Bremer Geschichte

Die Affäre Borgward: Doku-Spielfilm läuft am Montag

Der Doku-Spielfilm „Die Affäre Borgward“ (ARD, 7. Januar, 20.15 Uhr) erzählt den Niedergang des Bremer Autobauers als persönliche Tragödie.
05.01.2019, 20:26
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Die Affäre Borgward: Doku-Spielfilm läuft am Montag
Von Katharina Frohne
Die Affäre Borgward: Doku-Spielfilm läuft am Montag

"Er ist an dem Tag zerbrochen, als man ihm seine Firma weggenommen hat", hat Borgwards Frau Elisabeth über ihren Mann gesagt.

Jörg Landsberg/NDR

Als alles vorbei ist, steht Carl Borgward am Zaun. Draußen er, der große Bremer Autofabrikant, drinnen, hinter schweren Eisenstäben, das Werksgelände seines Unternehmens. Sein Lebenswerk. Er selbst hat Hausverbot, darf das Grundstück nicht mehr betreten. Tage zuvor, am 4. Februar 1961, hatte er die gesamte Firma dem Land Bremen übereignen müssen, um den sofortigen Konkurs abzuwenden. Mehr als 13 Stunden hatten die dramatischen Verhandlungen gedauert, schließlich hatte Borgward zugestimmt. „Er ist an dem Tag zerbrochen, als man ihm seine Firma weggenommen hat“, wird seine Frau Elisabeth später sagen. Carl Borgward ist draußen, fallengelassen, weggeschoben. Ausgesperrt. So sieht er das.

Der Film „Die Affäre Borgward“ (ARD, Montag, 20.15 Uhr) erzählt den Niedergang des Bremer Autobauers als persönliche Tragödie. Der NDR hat die Produktion als Doku-Spielfilm angekündigt. Filmschnipsel aus Nachrichtensendungen der 60er-Jahre ergänzen die Spielfilmhandlung, die, so heißt es im Vorspann, auf wahren Begebenheiten beruht.

Thomas Thieme als Carl Friedrich Wilhelm Borgward mimt einen Mann, der tief fällt. Noch Mitte der 50er-Jahre, so erfährt der Zuschauer gleich zu Beginn, stehen Borgwards Modelle an dritter Stelle der deutschen Zulassungsstatistik, die Bremer Marke wird zum Synonym für das westdeutsche Wirtschaftswunder. Mit mehr als 20.000 Angestellten sind die Borgward-Werke in Sebaldsbrück, Hastedt und der Neustadt der größte Arbeitgeber der Hansestadt.

Trotzdem läuft es nicht rund. Borgward ist ein Geschäftsmann ohne Geschäftssinn. Über Geld zu sprechen, langweilt ihn, die Bedenken seiner Berater sind ihm lästig. Als sein Finanzdirektor Otto Carstens (im Film: Jens Schäfer) im Winter 1960 Alarm schlägt, wimmelt er ihn zunächst ab. Schlechte Verkaufzahlen? Werden sich schon einpendeln. Die Marken Borgward, Goliath und Lloyd zusammenlegen, um die unnötig hohen Kosten zu senken? Schnapsidee. Die Produktion drosseln? Niemals. Im Gegenteil, Borgward will weitermachen, der Welt neue, bessere, schönere Wagen präsentieren. Mit einem Brotmesser formt er Miniaturautos aus Knete, verliert sich in gestalterischen Feinheiten.

Sinnüberfrachtete Szenen

Carl Borgward, so erzählt es der Film, war ein ambivalenter Typ. Leidenschaftlicher Bastler, genialer Konstrukteur, aber schwierig. Verhältnis zur Politik: angespannt. Vor allem Wirtschaftssenator Karl Eggers (André Mann) ätzt ausdauernd gegen „den Alten“. Die Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit. Über Eggers, Finanzsenator Wilhelm Nolting-Hauff (August Zirner) und Bürgermeister Wilhelm Kaisen (Jürgen Heinrich) sagt Borgward: „Ich kann diese Kerle nicht ausstehen.“ Als Borgward Ende 1960 Geld braucht und die Bremer Landesbank eine Bürgschaft verlangt, eskaliert die Lage. Borgward bittet Kaisen um Hilfe. Höhe des Darlehens: 50 Millionen Mark. Zuerst will Kaisen zustimmen, immerhin stehen Zehntausende Arbeitsplätze auf dem Spiel, dann macht der Senat einen Rückzieher, verlangt die Übereignung an das Land.

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Wie konnte es passieren, dass Borgward letztlich scheiterte? Der Film hütet sich davor, diese Frage zu beantworten. Es ist offensichtlich, dass Marcus O. Rosenmüller, der Regie geführt und das Drehbuch verfasst hat, sich große Mühe gibt, nicht zu werten, sondern abzubilden, die Ambivalenz der Lage zu beleuchten statt Position zu beziehen.

Es ist Schauspielgrößen wie Thieme, Zirner oder Barbara Philipp (als Elisabeth Borgward) zu verdanken, dass das hin und wieder funktioniert. In den stärksten Szenen des Films ist Thieme mal selbstvergessener Tüftler, mal herrschsüchtiger Patriarch, mal Sympathieträger, mal Unsympath.

Genervte Reaktion

Leider muss auch er gegen ein Drehbuch anspielen, das so sehr um eine umfassende Darstellung der Situation bemüht ist, dass ihm viel zu oft jede Glaubhaftigkeit abgeht. Immer wieder lässt Rosenmüller seine Figuren Daten und Hintergrundinformationen aufsagen, sie in teils skurrilen Was-bisher-geschah-Dialogen ihre Vorgeschichte rekapitulieren. In einer frühen Szene warnt Borgwards Berater Carstens vor Konkurrenz durch den neuen Kompaktwagen der Marke Ford und erklärt seinem Chef: „Die Amerikaner bauen jetzt selber Kleinwagen und drängen uns auf diese Weise vom Markt.“ Borgward reagiert genervt. „Wie viele Autos habe ich letztes Jahr verkauft?“, fragt er Carstens. In der Realität würde der wohl abwinken. Rhetorische Frage, klar. Gedachte Antwort: Sehr, sehr viele. Stattdessen entgegnet Carstens: „107.500 ohne Ausland.“

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Auch sonst wäre etwas weniger Offensichtlichkeit mehr. Sinnüberfrachtete Szenen reihen sich aneinander, lassen einmal mehr den Verdacht aufkommen, dass dem Zuschauer hier jedes Mitdenken erspart werden soll. Am Schluss des Films, das Unternehmen ist längst pleite, bangt der Borgward-Händler Peter Zech um seine Existenz. Zech, der laut NDR-Redaktion nur zufällig den gleichen Nachnamen wie der bekannte Bremer Unternehmer trägt, hatte in besseren Zeiten eine Italienreise gebucht. Jetzt, da alles vorbei ist, lässt seine Frau den Florenz-Reiseführer seufzend in den Papierkorb plumpsen. Aus der Traum. Das soll nun auch dem Letzten klar sein.

Emotional dümpelt „Die Affäre Borgward“ bis zuletzt nur an der Oberfläche. Wie schade das ist, zeigt eine der letzten Einstellungen, in der Borgwards Tochter Monica als einzige Zeitzeugin auftritt. Sichtlich ergriffen blättert sie in ihrem Tagebuch von damals, erzählt, wie ihr Vater unter dem Verlust seiner Firma gelitten habe. Es ist, mit einigem Abstand, die ergreifendste Szene des Films.

Weitere Informationen

Die Affäre Borgward läuft in der ARD am Montag, 7. Januar, um 20.15 Uhr.

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