Neus Album

So ambitioniert wie lange nicht mehr

Die Band „Travis“ hat ein neues Album veröffentlicht. Warum es vier Jahre für „Ten Songs“ brauchte, berichtet Sänger Fran Healy.
12.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Nadine Wenzlik
So ambitioniert wie lange nicht mehr

Fran Healy (Mitte) hat auf den Rat seines Sohnes gehört und macht jetzt wieder Musik in Vollzeit.

Ryan Johnston

Hamburg. Vor rund eineinhalb Jahren saß Travis-Sänger Fran Healy eines Abends am Klavier, als sein damals 13 Jahre alter Sohn Clay mit einem wichtigen Anliegen den Raum betrat. „Er sagte: ‚Dad, ich glaube du solltest dich jetzt wieder auf die Band konzentrieren“, erinnert sich Healy.

„Ich selbst bin ohne Vater aufgewachsen und wollte für Clay der Vater sein, den ich nie hatte. Deswegen legte ich meinen Fokus nach seiner Geburt auf ihn. Man kann sich das vorstellen wie einen Laser, der aus der Mitte meiner Stirn kam. Auf einmal zeigte er nicht mehr auf die Band, sondern auf Clay. Als er dann an jenem Abend zu mir ans Klavier kam, war das wie bei Pinocchio, der sich zu Meister Seppel auf den Tisch setzt, ihm sagt ‚ich bin fertig‘, und dann vom Tisch hüpft. Mein Laser ist jetzt also wieder auf die Band gerichtet.“ Das Ergebnis ist das neunte Travis-Album „10 Songs“, auf dem der 47-Jährige sich so ambitioniert wie lange nicht präsentiert.

Kurzer Rückblick: Rund 25 Jahre ist es her, dass die vier Mitglieder von Travis erstmals zusammen einen Proberaum in Glasgow betraten. Mit ihrem zweiten Album „The Man Who“, das Britpop-Hits wie „Why Does It Always Rain On Me“ und „Sing“ enthielt, gelang ihnen 1999 der internationale Durchbruch. Seitdem hat die schottische Band Millionen Alben verkauft. Zu ihren Fans gehört auch Chris Martin, der einst sagte, ohne Travis würde es seine Band Coldplay nicht geben. Doch seit der Geburt von Healys Sohn wurden die Veröffentlichungen von Travis tatsächlich spärlicher. Ihr letztes Album „Everything at Once“ haben sie im April 2016 veröffentlicht. „Ich habe das Gefühl, dass ich bei unseren letzten Alben eher am Cruisen war – auch wenn ich vorgab, mit voller Geschwindigkeit zu fahren“, so Healy. „Aber als Songwriter habe ich nicht sehr tief gegraben. Das ist dieses Mal anders.“

Hatte sich Healy das Songwriting zuletzt mit seinen Bandkollegen geteilt, nahm er die Zügel zum ersten Mal seit dem 2003 veröffentlichten Album „12 Memories“ wieder selbst in die Hand: Alle zehn Songs stammen aus seiner Feder. Vielleicht erinnern sie deshalb an das Frühwerk von Travis. Fran Healys Händchen für eingängige Melodien, es ist immer noch da. „Was mich interessiert, sind Melodien“, bestätigt er. „Das ist ein bisschen wie beim Bergbau. Man muss viel buddeln und meißeln, bis man irgendwann einen kleinen Diamanten oder ein Goldstück findet. Ich würde sagen 95 Prozent des Prozesses besteht aus Buddeln und Meißeln. Deswegen hat dieses Album auch vier Jahre gedauert.“

Aufgenommen hat die Band es gemeinsam mit dem Produzenten Robin Baynton, der zuvor schon mit Coldplay und Florence & The Machine gearbeitet hat. Und wer genau hinhört, entdeckt den einen oder anderen Gastauftritt: Neben Susanna Hoffs von The Bangles sind auch Jason Lytle von Indierockband Grandaddy und die Lap Steel des amerikanischen Musikers Greg Leisz zu hören.

Doch was genau hat Healy bei all dem Graben, Buddeln und Meißeln gefunden? „10 Songs“ ist, das merkt man sofort, ein romantisches Album. In den meisten Stücken geht es um die Liebe und darum, wie sie sich unter Einfluss der verschiedenen Herausforderungen des Lebens entwickelt. „Unsere ganze Welt dreht sich um die Liebe. Liebe zu finden, Liebe zu geben, Liebe zu empfangen, zuzulassen, geliebt zu werden – all das gehört zum Leben und das wollte ich mit diesen Songs erforschen“, so Healy. „Denn was bleibt uns ohne die Liebe? Wir können uns vormachen, dass wir all diese unglaublichen Dinge haben, iPhones, Autos und Flugzeuge, aber das ist eine Illusion. Alles, was wir haben, ist einander. Und was wir einander geben können, ist Liebe. Die Welt braucht dringend mehr davon.“

Die Single „A Ghost“ derweil – das dazugehörige, animierte Musikvideo zeichnete Healy während des Lockdowns komplett selbst – handelt gewissermaßen davon, das Leben (wieder) in die Hand zu nehmen. So wie Healy es getan hat.

„Es geht darum, sich selbst im Spiegel anzusehen und einen Geist zu sehen. Sich zu fragen: Bin ich glücklich? Mache ich das, was ich tun sollte?“, sagt er. „Vor einer Weile hatte ich eine lange Unterhaltung mit einem Taxifahrer in Glasgow. Als ich ausstieg, kurbelte er das Autofenster runter und meinte: ,Wir sind eine lange Zeit unter der Erde.' Das hat mich umgehauen. Aber wenn man mal drüber nachdenkt: Wir existieren nur für eine ganz kurze Zeit, und deswegen ist es wichtig, seine Zeit hier zu nutzen und seinem Herzen zu folgen. Die Dinge zu tun, die man tun muss. Ich glaube, ich bin hier, um zu singen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+