Organisatorin Sabine Gehm über das Festival „Tanz Bremen“ / Start am 6. Februar

„Die eigene Kunstform stets hinterfragen“

Das Festival „Tanz Bremen“ präsentiert vom 6. bis zum 13.
30.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Die eigene Kunstform stets hinterfragen“
Von Iris Hetscher

Das Festival „Tanz Bremen“ präsentiert vom 6. bis zum 13. Februar international gefeierte Choreografen aber auch Newcomer der Szene, die in den vergangenen Monaten mit ihren Stücken in ganz Europa für Furore gesorgt haben. Das Motto von „Tanz Bremen“ lautet dieses Jahr „Teilhaben/Teilnehmen“. Iris Hetscher hat mit der Organisatorin und künstlerischen Leiterin Sabine Gehm über das Festival gesprochen.

Frau Gehm, „Teilhaben/Teilnehmen“ ist das Motto des diesjährigen Festivals. Das klingt sehr allgemein. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Sabine Gehm: Wir sehen ja vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Debatten, dass die Frage, wer zu einer Gesellschaft dazugehört und wer nicht, offenbar für viele von erheblicher Bedeutung ist. Es dreht sich dabei eigentlich immer um die Frage: Was macht die Identität einer Gesellschaft aus? Und vor allem: Wer legt sie fest? Der Tanz entzieht sich solchen Festlegungen, und davon können wir lernen. Da geht es um Offenheit, Toleranz, Neugier. Für mich war interessant, mal zu schauen, wie der Tanz mit der Frage der Zugehörigkeit, der Teilhabe und Teilnahme umgeht.

Zu welchen Antworten sind Sie gelangt?

Die Antworten geben die Choreografen auf unterschiedlichste Weise, aber allen gemeinsam ist sicher die grundlegende Überzeugung, dass Teilhabe und Teilnahme eigentlich der Ausgangspunkt von Tanz waren, bevor er zur Bühnenkunst wurde. Viele der Choreografen wenden sich dieser Tradition wieder zu.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Dem Flamenco ist das Improvisieren ja eigen, und Israel Galván tritt bei seinem Stück „Fla.co.men“ eng in den Dialog mit den Musikern. So entsteht ein großes Bühnenfest. Das ist ein gleichberechtigtes Arbeiten, Improvisieren und Zerlegen von klassischem Flamenco-Material, mit dem auch ironisch umgegangen wird. Christian Ubl ist ein weiteres Beispiel: Er beschäftigt sich mit der europäischen Identität und hinterfragt Tradition und Zugehörigkeit.

Darum geht es auch am Eröffnungsabend bei Marcos Morau, der sich Gedanken über den Maler Edvard Munch gemacht hat.

In „Edvard“ geht es um die von Krankheit und Verlust geprägte Biografie von Edvard Munch und darum, wie sich diese Erfahrungen auf seine Kunst ausgewirkt haben. Marcos Morau verwendet skurriles Bewegungsmaterial und schafft eine surreale Bildwelt, die eine unglaubliche Sogwirkung entfaltet und den Zuschauer förmlich in die Gedankenwelt Munchs hineinzieht.

Tanzcompagnien sind ähnlich wie Orchester oft sehr international besetzt, also geprägt von unterschiedlichen Identitäten.

Ja, es findet automatisch ein Dialog der Kulturen statt, denn es treffen Menschen unterschiedlicher Herkunft mit unterschiedlichen Bewegungskulturen und –formen aufeinander. Andererseits präsentieren wir mit der Gruppe tanzbar ein Projekt, in dem professionelle Tänzer mit Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten und gemeinsam eine neue Körpersprache suchen.

Das klingt wie ein Gegenentwurf zu dem teilweise sehr intellektuellen und introvertierten Ansatz einiger Choreografen in den vergangenen Jahren. Also: Es wird wieder mehr getanzt im zeitgenössischen Tanz.

Als Festival möchten wir natürlich die unterschiedlichen Ansätze zeigen, die es gibt. Aber ich denke auch, dass Bewegung wieder wichtiger wird und die Choreografen daher gerade auch bei populären Tanzstilen wie HipHop und Volkstanz oder bei Techniken wie Akrobatik nach Inspirationen suchen. Auch scheint es eine größere Durchlässigkeit zwischen zeitgenössischem und klassischem Tanz zu geben. Den Künstlern geht es fast immer darum, ihr Vokabular zu erweitern und die eigene Kunstform zu hinterfragen. Mich interessieren Produktionen, die über die Kunst hinaus weisen. Eine Möglichkeit ist es vielleicht, sich auf die Ursprünge des Tanzes zu besinnen, wie es Christian Ubl tut, der Zitate aus dem Volkstanz benutzt oder aus der Tanzgeschichte.

In der Popmusik nennt man das Sampeln.

Ich würde beim Tanz eher sagen, es wird zitiert, kompiliert und fusioniert. Das ist mehr als Sampeln; die kreative Bearbeitung spielt eine größere Rolle. Hinzu kommt Folgendes: Zitiert jemand etwas aus der Tanzgeschichte, dann setzt er das ja mit seinem heutigen Körper um. Der Körper der Tänzer verändert sich jedoch, auch, weil heute anders trainiert wird und andere Körperideale vorherrschen als beispielsweise in den 1920er-Jahren.

Ab wann stößt man an Grenzen, wann wird diese Methode beliebig?

Es sind ja stets neue Ansätze, die sich ergeben, die können theatral sein oder Einflüsse aus der bildenden Kunst in sich bergen, auch aus dem Sport oder aus der Akrobatik wird einiges übernommen. Abou Lagraa hat seine Compagnie beispielsweise aus Akrobaten, Straßentänzern und Menschen, die noch gar keine professionelle Erfahrung mit Tanz hatten, zusammengestellt.

Bei „Tanz Bremen“ soll das Publikum einbezogen werden. Warum eigentlich?

Es gibt ein zunehmendes Interesse vonseiten der Künstler, gemeinsam mit dem Publikum etwas auf die Beine zu stellen. Da gibt es beispielsweise den „Folksbal“ im Anschluss an die Vorstellung von Christian Ubl, bei dem man gemeinsam Choreografien lernen und tanzen kann. Dabei bekommt man auch mit, wie aufwendig es sein kann, schon eine kurze Sequenz zu lernen, gleichzeitig macht das natürlich auch total viel Spaß. Man sieht Tanz übrigens auch anders, wenn man selber versucht, eine Schrittfolge nachzuvollziehen.

„Tanz Bremen“, 6. bis 13. Februar. Infos unter www.tanz-bremen.de; Tickets im Pressehaus an der Martinistraße, in den regionalen Pressehäusern und unter www.weser-kurier.de

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