Enzyklopädien

Deutsch und digital

Das größte Sprachlexikon entsteht im Internet. Die Enzyklopädie als Nachschlagewerk wird in Zukunft wohl ausgedient haben.
03.02.2019, 19:49
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Deutsch und digital
Von Hendrik Werner
Deutsch und digital

In der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften fand unlängst die Auftaktveranstaltung des "Zentrums für digitale Lexikographie der deutschen Sprache" statt.

Jörg Carstensen

Bald werde es „bessere künstliche Gedächtnisse geben als Bibliotheken“, prophezeite der Medienphilosoph Vilém Flusser vor 35 Jahren. „Alles, was bisher in Bibliotheken aufbewahrt ist, wird in diese neuen Gedächtnisse übertragen werden. Der Inhalt der Encyclopaedia Britannica wird darin weniger als einen Kubikzentimeter beanspruchen, jede in ihr enthaltene Information wird auf Tastendruck augenblicklich zur Verfügung stehen.“

Vor sieben Jahren bewahrheitete sich der Kassandraruf für die Encyclopaedia Britannica. Nach 244 Jahren war ihre gedruckte Ära jäh beendet. Eine Ära, in der Informationen zwar notgedrungen spät veröffentlicht wurden, dafür aber oft verlässlicher waren als Online-Schnellschüsse. Digitalisierung zielt auf eine mediale Echtzeit-Utopie. Die Branche bewertet zeitnahe Updates, wie sie nur im Netz zu leisten sind, höher als das sorgsame Sammeln, Bewerten, Aufbereiten und Einpflegen von Wissen, für das Lexika vormals standen. Darunter auch der Brockhaus, dessen 21. Druckauflage im Jahr 2005 die letzte war.

Flexible Reaktionen

„Lexitus“ wurde die massive Abwanderung ins Internet damals genannt. Als verdiene eine Online-Präsenz die Bezeichnung Enzyklopädie nicht. Doch die Geringschätzung hat sich gelegt. Eventuell schlägt sie sogar in Respekt um, wenn das hierzulande ambitionierteste Digitalisierungsprojekt gelingt: die Etablierung des größten deutsches Online-Wörterbuches. Das damit betraute „Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache" wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zunächst für fünf Jahre mit elf Millionen Euro gefördert.

Lesen Sie auch

Federführend bei diesem Vorhaben ist der Berliner Linguist Wolfgang Klein. Er will den deutschen Wortschatz im Verbund mit Kollegen der Wissenschaftsakademien in Berlin, Göttingen, Mainz, Leipzig sowie dem Institut für Deutsche Sprache in Mannheim erfassen – und so schnell auf aktuelle Entwicklungen eingehen, wie es Printlexika nie möglich gewesen ist.

Etwa auf jene Kollegen, die im Schriftdeutschen immer häufiger als Kolleg*innen auftauchen. Denn das sogenannte Gendersternchen, das unlängst zum Anglizismus des Jahres gekürt wurde, verbreitet sich stark. In großen deutschen Lexika ist die Bezeichnung noch nicht zu finden. Das kann sich rasch ändern. Bei häufiger Nutzung sei das Wort „bald in unserem Wörterbuch zu finden“, stellt Wolfgang Klein in Aussicht.

Gratis-Online-Lexikon soll begeistern

Die flexible Reaktionszeit eines Gratis-Online-Lexikons, das nie Platzprobleme hat, soll Schüler und Studenten, Lehrer und Übersetzer weltweit begeistern. Gedruckte Lexika, sagt Wolfgang Klein, hätten immerhin noch einen Vorteil, der digitalen Ausgaben versagt bleibe: „Man kann sie unter einen wackeligen Tisch legen“.

Anders sieht das naturgemäß die Duden-Redaktion. Deren Leiterin Kathrin Kunkel-Razum sagt, es werde „weiterhin Wörterbücher der deutschen Sprache auf Papier geben". Allerdings habe sich das "Große Wörterbuch der deutschen Sprache" in Papierform als unrentabel erwiesen. Die aktuelle Auflage zog 2011 gänzlich ins Netz. Das Flaggschiff Duden indes erscheint – noch – in beiden Sphären.

Lesen Sie auch

Mehr als fünf Millionen Exemplare, die genutzt werden, umfasst der deutsche Wortschatz laut Wolfgang Klein. Auf nicht einmal ein Zehntel davon bezifferte das berühmte Wörterbuch der Brüder Grimm die Anzahl. Allein im 20. Jahrhundert habe sich der Wortschatz um 30 Prozent vermehrt, sagt Klein. Gegenwärtig sind Globalisierung und Kommunikationstechnologie für den rasanten Ausbau unserer Sprache zuständig.

Für ihr Projekt können die Sprachwissenschaftler auf dem bestehenden Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache mit 120.000 Stichwörtern aufbauen. Aufgerufen wird es monatlich etwa vier Millionen Mal. Der Online-Duden hat dagegen 27 Millionen Nutzerkontakte monatlich. Deshalb glaubt Kathrin Kunkel-Razum, der Duden bleibe auch künftig „die wichtigste Instanz für Wörterbücher der deutschen Sprache".

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+