Die Sehnsucht bleibt

Der libanesische Autor Amin Maalouf hat mit „Samarkand“ einen Roman geschrieben, der den überbordenden Erzählstil aus „1001 Nacht“ mit politischer Analyse verknüpft: Er spinnt einen Faden vom elften Jahrhundert bis zum Untergang der „Titanic“ im Jahr 1911.Im vergangenen Jahr veröffentlichte Amin Maalouf mit „Die Verunsicherten“ einen Roman über den Verlust von Heimat und Identität. Das Buch, das der Autor beim Literaturfestival „Globale“ auch in Bremen vorstellte, spielt im heutigen Libanon: Der – wie Maalouf – im Pariser Exil lebende Schriftsteller Adam reist nach Beirut, um einen todkranken Freund zu besuchen.
26.07.2015, 00:00
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Die Sehnsucht bleibt
Von Iris Hetscher

Der libanesische Autor Amin Maalouf hat mit

„Samarkand“ einen Roman geschrieben, der den überbordenden Erzählstil aus „1001 Nacht“ mit politischer Analyse verknüpft: Er spinnt einen Faden vom

elften Jahrhundert bis zum Untergang der „Titanic“ im Jahr 1911.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Amin Maalouf mit „Die Verunsicherten“ einen Roman über den Verlust von Heimat und Identität. Das Buch, das der Autor beim Literaturfestival „Globale“ auch in Bremen vorstellte, spielt im heutigen Libanon: Der – wie Maalouf – im Pariser Exil lebende Schriftsteller Adam reist nach Beirut, um einen todkranken Freund zu besuchen. Es wird eine Reise in die Vergangenheit, zu Freunden, die ihre unterschiedlichen Träume irgendwann der Wirklichkeit anpassen und daher das Land verlassen mussten.

Nun hat der Suhrkamp-Verlag in seiner Insel-Taschenbuchreihe ein früheres Werk Maaloufs wieder aufgelegt, das auf den ersten Blick in eine ganz andere Welt entführt. In „Samarkand“ versetzt Maalouf den Leser ins zwölfte Jahrhundert, in eine Zeit, in der zwischen der indischen und der arabischen Halbinsel Provinzen wie Transoxanien, Chorasan und Fars auf der Karte verzeichnet waren. Heute liegt die Stadt Samarkand in Usbekistan und ist von keiner überregionalen Bedeutung mehr. Vor beinahe 1000 Jahren war das anders, damals entfaltete sie eine Strahlkraft als Heimstatt von Astronomie, Mathematik, Medizin, Philosophie – beispielhaft dafür stand Omar Khayyam, der zudem als Dichter hoch angesehen war. Die Lebensgeschichte Khayyams (1048-1131) und die Entstehung seines berühmten Buches mit vierzeiligen Versen (Rubaijat), die durchaus kühne antiklerikale, aufklärerische Ideen ventilierten, zeichnet Maalouf im ersten Teil seines Werkes nach. Er stürzt sich dabei mit Lust in die hohe Kunst des Fabulierens; Sprachduktus, Figurenzeichnung und Erzählweise erinnern an die Geschichten aus „1001 Nacht“ – kongenial übersetzt von Widulind Clerc-Erle. Maalouf lässt vor dem inneren Auge des Lesers ein farbenprächtiges Sittengemälde des damaligen Orients entstehen und zieht alle Register, die ein saftiger historischer Roman haben sollte. Es gibt Intrigen und Erbstreitigkeiten am Hof der Sultane und Schahs, tiefe Freund- wie Feindschaften und eine Liebesgeschichte mit einer selbstbewussten Dichterin namens Dschahane. Dem Aufstieg folgen Misstrauen und Vertreibung. Doch „Samarkand“ ist kein simpler Geschichtsschmöker – der rote Faden des Buches ist Maaloufs Grundthema, das auch die „Verunsicherten“dominiert: Das Aufeinanderprallen konträrer Ideologien und die Konsequenzen daraus: Bürgerkriege, Migration, das Unbehaustsein in mehreren Ländern und Kulturen, eine Sehnsucht nach Heimat, die nagt und die bleibt. Omar Khayyams bester Freund, ein zur Askese neigender Gelehrter, gründet den fürchterlichen Bund der Assassinen, eine Art Vorläufertruppe des heutigen IS, einen religiös verblendeten Killerbund, der Angst und Schrecken verbreitet, den eigenen Tod nicht fürchtet und jeden Ansatz von Reform mit dem Brandmal der Ungläubigkeit versieht. Eine auf Vernunft gegründete Gesellschaft erlebt Omar Khayyam nicht mehr, er stirbt in seinem Geburtsort Nischapur. Vergessen wird er allerdings nicht. Hier setzt der zweite Teil des Buches an, der aus der Sicht des Amerikaners Benjamin Lesage erzählt ist, der Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Suche nach den Khayyam-Schriften nach Persien reist und in die politischen Wirren der sogenannten konstitutionellen Revolution gerät, die die absolutistische Monarchie durch ein parlamentarisches System ablösen wollte – die Ideen Khayyams mithin zu Ende dachte. Die Revolution scheiterte, weil Russland und England ihren ökonomischen Einfluss wahren wollten. Dieser zweite Teil ist nicht so dicht erzählt wie der erste, weil Maalouf die historische Entwicklung zu atemlos abreißt und die Figuren eher blass bleiben. Das Ende versöhnt diejenigen, die dabeigeblieben sind, dann durch eine wunderbare Metapher: Khayyams Manuskript geht beim Untergang der „Titanic“ verloren. Die Toleranz erleidet einmal mehr Schiffbruch.

Amin Maalouf: Samarkand. A. d. Frz. v. Widulind Clerc-Erle. Insel, Berlin. 372 Seiten, 10

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