Ben Gowertt zeigt im Bremer Hafenmuseum ungewöhnliche Fotografien von Baustellen Die Ästhetik des Unfertigen

Bremen. Da ragt ein grasgrünes Plastikrohr an der grauen Betonwand auf, dort geben rot-weiße Absperrgitter dem tristen Baugerüst einen Farbtupfer, und vor den mit Putz besprühten Glasscheiben ist ein Schutthaufen mit einer blauen Tüte zu sehen. Der Fotograf Ben Gowertt sucht die Orte im Wandel zwischen Verfall und Aufbruch, zwischen Chaos und Ordnung auf und fotografiert hier die verborgene Ästhetik des Unfertigen.
02.02.2016, 00:00
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Die Ästhetik des Unfertigen
Von Uwe Dammann

Da ragt ein grasgrünes Plastikrohr an der grauen Betonwand auf, dort geben rot-weiße Absperrgitter dem tristen Baugerüst einen Farbtupfer, und vor den mit Putz besprühten Glasscheiben ist ein Schutthaufen mit einer blauen Tüte zu sehen. Der Fotograf Ben Gowertt sucht die Orte im Wandel zwischen Verfall und Aufbruch, zwischen Chaos und Ordnung auf und fotografiert hier die verborgene Ästhetik des Unfertigen. Das Hafenmuseum im Speicher XI zeigt jetzt eine umfangreiche Ausstellung mit den Arbeiten Gowertts.

Wer dem Museum einen Besuch abstattet, muss zunächst beim Rundgang eine Art Hindernisparcours aus großformatigen Plakatabzügen bewältigen. Der schlichte, aber wirkungsvolle Ausstellungsraum im Speicher wird so ein Teil der Ausstellung. Die Bilder Gowertts hängen von der Decke herab, mitten im Raum und sind von zwei Seiten zu betrachten. Wer den ersten Durchgang bis zur Außenwand macht, kann sich auf der Stelle umdrehen und den zweiten Teil der Ausstellung betrachten.

Entstanden sind die Fotografien Gowertts in seiner Heimatstadt Münster, in Hamburg, aber auch in Bremen, und doch sind sie nicht zu verorten. „Hier geht es vielmehr um verlassene Schauplätze, bei denen auch nicht klar ist, ob sie im Werden oder im Vergehen sind“, sagt Claudia Seidel vom Hafenmuseum. Die Motive seien deshalb passend zu dem Geschehen im Umfeld des Speichers XI, betont Seidel. Schließlich ist auch in der Überseestadt seit 15 Jahren ein städtebaulicher Wandel zu beobachten, der in dieser Größe und in diesem Tempo selten wahrgenommen werden kann. Dem Besucher und den Mitarbeitern im „Quartier“ bieten sich jeden Tag neue Bilder, es wird gebaut und umgebaut, Büros, Wohnungen, Straßen. Ein stetes Werden und Vergehen. Was passiert, wenn diese scheinbar rastlose Bauerei einmal innehält, hat Ben Gowertt mit seiner Kamera eingefangen. Obendrein abstrahiert der Fotograf mit seiner Kamera das Geschehen. Manche Motive, wie beispielsweise Gipsputzspuren auf einem Fenster, sind nicht als solche zu erkennen, sondern wirken stattdessen wie ein großformatiges, abstraktes Gemälde in verschiedenen Grautönen. Andere Motive sehen so aus, als ob sie genau in dieser Konstellation komponiert sind. „Provisorische Stillleben“, nannte Albrecht Lampe in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung diese Arbeiten und übersetzt damit den Titel „Temporary Still Lifes“.

Stillleben sind per Definition eigenständige und auf Dauer inszenierte Darstellungen künstlerischer Arrangements von Gegenständen. „Die Kunst des Arrangements hat Ben Gowertt nun den Umständen und den auf die Objekte einwirkenden Kräfte und Einflüsse überlassen“, erläutert Lampe. Das umschreibt treffend die scheinbar zufällig erscheinende Kombination zwischen farbigen Accessoires wie blauen Mülltüten, grünen Plastikrohren oder lila gefärbten Einpackfolien vor grauen Steinen. Der Münsteraner Ben Gowertt hat in seiner Fotografie die Haltung entwickelt, dass er im öffentlichen Raum geduldig sucht und findet, was sich ihm an Erneuerung, Wandel oder gar Naturereignissen anbietet. Das hat in dieser zusammenhängenden Ausstellung im Hafenmuseum, die obendrein noch durch die besondere Hängung interessant arrangiert ist, den Charme einer ganz eigenen Baustellenästhetik, die man als unbedarfter Beobachter vermutlich sonst nie so entdecken würde.

Die Ausstellung ist bis zum 28. März zu sehen. Die Öffnungszeiten des Hafenmuseums, Am Speicher XI, sind dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr.

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