Sascha Bisley erzählt in „Szene Deutschland“ die Geschichten ehemaliger Straftäter

Die etwas andere Doku

Er ist anders als seine Kollegen. ZDF-Moderator Sascha Bisley begibt sich in „Szene Deutschland“ auf die Suche nach Tätern, und war selber mal einer.
27.05.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Mona Adams

Er ist anders als seine Kollegen. ZDF-Moderator Sascha Bisley begibt sich in „Szene Deutschland“ auf die Suche nach Tätern, und war selber mal einer. Die neue Folge der ZDF­-
info-Doku-Reihe führt ihn auch nach Hamburg.

Zwei Männer laufen begleitet von Kameras die Osterstraße in Eimsbüttel entlang. Sie plaudern, unterhalten sich angeregt. Doch es geht nicht um Smalltalk, das Wetter. Sie sprechen über Verantwortung, Schuld und Sühne. Beide haben wirklich schlimme Dinge getan, beide sind Gewalttäter, beide haben einen Menschen auf dem Gewissen, beide haben aber auch die Verantwortung für ihre Taten übernommen, bereuen zutiefst.

In der ZDF-info-Doku „Szene Deutschland“ zeigt Sascha Bisley Außenseiter am Rande der Gesellschaft. Das macht er nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. „Ich bin nicht der Standard-Moderator des ZDF.“ Sascha Bisley hat eine Doppelrolle, er ist Moderator, war aber auch, genau wie seine Protagonisten, drogenabhängig oder Gewalttäter, bewegte sich im dauernden Konflikt mit dem Gesetz, am Rande der Gesellschaft „Mit 18 konnte ich meinem Absturz zugucken. Ich hab frühmorgens schon mit hartem Schnaps angefangen, jede Menge Drogen genommen.“ Gewalt war eine Art Alltagsbeschäftigung. Dann passiert es. Im Vollrausch verprügelt er einen Obdachlosen, der später an den Folgen stirbt. „Für mich war klar, ich muss mein Leben ändern. Dazu kam die extrem erdrückende Schuld aufgrund der Tat. Ich war 19, als ich in den Knast kam. Anschließend kannte mich jeder. Ich war für alle nur der Penner-
Mörder.“

Er schrieb sein Leben auf, veröffentlicht das Buch „Zurück aus der Hölle: Vom Gewalttäter zum Sozialarbeiter“. „Ich habe im Knast angefangen, Tagebuch zu schreiben, das war für mich eine Art therapeutisches Schreiben. Für mich war es befreiend, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, zu meiner Tat zu stehen.“

Durch seine Erfahrungen kann Sascha Bisley aus einem anderen Blickwinkel berichten. „Wir versuchen in unseren Beiträgen mit den Leuten zu sprechen und zu zeigen, dass es Geschichten hinter den Menschen gibt.“ Mit den ersten Folgen über Hooligans und Junkies heimste das Team eine Grimme-Preis-Nominierung ein. „Es gibt so viele Formate, in denen über die Menschen erzählt wird, das Klischeebild noch unterfüttert wird. Wir wollen mit der klassischen Berichterstattung brechen“, erklärt er.

„Szene Deutschland“ ist ehrlich und schonungslos. Bei einem Spaziergang vor der Kamera spricht Sascha Bisley ganz offen mit dem Hamburger Raubmörder Dieter Gurkasch. Bei einem Ladenüberfall im April 1985 dreht der heute 56-Jährige durch, Gurkasch schlägt zwei Mal mit einer Pistole auf den Kopf einer Verkäuferin. Später springt er mit beiden Füßen auf ihren Kopf. „In dem Moment war mir klar, ich hab jetzt gerade das Leben von jemand anderem beendet, das ist einfach nur eine grauenhafte Erinnerung“. Nach weiteren Taten und einer Haftstrafe von insgesamt 25 Jahren ist Dieter Gurkasch seit fünfeinhalb Jahren wieder auf freiem Fuß und straffrei. „So wichtig Erklärungsversuche auch sind, ist es enorm wichtig sich seiner eigenen Verantwortung für seine Straftaten bewusst zu werden, weil du ansonsten immer nach Entschuldigungen suchst, und anderen Leuten die Schuld gibst“, so der Hamburger.

Ähnlich geht es auch Sascha Bisley. „Wenn ich jetzt die Schuld in der Kindheit suchen würde, hat das etwas mit Schuldabweisung zu tun. Ich war einfach ein Vollidiot und habe an vielen Stellen die falsche Entscheidung getroffen“, so der ZDF-Moderator. Dabei könnte er die Ursachen durchaus in seiner Kindheit suchen. Kurz vor seiner Geburt sterben zwei seiner Geschwister auf tragische Weise. „Das war zu viel für meine Eltern. Ich glaube, sie waren einfach überfordert, das heißt aber nicht, dass ich vernachlässigt wurde.“

Im Jahr 2016 gab es in Deutschland insgesamt 2066 Opfer von Totschlag und Tötung auf Verlangen. 68 Fälle fanden in Hamburg statt. Ein Fünftel der Täter ist unter 21 Jahren, so wie auch Sascha Bisley. Für ihn ging es gut aus. Er ist seit 24 Jahren in Freiheit, und straffrei.

Sascha Bisley und Dieter Gurkasch haben den Weg zurück ins Leben geschafft, und mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Gurkasch arbeitet heute als Yogalehrer, organisiert unter anderem auch Motivationsworkshops für inhaftierte Menschen. Beide beschäftigen sich jeden Tag aufs Neue mit ihrer Schuld, denn beide wollen und können das Thema nicht ruhen lassen.

Szene Deutschland ‒ Unter Tätern, ZDF info, Diesen Sonnabend, 27. Mai, um 20.15 Uhr.
„Ich war für alle nur der Penner-Mörder.“ Sascha Bisley
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