Interview mit Wolfcenter-Leiter

"Der Wolf hat am Menschen kein Interesse"

Frank (39) und Christina (42) Faß hatten gut dotierte Jobs in der Luftfahrt- und Stahlindustrie. Dann entdeckten sie ihre Leidenschaft für den Wolf.
27.04.2014, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
"Der Wolf hat am Menschen kein Interesse"

Keine Angst vorm Wolf: Frank Faß, der mit seiner Frau Chrisina das Wolfcenter in Dörverden betreibt.

Focke Strangmann

Frank (39) und Christina (42) Faß hatten gut dotierte Jobs in der Luftfahrt- und Stahlindustrie. Dann entdeckten sie ihre Leidenschaft für den Wolf. Sie kündigten, liehen sich 1,5 Millionen Euro und eröffneten 2010 in Dörverden-Barme im Landkreis Verden auf einem ehemaligen Kasernengelände ein Wolfcenter. Hans Ettemeyer hat bei einer Tasse Kaffee mit Frank Faß gesprochen.

Wenn ich Ihre Wölfe sehe, bin ich froh, dass ich auf dieser Seite des Zauns stehe. Wie würden die Tiere reagieren, wenn ich mit Ihnen ins Gehege gehen würde?

Frank Faß: Wir haben zwei unterschiedliche Wolfsgruppen. In dem einen Gehege leben vier Wölfe, die von anderen Wölfen aufgezogen wurden. In dem anderen lebt eine Gruppe von sechs Wölfen, die wir von Hand aufgezogen haben. Wenn wir beide das Gehege mit der Vierergruppe betreten, werden diese Wölfe großzügig Abstand einnehmen. Sie kennen zwar den Parkbetrieb mit den vielen Besuchern, und sie wissen auch, dass wir als Betreuer hin und wieder ins Gehege kommen. Aber sie halten Abstand. Anders ist es bei den von uns aufgezogenen Wölfen. Zwischen denen und uns hat sich eine enge Beziehung entwickelt. Sie glauben, sie gehören zu uns. Aber Vorsicht: Auch Wölfe, die seit Generationen in Gehegen leben, bleiben Wildtiere. Sie könnten durchaus geneigt sein, ihr Territorium gegenüber dem fremden Besucher zu verteidigen. Deshalb würde ich Sie dort nicht mit hineinnehmen. Aber auch wir Betreuer müssen immer im Hinterkopf behalten, dass der Wolf ein Raubtier ist.

Zuletzt sollen Wölfe in Walsrode und Nordhorn aufgetaucht sein. Wächst die Chance, in Niedersachsen einem Wolf in freier Wildbahn zu begegnen?

Ja. Der Wolf ist ein Tier, das sich in der Fläche ausbreitet. Der junge Wolf, der das elterliche Territorium verlassen muss, um sich ein eigenes zu suchen, kann dabei durchaus sehr lange Strecken zurücklegen. Von Munster nach Meppen oder hoch ins Cuxland, das sind für einen Wolf keine Entfernungen. Der kann in 24 Stunden locker 70 Kilometer weit marschieren.

Wie verhalte ich mich bei einer Begegnung mit dem Wolf in freier Natur?

Im Grunde genommen können Sie einfach weitergehen. Vermutlich hat der Wolf Sie längst wahrgenommen, weil er deutlich besser hört und riecht und in Teilbereichen auch besser sieht als der Mensch. Doch wenn Sie auf einem Waldweg stehen und haben Wind von vorn und der Wolf steht in einiger Entfernung vor Ihnen und kann Sie also zumindest nicht riechen, macht es durchaus Sinn, mit den Händen zu klatschen, zu pfeifen oder laut Hallo zu rufen. Und Sie werden sehen, der Wolf zieht weiter seines Weges. Aber: Wer jetzt glaubt, dass er in Panik flüchtet, der irrt. Der Wolf hat nicht sonderlich Angst vor dem Menschen, er hat nur kein Interesse an ihm.

Gleichwohl beschleicht manche Menschen angesichts zunehmender Wolfsbeobachtungen ein Unwohlsein, wenn sie durch Wald und Flur spazieren.

