Delmenhorst

Die Einsamkeit des Schriftstellers in der kleinen Stadt

Matthias Politycki kennt die Welt. Reisen ist für den Schriftsteller Teil des Berufes.
04.06.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Matthias Politycki kennt die Welt. Reisen ist für den Schriftsteller Teil des Berufes. „In 180 Tagen um die Welt“ heißt sein Bericht von einem großen Kreuzfahrtschiff, mit dem er in schier überbordendem Luxus den Erdball bereiste. Er gibt Workshops in den USA, reist kurz vor der Landgang-Lesereise nach Saint Malo in Frankreich, war Writer-in-residence in Osaka. Aber das Oldenburger Land, das war für ihn, den Weit- und Nah- und Vielgereisten, Neuland, terra incognita, wie er sagt. Dabei lebt er in Hamburg, rauf auf die Autobahn 1 und eine gute Stunde später könnte er da sein. Doch außer Oldenburg in Oldenburg, wie es in den Bundesbahn-Bordansagen heißt, kannte er nichts von diesem Landstrich. Das änderte sich im Herbst 2015.

Eine Woche hatte Politycki Zeit, jeden Tag ein anderes Ziel, per Mietwagen düste er von Cloppenburg nach Lohne, von Nordenham nach Delmenhorst, von Westerstede nach Horumersiel. Die Idee des „Literarischen Landgangs“ ist es, das Oldenburger Land zur Literaturregion zu machen. „Wir wollen nicht nur Literatur ins Oldenburger Land holen, es soll auch in der Literatur eine Rolle spielen“, erklärte Monika Eden, Chefin des Literaturbüros Oldenburg, die die Idee für dieses Projekt hatte: Schriftsteller von Rang sollen Texte von Rang verfassen, dafür gibt es vom Literaturbüro und von den Öffentlichen Versicherungen ein Stipendium. Monika Eden dachte gleich an Matthias Politycki für diese Reise. Er hat ja schon zahlreiche Reiseberichte geschrieben. Und sie war sich sicher, dass er bis zur Lesereise im Frühsommer 2016 einen Text vorlegen würde. Am Donnerstag las er vor knapp 30 Zuhörern im Haus Coburg Auszüge seines Reise-Essays „Wo ist überhaupt noch Provinz? Das Oldenburger Land, von Osaka aus betrachtet“.

Matthias Politycki überlegte nur einen Abend, nachdem er angefragt wurde. Es reizte ihn, dieses ihm unbekannte Land direkt vor seiner Haustür kennenzulernen. Und sein Ehrgeiz wurde nur angespornt, als seine Kumpel fragten, was er denn da will, in der Provinz. „Es ist leicht, Indien zu bereisen, weil einem die Unterschiede sofort auffallen, die einen produktiv machen“, sagte Politycki. Aber die Feinheiten in einer Umgebung zu entdecken, die dem Zuhause im Grunde so ähnlich ist, das sei Reisen für Fortgeschrittene. So trug er die Arbeitshypothese mit sich herum, dass es ihm um Provinzialität gehen würde, wenn er in Osaka, das er so gut kennt, den Text schreiben würde.

Denn obwohl Osaka, von Hamburg aus betrachtet, am andern Ende der Welt liegt, wußte ich darüber weit mehr als übers Oldenburger Land. Osaka liegt im Zentrum der Kansai-Region, die neben weiteren Millionenstädten auch Kobe und Kyoto umfaßt. Flächenmäßig ist diese zweitgrößte Metropolregion Japans mit dem Oldenburger Land durchaus vergleichbar: Nach ungefähr zwei Stunden Autofahrt ist man, da wie dort, einmal von Süd nach Nord durch. Allerdings ist die Kansai-Region, abgesehen von den Gebirgszügen, lückenlos mit einem Betonteppich bedeckt. Hier leben, je nach Quelle, an die 24 Millionen Menschen – welch ein Kontrast zum Oldenburger Land, das hauptsächlich aus Landschaft besteht. Ein Vergleich beider Regionen legt unweigerlich plakative Thesen nahe, die alle aus dem Gegensatz von Provinz und Megacity gespeist werden und zu entsprechend plakativen Wertungen führen. Blickt man genauer hin, wird es komplizierter.

