„Die Dramatik ist den wenigsten bewusst“

Herr von Hirschhausen, Sie sind Mediziner, Kabarettist, Moderator, Bestsellerautor und Gründer der Stiftung „Humor hilft heilen“. Was sagt eigentlich Ihr Hausarzt über Ihre Work-Life-Balance?Eckart von Hirschhausen: Ich habe sicher keinen klassischen Nine-to-five-Job, aber um meine Work-Life-Balance müssen Sie sich keine Sorgen machen. Jede Krankenschwester oder Hebamme arbeitet mehr als ich.
19.03.2018, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Mario Assmann

Herr von Hirschhausen, Sie sind Mediziner, Kabarettist, Moderator, Bestsellerautor und Gründer der Stiftung „Humor hilft heilen“. Was sagt eigentlich Ihr Hausarzt über Ihre Work-Life-Balance?

Eckart von Hirschhausen: Ich habe sicher keinen klassischen Nine-to-five-Job, aber um meine Work-Life-Balance müssen Sie sich keine Sorgen machen. Jede Krankenschwester oder Hebamme arbeitet mehr als ich. Aber weil meine Tätigkeit in der Öffentlichkeit stattfindet, entsteht schnell der Eindruck, ich wäre Tag und Nacht aktiv. Bin ich aber nicht. Zudem empfinde ich das, was ich tue, nicht als Last – weil ich es mir selber aussuche, die Arbeit meinen Stärken entspricht und mir nichts mehr Freude macht, als auf der Bühne zu stehen und Menschen zum Lachen und Nachdenken zu bringen.

Zeit ist ein wichtiger Aspekt der Work-Life-Balance – und das zentrale Thema Ihres Bühnenprogramms „Endlich!“. Damit treten Sie am 20. März in Oldenburg, am 21. März in Bremen und am 22. März in Aurich auf. Was erwartet die Zuschauer?

Der Grundgedanke meines Programms „Endlich!“ ist: Wenn das Leben endlich ist, wann fangen wir endlich an zu leben? Um diese Frage zu ergründen, ziehe ich alle Register. Es gibt Kabarett, Musik und Zauberei. Viel zu lachen, zu staunen und auch was zum Nachdenken und Mitnehmen, auch ganz Praktisches: Ich unterziehe mich und einen Zuschauer einer digitalen Detox-Kur, erkläre wie man 10 Kilo gesund abnehmen kann, animiere das Publikum zu einer gemeinsamen Runde Beckenbodengymnastik und verrate, welche fünf einfachen Verhaltensregeln 15 zusätzliche Lebensjahre bedeuten können. Auf der Bühne bin ich so frei wie nirgendwo sonst, ich kann jeden Abend improvisieren und ausprobieren. Das macht mir Spaß, und dieser Funke springt auf das Publikum über. In der zweiten Hälfte erzählen mir Zuschauer von sich aus, was sie auf ihrer inneren „Lebenslust-Liste“ haben – und was da kommt, das kann sich ohnehin keiner ausdenken. Deswegen ist jeder Abend einzigartig. Für die Zuschauer wie für mich.

In Bremen sind Sie zuletzt im Frühjahr 2017 aufgetreten. Was verbinden Sie mit Bremen? Außer „Leben und Tod“, das Thema der damaligen Veranstaltung?

Bremen ist eine tolle Stadt, und auch auf Aurich am nächsten Tag freue ich mich. Das Hanseatische und Norddeutsche liegt mir sehr. Meine Großeltern kamen aus dem Baltikum, ich bin Berliner und habe Bremen schon als Schüler auf Radtouren für mich erobert. Ich war hier zum Kirchentag, oft für Radio Bremen vor Ort und habe mit Hellmuth Karasek in der Glocke eines der erfolgreichsten Hörbücher Deutschlands live aufgenommen: „Ist das ein Witz? Kommt ein Literaturkritiker zum Arzt …“ Da hat der wunderbare Hellmuth kurz vor seinem Tod seine besten Witze erzählt – bis heute unvergessen. Ich bin sehr froh, dass die CD seinen Humor ein Stück „unsterblich“ gemacht hat. Auch davon werde ich bei „Endlich!“ auf der Bühne erzählen: Wie man der Vergänglichkeit mit Humor begegnen kann.

Wie man schwungvoll in den Frühling kommt, ist dieser Tage ein beliebtes Thema. Wie halten Sie sich fit?

