Schifffahrtsmuseum Bremerhaven Digitalisierung und Forschung: Ein Museum geht neue Wege

Ein wenig Seefahrtsromantik ist schon noch zu spüren rund um das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Doch das Museum bietet mehr als das und setzt dabei auf Innovationen.
15.06.2021, 11:45
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Digitalisierung und Forschung: Ein Museum geht neue Wege
Von Simon Wilke

Playmobil, 3D-Brillen und mehrfarbige LED-Beleuchtung sind nicht das, was üblicherweise mit einem Museum verbunden wird. Doch wer vor dem Besuch einen Blick auf die sechs Buchstaben an der Fassade des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) in Bremerhaven geworfen hat, wird anschließend vielleicht etwas weniger überrascht: W-A-N-D-E-L steht dort. Ein Motto das zusammenfasst, was sich in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren im und rund um das Museum, das am Montag wieder öffnen wird, getan hat.

Die Zeiten von analoger Ausstellung nach dem Schema „Objekt plus Erklärtafel“ sind in Bremerhaven längst vergangen. Heute überschneiden sich in den Präsentationen Wissenschaft, Szenographie und digitale Formate, um den Gästen ein modernes Museumserlebnis zu bieten. Das kommt so gut an, dass die Besucherzahlen im vergangenen Sommer trotz Corona besser waren als im Vorjahreszeitraum.

Die Dauerausstellungen

Bei allem bisherigen und noch geplanten Wandel: Das Schifffahrtsmuseum ist ohne die über 600 Jahre alte Bremer Kogge undenkbar. Und darum bleibt das Wrack auch in Zukunft Aushängeschild und zentrales Ausstellungsstück des DSM. Besucherinnen und Besucher können die mittelalterliche Kogge weiterhin auf drei Ebenen umlaufen, sich über ihre Geschichte und aktuelle Forschungsergebnisse informieren.

Und auch alle Museumsschiffe bleiben, der Walfänger Rau IX genauso wie der Bergungsschlepper Seefalke, die quasi vor der Tür im Hafenbecken liegen. Doch auch wer lieber festen Boden unter den Füßen hat, bekommt allerlei zu sehen. Das sogenannte APEX beispielsweise, einen Greifer, der bis in 6000 Metern Tiefe Bodenproben vom Meeresgrund entnehmen konnte. Oder das, was man als einen Vorläufer heutiger Computer bezeichnen könnte: den Gezeitenrechner von 1955. Er war ein Prestigeprojekt der DDR in Zeiten des kalten Krieges und zeigt noch heute, welch wichtige Rolle die Seefahrt bis in die jüngste Vergangenheit bei Konflikten zwischen Staaten einnahm.

Lesen Sie auch

Die Digitalisierung

Rund um das Museum ist sie noch immer zu spüren, die Seefahrtsromantik lange vergangener Zeiten. Doch weil gerade den jüngeren Besucherinnen und Besuchern die Namen der alten Großsegler häufig weniger sagen, als die der sogenannten Mega-Carrier der Containerschiff-Flotten, setzt das Museum längst nicht mehr nur auf Altbewährtes, um Besucher anzulocken. Ein Museum für alle will es sein, sagt Thomas Joppig, der für die Museumskommunikation verantwortlich ist. Und dazu gehört ganz maßgeblich auch die Generation der sogenannten „Digital Natives“.

Deshalb setzt das DSM darauf, die analogen Exponate mit digitalen Angeboten zu verknüpfen. Jüngstes Beispiel: die Ausstellung „Kogge trifft Playmobil“, die im vergangenen Oktober auslief. Dazu wurde die Geschichte der Bremer Kogge mit Playmobil-Figuren szenisch nachgestellt. Als Ergänzung dazu ließen sich die erbauten Miniatur-Landschaften in einem digitalen Angebot aus Sicht verschiedener Playmobil-Figuren erleben. Oder: die virtuelle Forschungsexpedition „360° Polarstern“. Der Grundriss des berühmten Forschungsschiffs bildete die Ausstellungsfläche, auf der mithilfe von Virtual- und Augmented-Reality das Schiff erkundet und zur tatsächlich erlebbaren Attraktion werden konnte – von der Vibration der Motoren bis hin zum Fahrtwind im Gesicht.

Doch nicht nur neuste Technik soll künftig einen anderen Zugang zu den Objekten ermöglichen. Auch die Themen der Ausstellungen gehen längst über die Raffinessen alter Schiffsmotoren oder kniffliger Seemannsknoten hinaus. Stattdessen soll sich am Beispiel der Schifffahrt den Themenfeldern genähert werden, die die Menschen bewegen. Deshalb wird klassische nautische Historie heute beispielsweise mit Fragen zum Klimawandel, zur Meeresverschmutzung oder zu Globalisierung verknüpft.

Als ein großer Vorteil erweist sich außerdem der Standort Bremerhaven. Neben der langen Seefahrtstradition der Stadt und eingebettet in die Havenwelten, liegt auch das Alfred-Wegener-Institut in Sichtweite des Schifffahrtsmuseums. So entstehen Synergien, die sich auch inhaltlich bemerkbar machen – in Ausstellungen, aber beispielsweise auch bei Podiumsdiskussionen in den Räumen des Museums.

Die Forschung

Das Deutsche Schifffahrtsmuseum ist eines von acht Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft. Sein Schwerpunkt ist schnell umrissen: Es geht um die Beziehung zwischen Mensch und Meer, erzählt am Beispiel maritimer Technologien. In erster Linie Schiffe, aber auch weniger prominente Exponate wie der Gezeitenrechner oder Hafen-Kräne sollen hier Geschichte veranschaulichen.

Den wissenschaftlichen Hintergrund dazu liefern die hauseigenen Historiker und Archäologinnen. Ihre Expertise fließt ein in die Museumskonzeption und in die Entwicklung bestehender und künftiger Ausstellungen. Was kann man aus den Tagebuchaufzeichnungen eines Kapitäns über das Leben auf Forschungsschiffen in den Dreißigerjahren lernen? Wie helfen alte Seekarten bei der Suche nach Orten, an denen nach den Weltkriegen tonnenweise Munition in der Nordsee versenkt wurde?

Solche und ähnliche Fragen versuchen die Wissenschaftler zu beantworten. Und zwar nicht nur in Hinterzimmern und Laboren, sondern mitunter mitten im Ausstellungsraum, wo Besucherinnen und Besucher ihnen bei der Arbeit über die Schulter schauen können.

Zur Sache

Deutsches Schifffahrtsmuseum

Adresse: Hans-Scharoun-Platz 1

Kommende Ausstellung: „Kakao, Kaffee, Tabak – Rauschmittel früher“, ein Kooperationsprojekt des DSM mit Schülern sowie der Universität Oldenburg startet im April

Tickets: an der Kasse

Eröffnung: September 1975

Ausstellungsfläche: 8000 qm, wegen Umbaus derzeit zur Hälfte nutzbar

Bedeutsamstes Exponat: die Bremer Kogge von 1380

Architektur: Der Scharoun-Bau des Schifffahrtsmuseums wurde nach einem Entwurf des Architekten Hans Scharoun gebaut und steht seit 2005 unter Denkmalschutz.

Info

Der nächste Teil unserer Serie über die Kulturszene Bremerhaven befasst sich mit dem

Musikclub Pferdestall.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht