Kommunistische Spukgeschichten

Die Gespenster des Karl Marx

In den Werken von Karl Marx finden sich immer wieder Gespenster. Doch handelt es sich bei der häufigen Darstellung von Wiedergängern um einen Zufall oder steckt da eine Absicht hinter?
30.04.2018, 14:51
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Die Gespenster des Karl Marx
Von Hendrik Werner
Die Gespenster des Karl Marx

In den Werken von Karl Marx häufen sich die Darstellungen von Gespenstern. Die Illustration stammt aus dem Buch „Das Gespenst des Karl Marx“ von Donatien Mary und Ronan De Calan.

Diaphanes-Verlag

In den Werken von Karl Marx, dem Mastermind des Historischen Materialismus, finden sich erstaunlich viele Passagen, die einer dezidiert immateriellen Figur zugeeignet sind. Um es kalauernd zu formulieren: Marx begeisterte sich für Gespenster. So sehr, dass die auffällige Häufung von Wiedergängern in zentralen Passagen seines Werks kein Zufall zu sein scheint, sondern einem Kalkül entsprechen dürfte, das zu analysieren sich lohnt.

Die Spökenkiekerei betrifft berühmte Abschnitte seiner Schriften. Zumal die programmatische Grundlegung seiner Weltanschauung in dem 1848 mit Friedrich Engels verfassten „Manifest der Kommunistischen Partei“. Gleich der Auftakt des Textes inszeniert eine Geisterstunde: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Czar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten.“

Wenn Ideen spuken

Was hier spukt, ist nur und immerhin eine Idee, deren Horrorpotenzial freilich erheblich ist für die genannten restaurativen Kräfte. Der französische Poststrukturalist Jacques Derrida hat aus den historischen (wie auch aus den gegenwärtigen) Bedrohungsgefühlen, die der als Idee nach wie vor omnipräsente Kommunismus zeitigt, Anfang der 90er-Jahre ein spannendes Buch gemacht: „Marx‘ Gespenster“, erschienen im Verlag S. Fischer, dekonstruiert die Geschichtsphilosophie des großen Historikers des Kapitals anhand der von ihm inflationär thematisierten Geister.

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Derrida entwickelt daraus eine „Spektrologie“, eine theoretisch unterfütterte Geister-Typologie. Dabei bedient er sich nicht nur bei den, nun ja, geistreichen Shakespeare-Dramen, zumal bei „Hamlet“, sondern auch bei einem Zeitgenossen von Marx, dem Philosophen Max Stirner (1806-1856). Der beschrieb in seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ in kühnem Vorgriff auf Sigmund Freuds Psychoanalyse den Gespensterglauben als phantasmatisch grundierte Erinnerung an Unerledigtes, Unabgegoltenes, Uneingelöstes, mithin als optionale Zukunft.

Was aber wie das Gespenst, Protagonist der Heimsuchung, des Déjà-vu und anderer unheimlicher Szenarien der Fantastik, wieder und wieder spukt, weil es seine eigene Möglichkeit stets in sich trägt, lässt sich nicht exorzieren – und schürt daher die Furcht vor Wiederkehr. Dieses Potenzial hat sich das Gespenst des Kommunismus auch nach Demontage des sozialistischen Blocks 1989 ff. bewahrt.

Eine radikale Gedächtnispolitik

Da mögen im Zuge einer radikalen Gedächtnispolitik noch so viele Denkmäler geschleift, noch so viele Straßen umbenannt worden sein. In diesem Sinne schreibt Derrida 1993: „Mit einem Wort, die ganze Geschichte zumindest der europäischen Politik und zumindest seit Marx wäre die eines erbarmungslosen Kriegs zwischen solidarischen und gleichermaßen vom Gespenst terrorisierten Lagern, vom Gespenst des anderen und vom eigenen Gespenst als dem Gespenst des anderen.“

Einem Geisterkabinett ähnelt ein anderer Marx-Text, der Gespenster so plastisch fasst, dass er etliche literarische Texte inspirierte. Es handelt sich um „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ (1852), eine Schrift, in der Marx den Staatsstreich Louis Napoleons (1851) analysiert. Dem Text entstammt dieses geflügelte Marx-Wort: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.

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Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltges chichtsszene aufzuführen.“

Zombie-Theater

Der Theatermacher Heiner Müller (1929-1995) hat dieser Passage oft albtraumhafte Poesie abgelauscht. Sei es, dass er Rücken oder Hirn seiner Figuren das restaurative Gespenst eines Preußenkönigs aufbürdet oder einer Hamlet-Figur das Gespenst von dessen Vater auflastet. Sei es, wie im Stück „Der Auftrag“ (1980), dass er die Beschwörung von „Geistern der Vergangenheit“ ins Bild setzt, indem er den Rückgriff von Danton und Robespierre, Antagonisten der Französischen Revolution, als sinnleeres Zitieren der römischen Republik denunziert.

Auch Marx wertete solche Versuche als Zombie-Theater: „Die Totenerweckung in jenen Revolutionen diente also dazu, die neuen Kämpfe zu verherrlichen, nicht die alten zu parodieren, die gegebene Aufgabe in der Phantasie zu übertreiben, nicht vor ihrer Lösung in der Wirklichkeit zurückzuflüchten, den Geist der Revolution wiederzufinden, nicht ihr Gespenst wieder umgehen zu machen.“

Von besonderem Interesse für Heiner Müller, der um den real versagenden Sozialismus und dessen Opfer naturgemäß mehr wusste als Marx, ist eine Passage, für die sich Marx vom Matthäus-Evangelium inspirieren ließ: Darin wünscht sich ein designierter Jünger Jesu: „Herr, erlaube mir, dass ich zunächst hingehe und meinen Nachfolger begrabe.“ Jesus antwortet mit einer paradoxen Wendung: „Folge du mir und lass die Toten ihre Toten begraben.“

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Marx, darin einig mit Friedrich Nietzsches Geschichtsphilosophie, spricht sich für historisches Vergessen aus: „Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts“, heißt es im „Achtzehnten Brumaire“, „kann ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Vergangenheit abgestreift hat.“

Frühere Revolutionen hätten der Erinnerung bedurft, „um über ihren eigenen Inhalt zu betäuben“. Die Revolution des 19. Jahrhunderts müsse „die Toten ihre Toten begraben lassen, um bei ihrem eignen Inhalt anzukommen“. Marx selbst, so scheint es, hatte einen Heidenrespekt vor Gespenstern, wenn nicht sogar Furcht. Das legt sein Erinnerungsexorzismus nahe.

Weitere Informationen

Die Illustration ist dem Buch „Das Gespenst des Karl Marx“ von Donatien Mary und Ronan De Calan entnommen, erschienen im Diaphanes-Verlag Zürich, 2014. Aus dem Französischen von Heinz Jatho, gebunden, 64 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-03734-432-3. Zum Inhalt: Ich bin Karl Marx... was ich unter diesem Tuch mache? Oh, das ist eine lange Geschichte – es ist die Geschichte des Klassenkampfes, und die ist nicht nur lang, sondern auch traurig! Aber wir wollen mal sehen, ob wir ihr nicht ein glückliches Ende verpassen können. Denn wozu soll man das Ende einer Geschichte erfinden, wenn es kein gutes Ende ist?

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