Politycki fand meist genau dort, wo er es nicht erwartet hätte, international bedeutende Hotspots, in einer geradezu musealen Idylle zwischen Weiden und Feldern, Wäldern und Auen. Während die Japaner in der Metropolregion zwangsläufig kaum Landwirtschaft betreiben, und wenn, meist mühsam per Hand, geradezu vorindustriell beschwerlich, begegnete er im Oldenburger Münsterland einer Hochleistungslandwirtschaft, die nach den Kriterien einer Industrie funktioniert und weltweit führend ist. Und dann wieder kommt er in Städte, die mit der hektischen Megametropolen-Betriebsamkeit in Osaka so gar nicht vergleichbar sind in ihrer Beschau- und Betulichkeit. Oldenburg ist in seinen Augen eine „putzige Provinzstadt“, „Stein gewordene Zufriedenheit“. Während in Japan selbst die kleinste, unbedeutende Sehenswürdigkeit marktschreierisch beworben wird, übt sich das Oldenburger Land in Zurückhaltung.

Schon auf dem Weg nach Lohne, am zweiten Tag meiner Reise, war mir viel Zeit mit Suchen draufgegangen: Ich hatte von einem Schafstall nahe Wildeshausen gehört, in dem Napoleon auf einer seiner Feldzüge übernachtet haben soll. Der Garmin Routenfinder half hier nicht weiter, und mehr als ein einziges Hinweisschild in sicherer Entfernung zum Objekt schien man nicht aufstellen zu wollen. Mehrmals fuhr und ging ich an besagtem Schafstall knapp vorbei. Erst als ich aufgegeben hatte, entdeckte ich ihn zufällig: Direkt daneben hatte der Heimatverein wieder ein Schild gestellt.

Wie das Land, so die Menschen. So erlebte es Politycki, der, in München aufgewachsen, seit über 20 Jahren in Hamburg lebend, das kulturelle wie gesellschaftliche Nord-Süd-Gefälle selbst genau kennt. Vielleicht ist es keine prinzipielle Verschlossenheit der Nordmenschen, mehr eine Schwerzugänglichkeit, aber gerade am anderen Ende der Welt, in Osaka, im Gewühl der Großstadt, wurde ihm der Unterschied so bewusst. Obwohl ihn die Japaner nie berühren, immer ausweichen, nie ansehen, aber sehr wohl wahrnehmen.

Im Oldenburger Land blickt mich jeder, dem ich begegne, direkt an, aber er nimmt mich dabei nicht wahr. Hier muß man nicht tagtäglich um seinen Platz im öffentlichen Raum kämpfen; solange man keinen konkret stört, ist man in gewisser Weise gar nicht da. Wie lässig wir in Deutschland, jeder für sich, so vor uns hinleben, wer weiß, ob ein Japaner das überhaupt genießen könnte. Unser Individualismus ist eine Kulturleistung, die der japanischen entgegensetzt ist und mit ganz anderen, ebenso reichhaltigen Geschenken im Alltag einhergeht: Jeder läßt jeden einfach machen und geht seiner Wege. So bin ich, abgesehen von einem wunderbaren Lauf mit dem Oldenburger Team Laufrausch, bei dem ich sogar mit ein paar „Loslaufgedichten“ beschenkt werde, acht Tage lang vor allem einsam: beim Wandern, beim Befahren verbotener Wege, beim Falschparken, aber auch im Museum und in der Kneipe, am allereinsamsten in Delmenhorst, und das, obwohl an diesem Abend Deutschland gegen Irland spielt. In Osaka kann man gar nicht erst Falschparken, selbst auf dem Privatparkplatz des Supermarkts klappen sogleich Wegfahrsperren hoch, und am Tresen einer Kneipe sitzen und einsam bleiben kann man erst recht nicht.

