Eröffnungsfeier in Bremerhaven

Deutsches Auswandererhaus feiert Richtfest für Neubau

Seit November 2019 laufen beim Deutschen Auswandererhaus die Arbeiten an einem Neubau. Nun wurde in Bremerhaven Richtfest gefeiert. Fertiggestellt werden soll der Bau im Sommer 2021.
08.08.2020, 05:28
Lesedauer: 4 Min
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Deutsches Auswandererhaus feiert Richtfest für Neubau
Von Alexandra Knief
Deutsches Auswandererhaus feiert Richtfest für Neubau

So soll der fertige Neubau des Deutschen Auswandererhauses im Sommer kommenden Jahres aussehen.

Architektur/Visualisierung: Andreas Heller Architects & Designers, Hamburg

Der Rohbau steht. Und das wurde beim Deutschen Auswandererhaus am Freitagmittag gebührend mit 180 Gästen unter freiem Himmel gefeiert. Seit etwa neun Monaten laufen in Bremerhaven die Arbeiten an dem Neubau für die mittlerweile zweite Erweiterung des 2005 eröffneten Museums. Nun wurde Richtfest gefeiert, und bisher, betont Simone Eick, Direktorin des Museums, laufe trotz Corona alles nach Zeitplan.

Rund 1750 Quadratmeter Fläche umfasst der Neubau. „Das macht das Museum wirklich sehr viel größer, auch in dem Sinne, dass es sich noch weiter zum Hafen und zur Stadt hin öffnet“, sagt Eick. Die Erweiterung beinhalte aber nicht nur räumliche, sondern auch inhaltliche Neuerungen. Entstehen sollen unter anderem ein weiterer Dauerausstellungsteil und ein Pop-up-Museum. Das Pop-up-Museum soll wie eine Art Garage das Museum nach außen hin öffnen und neugierigen Passanten mit kleinen Wechselausstellungen einen kostenlosen Einblick in die Ausstellungsthematiken gewähren.

Akademiegründung

Ein weiterer Bestandteil der Erweiterung und Neuausrichtung des Bremerhavener Museums ist die Gründung einer „Academy of Comparative Migration Studies“. In einem Teil des Neubaus sollen sowohl ein Bildungsinstitut zur Museumspädagogik für Kinder, -Jugend und Erwachsenenbildung als auch ein Institut für Migrationsforschung einen Platz finden.

Der neue Dauerausstellungsteil soll sich mit dem Umgang mit Einwanderung in der Bundesrepublik beschäftigen. Er soll sich dem Thema Konflikte widmen und zeigen, dass diese in Einwanderungsgesellschaften zum Alltag gehören. „Was man beobachten kann, wenn man Deutschland mit anderen Einwanderungsländern vergleicht, ist, dass lange Zeit negiert wurde, dass wir überhaupt ein Einwanderungsland sind“, sagt Eick. „Das Thema Migration tauchte zum Beispiel lange nicht in Schulbüchern auf, sodass Schüler Einwanderung lange nicht als Teil der eigenen Geschichte wahrgenommen haben.“

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Das Deutsche Auswandererhaus muss aus Eicks Sicht noch stärker zu einem Ort werden, an dem man in diese Thematiken eintauchen kann. Aber auch zu einem Ort, an dem man wahrnimmt, wie eigentlich die Leute, die hierher gekommen sind, selbst die Dinge sehen. Wie geht es den Familien? Wie fühlt es sich an, als Einwanderer oder Nachfahre eines Einwanderers hier in Deutschland zu leben? Diese und weitere Fragen sollen in der Ausstellung beantwortet werden. Im Zentrum soll auch die Frage stehen, wie Konflikte so ausgehandelt werden können, dass die Rechte aller gewahrt werden. Vorgestellt werden sollen unterschiedliche Migrationskonflikte – geschichtliche sowie aktuelle – sowie Möglichkeiten des Umgangs mit ihnen. Beleuchtet werden die Themen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die grobe Ausstellungsplanung sei bereits abgeschlossen, sagt Eick. Nun wolle man damit anfangen, ins Detail zu gehen, Ausstellungstexte zu schreiben und die finalen Objekte für die Präsentation auszuwählen. Baulich sei einer der nächsten Schritte, eine Verbindung zwischen dem Kerngebäude und dem Neubau herzustellen, sagt Eick. Zudem befindet sich gerade auch ein besonderes Highlight, das den Neubau am Ende schmücken soll, in der Mache: seine ganz besondere Fassade. Dafür hat das Museum Einwanderer und deren Nachkommen gebeten, sich zu beteiligen und Porträts von sich zur Verfügung zu stellen. Mehr als 100 Porträts von insgesamt 31 Menschen, die für ganz unterschiedliche Einwanderungsgründe stehen und aus ganz unterschiedlichen Ländern kommen, hat das Deutsche Auswandererhaus mittlerweile für die Fassade ausgewählt. Sie sollen reliefartig aus dem Material geschnitten werden, sodass sie je nach Lichteinfall mal mehr mal weniger stark zu sehen sind.

Verschiedene Darstellungen der Einwanderer

Zudem wird der Museumsbesucher den Gesichtern von der Fassade auch im Museum wiederbegegnen. Die Geschichten der porträtierten Einwanderer sollen mithilfe von Objekten, Videos, Audiodateien und Fotos an mehreren Stationen erzählt werden. „Die Begeisterung der Teilnehmer hat mich sehr gefreut“, sagt Eick. „Und auch, dass der Wunsch bei vielen Menschen da war, die eigene Geschichte so präsent zu zeigen.“

Durchschnittlich besuchen jedes Jahr 190.000 Besucher das Museum. Mitte Juli begrüßte das Haus seine 2,75-millionsten Besucher. Laut einer Studie des Berliner Instituts für Museumsforschung zählt das Deutsche Auswandererhaus zu den 3,4 Prozent der besucherstärksten Museen in der Bundesrepublik.

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Als ein Museum gegründet, das die Geschichte der deutschen und osteuropäischen Überseeauswanderung am historischen Standort – dem einst größten Auswandererhafen Kontinentaleuropas – inszeniert, setzte sich das Haus in seinen Sonderausstellungen schnell auch mit Einwanderungsthemen auseinander. Sie sind mittlerweile fester Bestandteil des Museums: 2012 wurde der erste Erweiterungsbau eröffnet, der seither 330 Jahre deutsche Einwanderungsgeschichte zeigt. „Wir sind ein flexibles, mobiles Museum – wir wachsen mit dem Einwanderungsland Deutschland“, sagt Simone Eick.

Gefördert werden der Neubau und der Umbau des bestehenden Hauses mit mehr als zwölf Millionen Euro durch den Bund und das Land Bremen sowie die Stadt Bremerhaven. Die Eröffnung des neuen Komplexes ist für den Sommer 2021 geplant. Ein Moment, auf den Simone Eick schon jetzt mit viel Vorfreude blickt: „Ich freue mich vor allem darauf, zu hören, was die Besucher zu den neuen Angeboten sagen, und darauf, an ihren Reaktionen teilhaben zu können.“ Der aktuelle Museumsbetrieb läuft trotz der Baumaßnahmen durchgehend ohne Einschränkungen weiter.

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