Das kann ich verstehen, es gibt ja auch Menschen, die Angst vor Hunden haben, das muss man respektieren. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf einen Menschen angreift, ist extrem gering. Es hat weltweit Übergriffe gegeben, aber das waren in den allermeisten Fällen tollwutkranke Wölfe oder Wölfe, die von Menschen bewusst oder unbewusst angefüttert wurden. Da kann die Hemmung, sich Menschen zu nähern, deutlich abnehmen.

Für Schafe ist die Gefahr dagegen sehr konkret, erst jüngst soll ein Wolf im Landkreis Celle ein Tier getötet und mehrere schwer verletzt haben.

Das ist in der Tat ein Problem, hier muss sich unbedingt etwas tun. Der Staat muss die Schäfer unterstützen. Zum Beispiel bei der Anschaffung von geeigneten Schutzzäunen und sogenannten Herdenschutzhunden. Aber auch die Schäfer müssen sich bewegen. Sie müssen die Schutzmaßnahmen annehmen, die Hunde ausbilden und die Zäune aufstellen und pflegen.

Sie halten selbst Schafe in Ihren Gehegen, was machen die da?

Wir halten die Schafe gemeinsam mit einem Herdenschutzhund. Der ist nicht zu verwechseln mit einem Hütehund, der die Herde zusammenhält. Herdenschutzhunde sind wie Türsteher, die darüber entscheiden, wer in die Disko rein kommt und wer nicht. Nähert sich ein Wolf, schlagen sie durch Verbellen Alarm. Das machen sie übrigens auch gegenüber Zweibeinern, die ja auch hin und wieder Schafe stehlen. In dem Schaugehege zeigen wir außerdem, wie ein Elektronetzzaun funktioniert. Und wir erklären, weshalb Maschendrahtzäune und Wildschutzzäune als Schutz vor dem Wolf nur bedingt taugen.

Schafe können also geschützt werden, aber was ist mit Rehen und anderem Wild? Mancher Jäger fürchtet den Wolf als Jagdkonkurrenten im Revier.

Ich bin selbst Jäger, deshalb kann ich nachvollziehen, dass bei dem einen oder anderen Befürchtungen bestehen. Es kann auch sein, dass der Wolf die Bestände reduziert, aber nicht so dramatisch, dass er uns das Revier leer frisst. Etwas anderes ist, dass wir bei Rehen, Hirschen und Wildschweinen bereits Veränderungen im Verhalten beobachten. Rotwild, das üblicherweise sehr heimlich lebt, steht plötzlich mitten auf der Weide, vermutlich, weil es dort früher erkennen kann, dass sich ein Wolf nähert.

Blicken wir mal in die Zukunft: Wie geht es mit der Wolfsansiedlung weiter, sagen wir mal bis zum Jahr 2050?

Bis dahin haben wir sicher wieder überall in Deutschland Wölfe. Ich denke, dass bis dahin auch die Bejagung rechtlich gestattet sein wird, und ich hoffe, dass ein geeignetes Reglement dafür angewendet wird. Mein Wunsch ist, dass der Wolf weiterhin flächendeckend in Deutschland toleriert wird. Forderungen, Wölfe in gewissen Gebieten zu dulden und in anderen nicht, sind nicht zielführend, das wäre aus genetischen Gründen dem Gesunderhaltungszustand aller Wölfe abträglich. Dann lieber den Wolf in der gesamten Fläche sehr gemäßigt bejagen, ohne den Gesamtbestand dabei drastisch zu senken. Eines ist für mich auch klar: Wenn wir irgendwann feststellen, dass wir die Schafherden auf den Nordseedeichen oder die Tiere auf den bayerischen Almen nicht vor dem Wolf schützen können, dann muss er dort ausnahmsweise zum Abschuss freigegeben werden.

Zurück zur Gegenwart: Neuerdings leben bei Ihnen auch Präriehunde, was haben die in Norddeutschland verloren?

Ursprünglich natürlich nichts. Aber wir wollen unser Angebot nach und nach erweitern und auch andere Kaniden, also hundeartige Tiere, zeigen, wie den Fuchs, den Marderhund oder auch den Kojoten.