Wir brauchen dringend mehr Bewegung in unserem Alltag, mehr Treppen statt Aufzüge und Rolltreppen – oder einfach einmal für fünf Minuten die Stunde bewegen. Ich habe mir angewöhnt, bei längeren Telefonaten einen Spaziergang um den Block zu machen. Da kommt man schnell auf die 3000 Extraschritte und 15 Minuten Bewegung am Stück, die einen bereits vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen. Deshalb heißen die Dinger ja auch „Mobil“-Telefone. Und worauf ich persönlich besonders stolz bin: Ich habe gerade mit Intervallfasten 10 Kilo abgenommen. Für mein eigenes Magazin „Hirschhausen Gesund Leben“, das gerade frisch im Zeitschriftenhandel erschienen ist, war für das erste Heft ein Titelthema übers Abnehmen geplant, das war für mich wie eine kleine öffentliche Wette. Vorgenommen abzunehmen hatte ich mir – wie wahrscheinlich jeder zweite Deutsche – jedes Silvester der vergangenen zehn Jahre. Aber wenn es als Titelgeschichte eingeplant wird, dann muss man auch liefern. Wen die Details interessieren: Die ganze Geschichte und weitere Gesundheitsthemen mit Humor und Tiefgang finden sich im Heft.

In Ihren Bühnenprogrammen fragen Sie oft: „Stellen Sie sich vor, Ihr Körper wäre ein Gebrauchtwagen. Würden Sie ihn kaufen?“ Nun stelle ich Ihnen diese Frage. Würden Sie zugreifen, ginge es um Sie?

Na ja, die Knie zwacken und sind nicht so richtig fit; das eine habe ich operieren lassen, das andere gehört zur Kontrollgruppe (lacht). Und ich habe mittlerweile eine Lesebrille, aber ansonsten kann ich noch alles wie mit 20 – nur halt nicht mehr in der gleichen Zeit. Ich bin gerade 50 geworden, für mich fühlt sich dieser Geburtstag an wie ein Erntedankfest. Ich habe mehr erreicht, als ich mir selber habe träumen lassen. Jetzt wird es Zeit, gelassener zu werden und zu genießen. Denn wer nicht genießt, wird ungenießbar.

Selbst das beste Auto muss zu Inspektionen und Reparaturen. Nach welchen Kriterien wählen Sie eine Werkstatt aus? Was muss ein guter Arzt haben?

Sprache in der Medizin wirkt wie ein Medikament. Ein guter Arzt ist deswegen auch immer ein guter Kommunikator. Zuhören, die wichtigen Fragen stellen und dann Klarheit und Hoffnung vermitteln, das ist die Kunst. Sprache ist hierfür das entscheidende Werkzeug. Aber da wird in der Ausbildung so getan, als ob das jeder könnte – Unsinn! Auch später bekommen Ärzte leider zu wenig Rückmeldung über ihr Handeln. Das wäre aber sehr wichtig, um zu überprüfen, wie gut oder eben nicht gut ein Arzt behandelt. Denn nur weil sich keiner beschweren kommt, heißt es ja nicht, dass alle Fallschirme funktionieren.

Um noch einmal im Bild zu bleiben: Je älter ein Wagen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Motor streikt. Haben Sie Angst vor dem Älterwerden?

Nein, eigentlich nicht. Und seit ich mich für mein Programm „Endlich!“ auch mit den letzten Dingen des Lebens intensiv beschäftigt habe, eigentlich noch weniger. Ich möchte nicht beschönigen, dass es am Ende des Lebens auch Schmerzen und Situationen der Verzweiflung gibt. Aber aus Angst vor dieser letzten Phase die ganze Zeit in Sorge zu verbringen, ist Zeitverschwendung. Ich schreibe gerade mit einem echten Bremer, Professor Tobias Esch, ein Buch für den Herbst. Darin nähern wir uns der überraschenden Tatsache, dass für viele Menschen die zweite Lebenshälfte die zufriedenere ist. Wir Menschen sind auf Reifung angelegt – nicht auf ewige Jugend. Und wenn man dafür ist statt dagegen, hat man mehr davon. Das Buch wird zum Teil im Bürgerpark entstehen, denn beim Spazieren in der Natur gibt es doch bessere Gespräche als vor dem Computer.

