Sechs Kurzporträts Die Retter vom Mittelmeer

Um Menschen vor dem Ertrinken aus dem Mittelmeer zu retten, gehen die Helfer auf der "Aquarius" regelmäßig an ihre Grenzen. Sechs Kurzporträts erzählen, was sie antreibt.
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Die Retter vom Mittelmeer
Von Kristin Hermann

Um Menschen vor dem Ertrinken aus dem Mittelmeer zu retten, gehen die Helfer auf der "Aquarius" regelmäßig an ihre Grenzen. Sechs Kurzporträts erzählen, was sie antreibt.


Klaus Platz ist vom Schlag der Macher. „Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man die Sachen einfach tun muss, wenn man Lust darauf hat“, sagt er. Mit 74 meldete sich der Bremer deshalb beim Paragliding an, und jetzt, mit 79 Jahren, will er sich mit eigenen Augen anschauen, was den Menschen im Mittelmeer passiert und wofür er da eigentlich Spenden sammelt. „Sonst hätte ich mir vorgeworfen, diese Erfahrung nicht gemacht zu haben“, sagt er. Zum Zeitpunkt seiner Mitfahrt auf der „Aquarius“ ist Platz Schatzmeister bei SOS Mediterranee und unterstützt den Part der Organisation, der von Bremen aus die Schiffslogistik steuert. Früher war er unter anderem Geschäftsführer und Vorstandsmitglied der Bremischen Hafenvertretung, und auch jetzt ist er noch in mehrere Bremer Projekte involviert. Rente? „Gibt es für mich nicht“, sagt er und lacht. Sein Umfeld und seine Frau hätten zunächst trotzdem mit Skepsis auf seine Idee reagiert, in seinem Alter an einer so gefährlichen Mission teilzunehmen, doch wenn Klaus Platz sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er das auch durch.

Doch vor der Reise gibt der 79-Jährige zu, dass er auch Angst vor dem hat, was er sehen wird. „Ich weiß nicht, was das mit mir machen wird. Man merkt es mir vielleicht nicht gleich an, aber ich bin ein sehr emotionaler Mensch“, sagt er. Das wird auch deutlich, als die Teams von SOS Mediterranee und Ärzte ohne Grenzen die dramatische Rettung am 14. November haben. Mit Tränen in den Augen gibt Platz einem nach dem anderen der Geretteten die Hand und reicht mit den anderen Helfern zusammen die Beutel, in denen sich frische Kleidung und Essen für die Flüchtlinge befindet. Der Bremer Unternehmer bereut es keine Sekunde, an dieser Mission teilgenommen zu haben. „Diese zwei Wochen an Bord und unmittelbar mit der ganzen Not und Verzweiflung konfrontiert, haben mich zutiefst erschüttert, aber auch bestärkt, weiterzumachen“, sagt er. Er ist nun als Botschafter für SOS Mediterranee unterwegs und versucht weiter, für die Wichtigkeit des Projekts zu werben – schließlich kostet ein Tag für das gesamte Schiff 11 000 Euro, die über Spenden eingenommen werden müssen. Klaus Platz will auch Bremen noch mehr ins Spiel bringen. Anfang Februar 2017 plant er einen Senatsempfang für viele der Helfer in der Oberen Rathaushalle. Auch Bremens Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) hat sich dafür angekündigt.

Wenn Christina Schmidt über die Rettungen spricht, an denen sie beteiligt war, dann kann sie dazu immer das genaue Datum sagen. Sie führt während ihrer Zeit auf der „Aquarius“ akribisch Tagebuch darüber. Die anderen nennen sie „queen of the ladder“ – „Königin der Leiter“. Die 53-Jährige ist diejenige, die die Flüchtlinge bei ihrem Weg vom Rettungsboot auf die „Aquarius“ unterstützt. Mittlerweile hat sie diesen Ablauf perfektioniert und kann dabei helfen, neue Teammitglieder einzuarbeiten – es ist bereits der fünfte Einsatz für Christina auf diesem Schiff. Migration ist das Thema ihres Lebens, sagt die gelernte Dramaturgin. Ihre Großeltern sind aus Osteuropa nach Deutschland ausgewandert, und ihr Vater, der aus einem Dorf in der heutigen Ukraine stammt, wurde sogar in einem Flüchtlingslager geboren. Christina selbst pendelt seit mehreren Jahren zwischen Berlin und Bologna, wo sie einen Großteil ihrer Zeit lebt und arbeitet. „Man muss nur begreifen, dass die ganze Menschheitsgeschichte schon immer eine Migrationsgeschichte war. Dann sieht man vieles mit anderen Augen“, sagt sie. Mittlerweile hat die 53-Jährige ihre Rolle auf dem Schiff gefunden. Sie ist der Ruhepol im Team und eine derjenigen, an die man sich wendet, wenn man das Bedürfnis hat, zu reden. Und diejenige, die für Programm an den langen Abenden auf dem Schiff sorgt, wenn es keine Rettungen gibt – in Form von Yoga.

Amani Teklehaimanot ist das beste Beispiel dafür, dass es sich lohnt, für ein besseres Leben zu kämpfen. Vor 15 Jahren ist er selber aus dem Sudan geflohen. Auf einem Holzboot, wie viele der Afrikaner jetzt auch. Doch die Schlepper sind grausamer geworden, sagt er. Früher hätten sie die Holzboote nie so überfüllt wie jetzt und den Leuten ausreichend Wasser und Benzin mitgegeben. Zumindest wäre es bei ihm so gewesen. In 36 Stunden hat er damit Italien erreicht. Amani spricht sechs Sprachen, hat lange in England gelebt. Jetzt wohnen er, seine Ehefrau und seine drei Söhne in Stockholm. Doch Amani will etwas zurückgeben. Er weiß, dass nicht alle so viel Glück haben und so viel Chancen bekommen, wie er. Deshalb arbeitet er jedes Jahr für einige Wochen für Ärzte ohne Grenzen. Er übernimmt dann die Rolle des „Cultural Mediators“. Er ist auf dem Boot, das zuerst an die Schlauchboote heranfährt, um sie in mehreren Sprachen darüber zu informieren, dass sie jetzt in Sicherheit sind und gerettet werden. Amani hat sich dafür eine ganz klare Körpersprache angeeignet. Mit deutlichen Gesten und Worten versucht er, Anweisungen zu geben, die jeder versteht.

Mathias Menge ist eigentlich Schiffsoffizier. Doch das reichte dem 49-Jährigen irgendwann nicht mehr. Er wollte seine Leidenschaft für die See mit einer humanitären Arbeit innerhalb der Flüchtlingskrise in Europa vereinen. „Denn das ist aktuell das größte Problem unserer Gesellschaft“, sagt er. Als Rettungsleiter trägt Mathias neben dem Kapitän die größte Verantwortung auf dem Schiff. Die Kommandos, die er gibt, können über Leben und Tod entscheiden. Dieses Drucks ist sich der Seemann bewusst. „Es ist kein Job, den man ewig machen kann“, sagt er. Doch im Moment sei es für ihn genau das Richtige. Doch der 49-Jährige weiß auch, wie wichtig es ist, sich immer wieder auch eine Ruhephase zwischen den Rettungen zu gönnen und sich bei Bedarf auch psychologische Hilfe zu holen. Für ihn selbst ist sein Ruhepol sein Haus auf Föhr, in dem er mit seiner Frau wohnt.

Immer, wenn man Ebenezer Takyi Mensah Tandoh sieht, dann lacht er einen an. Dann, wenn man gerade das Gefühl hat, nicht richtig zum Team zu gehören, oder man Gefahr läuft, dass das Erlebte einen überrollt. Dann gibt Ebenezer einem seine berühmte „Ghettofaust“ und klopft einem auf die Schulter. Oder er ruft rüber, dass man sich gefälligst mit an seinen Tisch setzen soll, obwohl die Schiffscrew eigentlich immer unter sich isst. Er ist Teil der Schiffs­crew, wozu auch der Kapitän oder die Ingenieure gehören. Nicht alle sind aus voller Überzeugung mit auf dieser Mission. Für einige ist es nur ein Job, den sie von ihrer Reederei vermittelt bekommen haben. Ebenezer und einige andere aus der Schiffscrew kommen aus Ghana. Sie stehen voll und ganz hinter dem Projekt und fühlen mit den Leuten, die versuchen, aus Afrika zu fliehen. Und sie können nachvollziehen, wie es ist, von seiner Familie getrennt zu sein, schließlich sind sie oft über Monate auf dem Schiff unterwegs und nur selten in ihrer Heimat Ghana.

Als Marie Rajablat und ich uns das erste Mal begegnen, sind wir nicht besonders begeistert voneinander. Beide haben wir gedacht, dass wir eine Einzelkabine bekommen, jetzt müssen wir uns den kleinen Raum teilen. Wir sind auch beide nicht besonders gut im Smalltalk, und so kommt es, dass wir in den ersten Tagen auch kaum ein Wort miteinander wechseln. Am Ende der Reise ist Marie eine meiner wichtigsten Bezugspersonen auf dem Schiff. Mama Afrika und Mama Italia rufen sie die Afrikaner, weil sie es mit ihrer Art schafft, wie eine Mutter für viele der Geretteten zu sein. Marie sitzt mit ihrer knallpinken Regenjacke immer mitten drin, hört den Geflohenen oft stundenlang zu. Wenn sie dann am Ende des Tages nach unten in die Kabine kommt, ruft sie laut „Wallah“, was auf Arabisch so viel wie „Beim lebendigen Gott“ bedeutet, und schüttelt den Kopf und ihre Hände dabei sehr energisch. Marie ist Psychiatrie-Krankenschwester und schreibt Bücher über ihre Patienten und deren Geschichten. Das will sie auch auf der „Aquarius“ machen. Sie hat jahrelang für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet, unter anderem auch in Palästina. Dort hat sie auch die vielen ausufernden Gesten übernommen, mit denen sie jetzt auf amüsante Weise sowohl die Crew als auch die Geretteten unterhält.

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