Musikverleger entdeckt Originalfassung von „An American in Paris“ / Welterstaufführung mit Philharmonikern

Detektivarbeit um George Gershwin

Bremen. Boris Hellmers-Spethmann ist ein Fan von Orchestermusik, insbesondere der George Gershwins. Er habe schon als Schüler Stücke des US-amerikanischen Komponisten auf der Orgel gespielt, erzählt der Kirchenmusiker.
03.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Detektivarbeit um George Gershwin
Von Silke Hellwig
Detektivarbeit um George Gershwin

Boris Hellmers-Spethmann (links) und Christian Kötter-Lixfeld mit einem sogenannten Gershwin-Horn, mit dem Taxi-Gehupe nachgeahmt werden kann.

Frank Thomas Koch

Boris Hellmers-Spethmann ist ein Fan von Orchestermusik, insbesondere der George Gershwins. Er habe schon als Schüler Stücke des US-amerikanischen Komponisten auf der Orgel gespielt, erzählt der Kirchenmusiker. Außerdem betreibt er seit 2003 einen kleinen Musikverlag namens B-Note mit Sitz in Hagen im Bremischen. Diese beiden Interessen haben dazu geführt, dass die Bremer Philharmoniker am 14. und 15. Dezember ein ganz besonderes Gershwin-Werk intonieren – „die Welterstaufführung der Urfassung“ von „An American in Paris“. Jahrzehntelang hätten Orchester in aller Welt offensichtlich eine Fassung gespielt, so Intendant Christian Kötter-Lixfeld, von der nicht klar gewesen sei, dass, wo und warum sie bearbeitet wurde. Grob gesagt, sei das Werk „verfälscht aufgeführt“ worden.

George Gershwin gehörte zu den populärsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er hinterließ seiner Nachwelt eine Vielzahl bis heute bekannter Werke, darunter eine Reihe von Musicals, die Oper „Porgy and Bess“ sowie eine Vielzahl von sinfonischen Stücken wie die „Rhapsody in Blue“ und „An American in Paris“. Letzteres ein „musikalisches Mitbringsel“, so Hellmers-Spethmann, von einer Reise nach Paris.

Der Musikverleger trieb dessen Originalfassung aus dem Jahr 1928 wieder auf und meldete sich bei den Philharmonikern. „Es gibt bei großen Komponisten, zu denen Gershwin zweifellos zählt, selten Momente, in denen man denkt: Davon habe ich zuvor noch gar nichts gehört. Hier war es der Fall. Es ist spannend zu rekonstruieren, was Gershwin selbst sich bei seiner Komposition gedacht hat und damit wollte“, sagt Kötter-Lixfeld. Die Welterstaufführung füge sich in die Philosophie und Programmatik der Philharmoniker ein, und so entstand die Idee für das 4. Philharmonische Konzert „Helen Schneider singt Gershwin“, in dessen Rahmen „An American in Paris“ so zu hören sein wird – wie es noch nie zu hören war.

Was ist der Unterschied? „Wer die Komposition nur flüchtig kennt und alle paar Jahre hört, wird ihn wohl kaum bemerken“, sagt Boris Hellmers-Spethmann. Kenner hingegen würden einige Passagen neu erleben: Die Orchestrierung sei deutlich verändert, die Komposition gekürzt, komplizierte Einsätze seien vereinfacht worden: „Es sieht so aus, als ob es dem Bearbeiter auch darum ging, das Stück marktgängig zu machen“, sagt Boris Hellmers-Spethmann. Im Prinzip habe sich „die ganze Architektur des Stücks etwas verändert“.

Der Gershwin-Welterstaufführung gingen mehrere Jahre intensiver, beinahe detektivischer Recherchen voraus, berichtet Hellmers-Spethmann. Anlass war die sogenannte Gemeinfreiheit. Danach erlischt in Deutschland das Urheberrecht an künstlerischen Schöpfungen 70 Jahren nach Tod des Verfassers. Seit 2008 sind Gershwins Werke, der 1937 starb, entsprechend urheberrechtsfrei. Hellmers-Spethmann wollte das Werk neu herausbringen und stieß bei der erhältlichen Partitur auf den Hinweis „edited by Frank Campbell-Watson“. Dieser Zusatz steht der Gemeinfreiheit im Weg, da der Todestag des Arrangeurs bei Bearbeitungen maßgeblich ist; Campbell-Watson war Mitarbeiter des US-amerikanischen Musikverlags, der Gershwins Werke zuerst verlegte.

Hellmers-Spethmann wollte sich damit nicht zufriedengeben. Seine Neugier war geweckt: Anders als bei anderen Bearbeitungen „konnte man hier nicht nachvollziehen, was und wie viel verändert worden ist“. Also machte sich der Musikverleger auf die Suche nach der Originalfassung, um eben jene Fragen zu beantworten. Dass sie nicht früher entdeckt worden war, liege wohl auch daran, sagt Intendant Kötter-Lixfeld, „dass sich offenbar noch niemand musikwissenschaftlich intensiv mit Gershwin beschäftigt hat“. Bei Komponisten wie Bruckner und Mahler dagegen gebe es unzählige kritische Auseinandersetzungen um jede kleinste Quellenlage.

„An die Originalnoten heranzukommen, war alles andere als einfach“. Mehrere Jahre bohrte Hellmers-Spethmann dicke Bretter, forschte in Archiven, nahm auch Kontakt zu den Gershwin-Nachfahren auf. Letzteres vergebens, dennoch trieb Hellmers-Spethmann die Originalnoten auf. Er verglich Gershwin-Handschriften und Erstdrucke, zu Lebzeiten des Komponisten veröffentlichte Bearbeitungen und alte Tonaufnahmen, auf denen Gershwin selbst zu hören war, berichtet er. Sein Fazit: Die Eingriffe Campbell-Watsons (die nach Gershwins Tod gemacht wurden) sind umfangreich. Nicht alle seien nachzuvollziehen, Geschmacksfragen hätten offenbar eine erhebliche Rolle gespielt.

Für das Orchester sei die Arbeit an der Urfassung interessant, aber auch knifflig, sagt der Intendant der Philharmoniker. „Gerade bei Spezialstimmen, wo die Instrumente herausstechen, beispielsweise die Saxofone, müssen die Musiker höllisch aufpassen, nicht das Gewohnte zu spielen.“ Aber eine ungewohnte Fassung zu spielen, sei grundsätzlich reizvoll. „Es ist faszinierend, festzustellen, wie mit ganz wenigen Änderungen ein Stück teilweise einen komplett anderen Aussagewert bekommt.“

„An American in Paris“ ist erst der Anfang der Wiederentdeckung der Originalversionen George Gershwins. Boris Hellmers-Spethmann will sich auch die anderen orchestralen Kompositionen vorknöpfen. Eine weitere werden die Philharmoniker beim Neujahrskonzert aufführen: die „Cuban Overture“ – genau so, wie George Gershwin sie 1932 komponiert hat.

4. Philharmonisches Konzert: „Helen Schneider singt Gershwin“ am 14. und 15. Dezember, jeweils um 20 Uhr, im Großen Saal der Glocke

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