Millionen EU-Fördergelder verfallen, wenn bis Jahresende kein schlüssiger Sanierungsplan vorliegt Der zweite Untergang von Pompeji

Pompeji. Am ersten Mai, die neue italienische Regierung war gerade zwei Tage im Amt, stieg der frisch gebackene Kulturminister in Rom in den Zug. Massimo Bray wollte nach Pompeji.
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Von Julius Müller-Meiningen

Am ersten Mai, die neue italienische Regierung war gerade zwei Tage im Amt, stieg der frisch gebackene Kulturminister in Rom in den Zug. Massimo Bray wollte nach Pompeji. Kurz vor der weltberühmten Ausgrabungsstätte war die Reise zu Ende. Die Regionalbahn kam nur bis Torre del Greco am Fuß des Vesuvs. Vandalen hatten die Strecke verwüstet. „Als ich auf der Circumvesuviana stecken blieb, war mir schnell bewusst, dass die Probleme Pompejis weit über Pompeji hinaus gehen“, sagte Bray.

Pompeji am Golf von Neapel ist ein Symbol für Italien, Aushängeschild und Nationaldenkmal. „Es ist das wichtigste Symbol für eine Wiedergeburt unseres Landes“, sagt der Kulturminister. Pompeji sei eine Metapher für Europa und den gesamten Westen, behauptete gar Brays Vorgänger Lorenzo Ornaghi.

Für die „Größe unserer Kultur, ihr enormes Potenzial, aber auch seine natürliche Verwundbarkeit.“ Die Stadt, die beim Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 nach Christus verschüttet wurde und bei den Ausgrabungen viele Jahrhunderte später beinahe komplett zum Vorschein kam, gilt als einer der größten kulturellen Reichtümer überhaupt.

Pompeji ist die größte zusammenhängende Stadtruine der Welt. Nirgendwo sonst bekommt man einen so plastischen Eindruck vom Alltagsleben der Römer. Es ist die Grundlage der heutigen Zivilisation. Doch die Stätte liegt in Trümmern. Ihre Mauern geben nach. Im Monatsrhythmus werden größere Schäden gemeldet. Vor drei Jahren stürzte die berühmte Gladiatorenschule ein. Jeden Tag bröckeln irgendwo Putz und Steine ab, 80 Prozent der antiken Bausubstanz sind gefährdet. Der Verfall ist mit Händen zu greifen. Auf den Mauern wächst Gras. Der Regen bahnt sich seinen Weg ins Innere des Gemäuers. Dann fallen auch die letzten Reste von farbigem Putz ab, schließlich brechen die Mauern der römischen Häuser ein, ein einzigartiger Schatz droht unwiederbringlich verloren zu gehen. Zwar ruhen die wertvollsten Kunstschätze, Fresken, Mosaike, Skulpturen, seit Langem im Museen von Neapel. Aber wer Pompeji besucht, dem drängt sich der Eindruck auf, die Zivilisation sei nicht imstande, vielleicht nicht einmal willens, ihre eigenen Ursprünge zu bewahren.

Seit Ende 2011 stehen 105 Millionen Euro für den Erhalt der bröckelnden Ruinenstadt bereit. Ein Teil davon sind EU-Fördergelder. Bis zum 31. Dezember dieses Jahres muss der Unesco ein detaillierter Sanierungsplan vorliegen, sonst stehen die Mittel nicht mehr zur Verfügung.

Zwei Baustellen wurden bereits eröffnet. Sie mussten wieder geschlossen werden, weil die beauftragten Firmen im Verdacht stehen, von der Camorra, der neapolitanischen Mafia, unterwandert zu sein. Jetzt droht das „Grande Progetto Pompei“, das große Pompeji-Projekt, ein Rohrkrepierer zu werden.

„Pompeji ist für eine rationale Koordination nicht zugänglich“, behauptet Stefano De Caro. Er ist einer der renommiertesten italienischen Archäologen und Chef des Internationalen Forschungszentrums für Denkmalpflege und Restaurierung von Kulturgütern (ICCROM) in Rom. Die Stätte sei mit Symbolen überladen, ihr Status als Nationalheiligtum und Aushängeschild sei Teil des Problems. „Pompejis kommunikativer Wert übersteigt seinen heutigen wissenschaftlichen Wert bei Weitem“, sagt De Caro. Er hat eine genaue Vorstellung, wie man Herr des Verfalls werden könnte, eine simple Rechnung sei zu machen: Wieviel Geld steht zur Verfügung und wieviel kann damit erhalten werden? „Der Rest kommt in den Kühlschrank. Da ist er wenigstens sicher“, sagt De Caro.

Das bedeutet, der nicht zu erhaltende Teil der Ruinenstadt würde wieder zugeschüttet und so vor dem Verfall geschützt. De Caro weiß um die Brisanz seines Vorschlags, der auch als Kapitulation gedeutet werden könnte. Deshalb sagt er: „Dieser Plan ist kein Verbrechen, sondern er dient allein der Konservierung.“ Doch noch ist bei den zuständigen Stellen niemand auf seinen Vorschlag eingegangen, und in Italien mahlen die Mühlen bekanntlich langsam.

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