1:1 endete die Partie, Politycki erinnerte sich noch. Und er wusste noch, dass er lange durch die Innenstadt lief, bis er endlich eine Kneipe gefunden hatte, die das Spiel zeigte. Was ihn irritierte: Der Fernseher lief zwar, aber der Ton war ausgeschaltet. Was ihn noch mehr irrtierte: Die Fußball-Fans, ein HSV-Block, ein paar Werderaner, diskutierten uanblässig über ihre beiden Vereine und schienen sich um die Nationalmannschaft nicht weiter zu scheren.

Diese kleine Beobachtung, das Wörtchen „allereinsamsten“ war es, das die Zuhörer im Haus Coburg am meisten berührte, wie die Diskussion im Anschluss an die Lesung zeigte. Es ging, erstaunlich emotional, erstaunlich stereotypbehaftet, um das Wesen der Norddeutschen und das der Süddeutschen, es ging um Verschlossenheit und Direktheit, um die Frage, was da eventuell großstädtisches und was provinzielles Verhalten ist. Aber eins, da waren sich die Delmenhorster einig, stimme nicht. Wenn man auf der Straße frage, bekomme man auch Antworten. Wenn man in der Kneipe Kontakt suche, dann finde man ihn auch.

Aber er bot auch Versöhnliches. Er schwärmte „von diesem wunderbaren Park“, in dem er am nächsten Tag sein Marathon-Training absolvierte. Er lobte das Haus Coburg, das er besuchte, ohne Voranmeldung, damit niemand seinen Blick auf etwas lenken kann, als Hotspot zeitgenössischer Kunst. Er rieb sich inhaltlich an den Werken Thomas Rentmeisters, den Nutella- und den Vaseline-Gebirgen auf der Stahl-Hospital/Hostel-Betten-Konstruktion. Alles so gar nicht provinziell, aber doch: einsam.

Aber auch meine Liebe zum Oldenburger Land habe ich jetzt entdeckt, selbst wenn es in mancherlei Hinsicht irritierend unprovinziell ist und beim Geschäft der Globalisierung auf unauffällige Weise kräftig mitmischt. „Die Ferne ist näher als du glaubst“ habe ich an einer Hauswand in Delmenhorst gelesen. Jetzt denke ich übers Oldenburger Land: Die Nähe ist ferner als du glaubst. Provinz, wie man sie noch bis zur Jahrtausendwende kannte, gibt es anscheinend in Reinform gar nicht mehr. Sie ist nur auf andere Weise globalisiert als die Metropolen, und man muß doppelt so genau hinblicken wie dort, um es zu erkennen. Nein, erschrickt man dann begeistert, auch so sieht Globalisierung aus! Eigentlich beruhigend. Als Bürger des 21. Jahrhunderts wechseln wir ständig zwischen diesen beiden Extremen, wo auch immer wir sind oder wohnen, und das nicht selten mehrmals täglich. Selbst im Oldenburger Land, wir können gar nicht mehr anders, sind wir Weltbürger.

Veröffentlicht wird Polityckis Text, eine wunderbare Basis für die folgenden Landgang-Stipendien, weil er so grundsätzlich auf die Region blicke, wie Monika Eden findet, vorerst noch nicht. Die Reihe wird fortgesetzt. Wenn zwei oder drei Texte vorliegen, soll es eine erste Landgang-Kompilation in Zusammenarbeit mit einem renommierten Liteartur-Verlag geben.

Die halbfett gedruckten Passagen sind aus dem Manuskript „Wo ist überhaupt noch Provinz? Das Oldenburger Land, von Osaka aus betrachtet“, das dem Delmenhorster Kurier vom Literaturbüro Oldenburg zur Verfügung gestellt wurde.

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