Für Zuwendung bleibt in Krankenhäusern und Pflegeheimen häufig zu wenig Zeit. Sie selbst haben bemängelt, dass in den vergangenen 20 Jahren die Arbeitsbedingungen in vielen Kliniken schlechter geworden sind. Können Sie jungen Menschen noch empfehlen, Arzt oder Pfleger zu werden?

Ich würde immer wieder Medizin studieren. Arzt ist für mich einer der schönsten Berufe der Welt, aber die schlechte Stimmung in den Krankenhäusern macht mir ernsthaft Sorgen. Gerade für die Pflegekräfte in Deutschland müsste viel getan werden: Ausbildung, Wertschätzung, Bezahlung, Vereinbarkeit mit der Familie, Möglichkeiten der Weiterbildung und Karriere, Akademisierung, politische Lobbyarbeit mit einer verbindlichen Bundespflegekammer – die Liste ist für dieses Gespräch zu lang. Geschätzt fehlen heute schon 50 000 Pflegekräfte, und in zehn Jahren werden wir 1,5 Millionen Pflegebedürftige mehr haben. Die Dramatik ist den wenigsten bewusst und betrifft uns früher oder später doch alle. Ich kann die Kollegen und Pflegekräfte gut verstehen, die auf die Barrikaden gehen oder resignieren. Die Kürzungen am Personal sind desaströs, denn gerade Zeit und menschliche Zuwendung sind durch nichts zu ersetzen und dürfen nicht der Profitmaximierung unterliegen. Wenn eine Krankenschwester oder ein Altenpfleger für 40 Patienten in der Nacht da sein soll, ist das ein Skandal.

Geradezu paradox mutet es an, dass in einigen Bereichen massiv Personal fehlt, während bei anderen eine medizinische Überversorgung kritisiert wird. Hat das deutsche Gesundheitssystem seine gesunde Mitte verloren?

Ja, durch zu viel ökonomisches Denken, das am Kern der Idee des „Hospitals“ vorbeigeht – ein Ort für Gäste. Das Wort „Charité“ kommt nicht von „Shareholder“, sondern von „Caritas“ – der Nächstenliebe, die in einem Patienten erst einmal den sieht, dem man Leiden lindern möchte, und keinen sogenannten Abrechnungsfall und keinen Kunden. Das Anreizsystem ist falsch und dreht immer weitere kranke Spiralen. Das weiß jeder, aber keiner traut sich, daran zu rütteln.

Ihr jüngstes Werk „Wunder wirken Wunder“ war eines der meistverkauften Sachbücher des Jahres 2017. Worauf führen Sie das zurück? Darauf, dass sich die Leser mehr Durchblick in einem schwer durchschaubaren Gesundheitssystem versprechen?

Das bestimmt. Und dass die Frage, ob man sich der Schul- oder der Alternativmedizin zugehörig fühlt, eine Art Glaubenskrieg ist – noch militanter als die Frage, ob evangelisch oder katholisch, Schalke- oder Bayern-Fan (lacht). Ich mag die Unterscheidung in Alternativ- und Schulmedizin nicht. Sowenig wie es eine „Alternativmathematik“ gibt, kann sich keiner hinstellen und behaupten, 2 und 2 sind 5, weil er das so empfindet. Es gibt wirksame und unwirksame Medizin sowie gute Wege, das eine vom anderen zu unterscheiden. Für diese Entscheidung hat mein Buch den Lesern die richtigen Fragen an die Hand gegeben und sicher seinen Beitrag in einer Völkerverständigung des Gesundheitswesens geleistet.

In dem Buch werfen Sie „der akademischen Medizin der letzten 100 Jahre“ vor, dass sie unerklärliche Phänomene nicht näher untersucht und für die Gesundheit nicht genutzt hat. Hat Ihnen das Kritik seitens der Schulmedizin eingebracht? War da Schluss mit lustig?

Natürlich gab es Kritik, aber ich sehe es als Privileg in meiner Rolle des Hofnarren, solche Themen anzustoßen. Ich bin ein gefragter Ideen- und Impulsgeber und werde auch dieses Jahr wieder bei Ärztekongressen, Fachtagungen und Diskussionen mit Gesundheitsministern sprechen. Ich bin nicht das schwarze Schaf der Medizin, sondern der bunte Hund!

Die Fragen stellte Mario Assmann.

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