Gebäude mit Geschichte: Das Berufsbildungszentrum galt seinerzeit als wegweisendes Modell Die spröde Liebe zum „Bremer Glaspalast“

Nicht jedem erschließt sich die Schönheit des einstigen Berufsbildungszentrums auf den ersten Blick. Doch wer sich Zeit nimmt und die Architektur von Nahem besieht, entdeckt, wie ausgeklügelt und qualitätvoll die Bauten sind. Sie stammen aus Bremens Nachkriegszeit und galten seinerzeit als wegweisend.
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Die spröde Liebe zum „Bremer Glaspalast“
Von Silke Hellwig

Nicht jedem erschließt sich die Schönheit des einstigen Berufsbildungszentrums auf den ersten Blick. Doch wer sich Zeit nimmt und die Architektur von Nahem besieht, entdeckt, wie ausgeklügelt und qualitätvoll die Bauten sind. Sie stammen aus Bremens Nachkriegszeit und galten seinerzeit als wegweisend.

John Jay McCloy? Mit diesem Namen wusste man in Bremen einst besonders viel anzufangen, wenn man mit dem Berufsbildungszentrum an der Doventorscontrescarpe zu tun hatte, das wegen seiner großzügigen Fensterfronten in seiner Entstehungszeit auch „Bremer Glaspalast“ genannt wurde. Allein eines der vier Gebäude, Block A, soll 411 Fenster haben. McCloy war ein einflussreicher amerikanischer Lobbyist und Präsidentenberater, der sich um den Wiederaufbau im Nachkriegsdeutschland verdient gemacht hat. Von 1949 bis 1952 war er Hoher Kommissar und damit der höchste Vertreter der westlichen alliierten Siegermächte.

Der Bau des Berufsbildungszentrums (1954 bis 1956) wurde aus dem von McCloy initiierten und nach ihm benannten Fonds bezuschusst, der vor allem für die öffentlichen Gebäude Geld zur Verfügung stellte, die der Jugend zugute kamen. An einem Wettbewerb für den Berufsschulbau hatten sich 30 Städte beworben – Bremen gewann mit einem Beitrag des damaligen Hochbauamtsleiters, Oberbaurat Hans Krajewski.

Zwei Millionen Mark aus den USA flossen in das rund fünf Millionen Mark teure Berufsschulzentrum, das einst 15 000 Lehrlinge pro Jahr in Theorie und Praxis ausbildete. Einer dieser Jugendlichen war Reinhard Platter. Er lernte im Ausbesserungswerk der Bahn in Sebaldsbrück und besuchte das Berufsbildungszentrum von 1963 bis 1966. „Sechs Stunden pro Woche war ich hier“, erzählt er, „ich kam mit dem Moped angefahren“. In besonders guter Erinnerung hat Platter die rot verklinkerte Schülerbibliothek, die von Block A aus elegant zum Nachbarbau ragt. „Das war mein Kontakt mit der weiten Welt.“

Denkmalschutz seit 1973

Zu seiner Zeit machte das BBZ deutschlandweit als pädagogisches Innovationsprojekt und architektonisches Glanzstück von sich reden. Nicht von ungefähr steht es seit 1973 unter Denkmalschutz. In dieser Zeitung hieß es 1954 anlässlich der Einweihung der ersten beiden Blöcke: Das Berufsbildungszentrum sei „in seiner Art einmalig und in Deutschland ohne Vorbild“. Noch heute versprüht die Anlage den Charme der 50er-Jahre. Die Gebäude haben Vordächer, die typisch für ihre Entstehungszeit sind. Die strengen, nüchternen Blocks sind von enormen Fensterflächen beherrscht, am Ende der Blocks B bis D brechen runde, lichte Treppenhäuser die funktional-eckige Architektur. In den Aufgängen auf der anderen Seite und in den großen Gemeinschaftsräumen sind auffällige Kunstwerke erhalten, die seinerzeit als „Kunst am Bau“ obligatorischer Bestandteil öffentlicher Gebäude waren. Im Block A beeindruckt beispielsweise eine Deckenkonstruktion aus geometrischen Formen von Henry Garde jr. Im Block D ziehen sich Wandgemälde von Heinrich Schwarz die Etagen hoch, die Landwirtschaft und Handel illustrieren. Als wegweisend galt auch die Bauform, die man heute vermutlich nachhaltig nennen würde: Die Zwischenwände innerhalb des Eisenbetonskeletts konnten von Beginn an versetzt und neuen Anforderungen gerecht werden.

Im Hellen und Grünen sollten junge Menschen zu Friseuren, Schuhmachern, Schiffbauern, Schriftsetzern oder Schneidern qualifiziert werden, den Bauherren war dabei wichtig, Theorie und Praxis eng zu verzahnen. Überdies legte das 30-köpfige Gremium aus technischen, architektonischen und pädagogischen Fachleuten Wert darauf, dass eine „echte Gemeinschaftsbildung“ gefördert werde, heißt es in dem Buch „Flugdächer und Weserziegel – Architektur der 50er-Jahre in Bremen“.

Die zukunftsweisende Idee eines zentralen, generationenübergreifenden Berufsschulzentrums wurde in den 70er-Jahren aufgegeben. Heute residiert in den Blöcken eine ganze Reihe von Einrichtungen – unter anderem die Erwachsenenschule, die Hochschule für Verwaltung, das Integrations- und das Landesausgleichsamt sowie das Aus- und Fortbildungszentrum für den öffentlichen Dienst und die Verwaltungsschule Bremens, beides geleitet von Holger Wendel. Er habe Zweifel, ob die Eleganz der Architektur „im täglichen Gebrauch“ gewürdigt werde. Aber: „Eigentlich sind wir sehr stolz auf die Gebäude, auch wenn sich der Charme nicht jedem auf den ersten Blick erschließt.“ Bei der Eröffnung des umgebauten Bamberger Hauses habe er vom Dach auf die Blocks geschaut, „da hat sich die ganze Schönheit auf einen Blick erschlossen“.

Die Architektur des Zentrums hat ihn schon als Azubi beeindruckt, doch erst später befasste sich Platter mit der Geschichte. Er wurde Ingenieur für Elektrotechnik und Berufsschullehrer und kehrte an das BBZ zurück. Seine Fächer: Elektrotechnik und Politik. Gerade in diesem Gebäude, sagt Platter, habe man den Schülern hautnah den Wiederaufbau Bremens veranschaulichen können. Anschließend beschäftigte sich Platter aus der Ferne mit dem Komplex, erst als Fachleiter für Elektrotechnik im Landesinstitut für Schule, dann als Referatsleiter für berufliche Schulen im Bildungsressort.

Die Räume seien im Großen und Ganzen gut in Schuss, sagen Wendel und Platter, und „innen sehr modern“. In den vergangenen Jahren sei einiges getan worden, auch gezwungenermaßen, nachdem Asbest gefunden wurde. Von außen, so Platter, könnten die Blocks inzwischen etwas Farbe vertragen. Doch auch ohne wächst das einstige BBZ seinen Nutzern ans Herz – „es ist eine spröde Liebe“, sagt Holger Wendel, „aber eine Liebe ist da“.

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