Das ist dann ja schon fast ein kleiner Zoo. Passt so etwas überhaupt noch in die Zeit, wo man doch im Internet mit einem Klick über jedes Tier der Welt informiert wird?

Ich denke ja. Wobei ich grundsätzlich zustimme: Wildtiere sollten nicht in Gehegen gehalten werden, nur um sie dann von Besuchern anschauen zu lassen. Das ist bei uns schon etwas anders. Wir unterstützen die Rückkehr des Wolfes und setzen uns für ein natürliches Nebeneinander von Mensch und Wolf ein. Wir informieren – durch Ausstellungen, Seminare, Vorträge und bei täglichen Führungen. Wir halten deshalb ganz bewusst Wölfe in unseren Gehegen. Die persönliche Begegnung ist etwas anderes, als Fotos oder Filme im Internet zu betrachten. In einem Zoo mit 300 verschiedenen Arten wäre eine solch konzentrierte Wissensvermittlung kaum möglich. Da sehe ich schon einen Unterschied.

Woher stammen Ihre Wölfe?

Auf keinen Fall aus der freien Wildbahn. Frei lebende Wölfe einzufangen und sie einzusperren, wäre meiner Ansicht nach Tierquälerei. Unsere Wölfe haben wir von anderen Tierparks und Gehegen sowie von der Universität Kiel bekommen, die unsere Arbeit wissenschaftlich begleitet hat. Auf eigene Weiterzucht verzichten wir.

Sie sind mit dem Wolfcenter gerade in die fünfte Saison gestartet. Sind Sie mit der bisherigen Entwicklung zufrieden?

Ja. Unsere Kalkulation geht von 20 000 Besuchern im Jahr aus. Das haben wir erreicht, und wir beobachten erfreulicherweise ansteigende Besucherzahlen.

Wer will, kann bei Ihnen auch nachts mit den Wölfen heulen – sie vermieten Tipis und ein Baumhaus, acht Meter über den Wolfsgehegen. Wer bucht so etwas?

Im Marketing heißt es ja immer, suchen Sie sich eine Zielgruppe. Doch wir haben festgestellt, das Thema Wolf begeistert offenbar alle. Da gibt es keine besondere Gruppe. Das Baumhaus ist übrigens schon jetzt auf längere Zeit ausgebucht.

Wie sind Sie und Ihre Frau eigentlich auf den Wolf gekommen?

2005 haben wir auf einer Kanada-Reise ein Wolfcenter kennengelernt. Wir waren begeistert. Wie dort über den Wolf und über die tatsächlichen und herbeigeredeten Konflikte zwischen Wolf und Mensch informiert wird, das hat uns imponiert. Bei uns in Deutschland gab es zu der Zeit ja schon etwa zehn frei lebende Wölfe, und wir haben geahnt, welche Probleme das mit sich bringen wird. Da ist die Idee eines Wolfcenters geboren worden.

Sie und Ihre Frau hatten seinerzeit gut dotierte Jobs bei Airbus und beim Bremer Stahlwerk. Wie verrückt muss man sein, die aufzugeben, um sich künftig nur noch um das Wohl der Wölfe zu kümmern?

Das weiß ich auch nicht so recht. Wir waren beide beruflich erfolgreich, doch irgendwann haben wir uns gefragt: Wollen wir das tatsächlich bis zum Ruhestand so weitermachen? In der Wirtschaft herrscht ein raues Klima, mit Mitte 30 macht einem der Stress vielleicht noch nicht so viel aus, aber wie sieht das mit Mitte 50 aus? Und wo bleibt das Familienleben? Wir haben uns dann für das Wolfcenter entschieden.

Und haben Sie Ihre Entscheidung schon einmal bereut?

Nein! Natürlich sind auch wir, wie viele andere, die sich selbstständig gemacht haben, am Anfang durch ein tiefes Tal gegangen. Was wehgetan hat, auch am Portemonnaie. Wir haben Lehrgeld gezahlt. Aber bereut ? Nein!

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+