Regisseur Besuden berichtet in der Begegnungsstätte Sparer Dank von der Entstehung seiner Dokumentation Die Geschichte des Boxers Trollmann

Der Bremer Regisseur Eike Besuden stellte in der Begegnungsstätte „Sparer Dank“ in der Biermannstraße seinen Film „Gibsy – die Geschichte des Boxers Johann ,Rukeli’ Trollmann“ vor. Ein Film über Zivilcourage, verriet er den gut 50 Besuchern. Die Nachbarschaftsinitiative der Rita-Bardenheuer-Straße hatte Besuden eingeladen, über die Entstehung der Dokumentation zu berichten. Sie beschäftigt sich mit dem Leben des Sinto, dem die Nationalsozialisten den Meistertitel im Halbschwergewicht aberkannt hatten.
23.01.2014, 00:00
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Von Edwin Platt

Der Bremer Regisseur Eike Besuden stellte in der Begegnungsstätte „Sparer Dank“ in der Biermannstraße seinen Film „Gibsy – die Geschichte des Boxers Johann ,Rukeli’ Trollmann“ vor. Ein Film über Zivilcourage, verriet er den gut 50 Besuchern. Die Nachbarschaftsinitiative der Rita-Bardenheuer-Straße hatte Besuden eingeladen, über die Entstehung der Dokumentation zu berichten. Sie beschäftigt sich mit dem Leben des Sinto, dem die Nationalsozialisten den Meistertitel im Halbschwergewicht aberkannt hatten.

„Hat Ihr Film mit der aktuellen Situation in Rumänien zu tun“, drängt eine Zuschauerin den Bremer Regisseur Eike Besuden, der in der Begegnungsstätte „Sparer Dank“ über seinen Film „Gibsy – die Geschichte des Boxers Johann ,Rukeli’ Trollmann“ berichtet. „Nein“, antwortet er, „ich wollte die Geschichte schon vor zehn Jahren machen. Leider habe ich damals niemanden für die Finanzierung gefunden, auch eine Kinoversion scheiterte. Bei einem späteren Versuch fand ich beim NDR Hannover offene Ohren“.

Gibsy, der Sinto aus Hannover, hieß eigentlich Johann Rukeli Trollmann. Johann für das Standesamt, Rukeli für die Familie und Freunde in Hannover, die in sehr einfachen Verhältnissen lebten – in einer Straße, wo es nur Sinti und Roma gab, weil niemand sonst in den alten Häusern mit feuchten Wänden wohnen mochte. Rukelis Vater nahm bei seiner Eheschließung drei Töchter als seine eigenen an. Rukeli kam in der Nähe von Hannover bei einer Familienreise mit dem Pferdewagen zur Welt.

„Was hat Max Schmeling zu Trollmanns Geschichte gesagt?“, möchte ein Zuhörer wissen. „Das ist mir nicht bekannt. Aber der deutsche Boxverband hat Trollmann erst 2003 oder 2004 als Meister anerkannt“, antwortet Besuden. Max Schmeling, die andere deutsche Boxgröße vor 1933, habe Trollman seine Beziehungen nach Amerika angeboten, doch der wollte in Deutschland, seiner Heimat, bleiben.

„Haben Sie das alles recherchiert?“, lautet eine weitere Frage. „Nein, das ginge nicht. Die Sinti leben heute noch viel mehr in der Familie als wir. Die Familie Trollmann hat mir geholfen“, antwortet Besuden. „Gibsy“ ist eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Verwandte und Überlebende der NS-Zeit kommen zu Wort, sie berichten über den Boxer, der Box-Clubs besuchte und sich einen besondern Boxstil aneignete.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere wurde Trollman, dessen großes Vorbild Max Schmeling war, von der Presse und den Boxfans bejubelt. Er geht von Hannover nach Berlin, ist zweifacher Norddeutscher Meister. Trollmann heiratet, kurz darauf wird seine Tochter Rita geboren. Die Machtergreifung der Nazis erlebt Trollmann in Berlin hautnah mit. Von seiner Mutter lässt sich Trollmann eine gelbe Boxerhose nähen, auf der Gibsy steht. Im November 1933 steht der Boxkampf um die Deutsche Meisterschaft an. Hans Albers und Berthold Brecht sitzen im Publikum.

Die Nationalsozialisten stellen dem Boxen, das seit 1920 immer populärer geworden ist, den deutschen Faustkampf entgegen. Ausweichen ist dabei verpönt. Der Deutsche weicht nicht zurück, er steht fest, wie verwurzelt. Vor dem Meisterschaftskampf übernehmen die Nazis den Boxsportverband und beeinflussen die Ringrichter. Ein „Zigeuner“ darf nicht deutscher Meister werden. Die Ringrichter zögern nach dem Kampf, der bis zur letzten Runde geht. Das Publikum feiert Gibsy frenetisch, bis auch die Ringrichter für ihn entscheiden.

Nach wenigen Tagen wird Rukeli der Titel aberkannt. Er weißt sich die Haut und verkündet: „Ich boxe als Deutscher!“ Beim nächsten Kampf bleibt Trollmann einfach stehen, weicht den Schlägen seines Gegners nicht aus. Als er am Boden liegt, zieht die Presse über den „Zigeuner“ her.

Leben in Nazilagern

Weil Sinti und Roma in Berlin nicht mehr erwünscht sind, geht Trollmann zurück nach Hannover. Doch auch dort ist es nicht sicher. Familie Trollmann muss in ein Lager ins Moor. Um Frau und Kinder zu schützen, lässt Rukeli sich scheiden und zieht für die Deutschen in den Krieg, bis Sinti und Roma keine deutsche Uniform mehr tragen dürfen. Trollmann lebt fortan in Nazilagern wie Neuengamme bei Hamburg und muss NS-Mitglieder im Boxkampf trainieren. Es dauert nicht lange, bis der hungernde Gefangene täglich brutal zusammengeschlagen wird. 20 000 Sinti und Roma kommen in Auschwitz ums Leben.

Trollmann, der die Häftlingsnummer 9841 trägt, soll am 17. Dezember 1942 in Neuengamme ums Leben gekommen sein. Der Vermerk zur Todesursache lautet: Herz- und Kreislaufversagen, Krematorium. Familienangehörigen setzen seine Asche nahe Hannover bei. Andere Zeugen berichten dagegen, dass Trollmann in einem Lager bei Wittenberge gegen einen Aufseher geboxt haben soll, der ihn Tage darauf mit einer Schaufel erschlug.

„Wir haben durch die Recherche Trollmanns Tochter wiedergefunden“, freut sich Eike Besuden. Rita hat wieder den Namen Trollmann angenommen. Sie wohnt in Berlin und pflegt regen guten Kontakt zu ihrer Familie.

Am Staatstheater Hannover führen junge Sinti ein Stück über das Leben von Johann Rukeli Trollmann auf. „Leider zieht das Thema nicht viele Zuschauer an. Deswegen bin ich froh, dass Hannelore Elsner ,Gibsys’ Mutter spielt“, sagt Eike Besuden.

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