicht im Damals. 3000 neue Stichworte wurden aufgenommen, darunter Shutdown, Social Distancing, Brexiteer, batteln, downcyceln, Dislike und Lifehack samt Informationen zu Grammatik, Aussprache und Bedeutung. Die Redaktion richtet sich nach der „dynamischen Wortschatzentwicklung in den letzten Jahren“, die insbesondere in den Bereichen Verkehr/Mobilität, Technik, Umwelt, Politik/Verwaltung, bei der Gleichstellung der Geschlechter, aber auch durch die Corona-Pandemie umfangreich sei, sagt Redaktionsleiterin Kathrin Kunkel-Razum.

Neuer Duden erscheint

Kathrin Kunkel-Razum, Redaktionsleiterin des Duden, liest in der neuen Ausgabe des Duden.

Foto: Wolfgang Kumm /dpa

Hackenporsche und Millennials

Rund 300 Wörter wurden aus der neuen Auflage getilgt, gewissermaßen sich selbst und ihrem Schicksal überlassen. Darunter Schätze wie Hackenporsche, Fernsprechanschluss und Rechtsgelehrsamkeit. Aber auch Begriffe, die nicht nur Millennials („der: -s, -s u. die; -, -s meist Plur., engl., Soziol. jmd., der etwa zw. 1980 u. 2000 geboren wurde“) hätten nachschlagen müssen: Rätterwäsche, Tressenrock, beweiben. Insofern macht sich der Duden für die Gegenwart nützlich, aber nicht für die Vergangenheit. Duden.de ist noch behilflich: Bei Rätterwäsche handelt es sich um ein Siebverfahren.

Allerdings ist der Duden nicht mehr ganz das, was er einmal war. Die um sich greifende Beliebigkeit hat auch ihn als Institution in Mitleidenschaft gezogen, genauer: die Rechtschreibreform von 1996, deren Regeln mehrfach überarbeitet wurden, zuletzt 2017. Gewissheit und Verbindlichkeit sind seither dahin. Es gibt großzügige Kann-Bestimmungen, beispielsweise bei der Kommasetzung. Es gibt mehrere richtige Varianten, gelb unterlegte empfohlene Schreibweisen. Aus korrekt und verkehrt ist richtig, falsch und empfohlen geworden. Das macht die Rechtschreibung nicht leichter, erhöht aber die Chancen, eine der als korrekt geltenden Schreibweisen zu treffen.

Ein Leben ohne den Duden ist denkbar, aber nicht empfehlenswert. Doch selbst wenn man ihn als Arbeitsgerät ernst nimmt, sich ihm unterwirft, ihn ehrt und täglich strapaziert, schützt das bedauerlicherweise nicht vor Fehlern.

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