Der Fotograf Martin Parr zeigt in Hannovers Sprengel-Museum die britischen Seiten Niedersachsens Die Unterhosen des Feldmarschalls

Hannover. Martin Parr, 62 Jahre alt und seit 1994 Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum, ist unter Kollegen und Ausstellungsmachern bekannt für seinen trockenen Humor. Im Sprengel-Museum weiß man das –„We love Britain!“ ist dort seine vierte Ausstellung seit 1989.
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Von Peter Groth

Martin Parr, 62 Jahre alt und seit 1994 Mitglied der renommierten Fotoagentur Magnum, ist unter Kollegen und Ausstellungsmachern bekannt für seinen trockenen Humor. Im Sprengel-Museum weiß man das – „We love Britain!“ ist dort seine vierte Ausstellung seit 1989. Erstmals hat Parr ein Thema umgesetzt, das ihm das Museum auftrug. Die seit 300 Jahren existente Verbindung Englands mit dem hannoverschen Kurfürstenhaus, die Gründung des Landes Niedersachsens durch eine britische Militärregierung nach 1945 und der fast vollendete Abzug britischer Truppen gaben Anlass, nach der „Britishness“ von „Lower Saxony“ suchen zu lassen.

Parr mit seinem Blick für Eigenheiten seiner Landsleute bot sich für diese Mission geradezu an. So zog der Fotograf 16 Monate lang von Bad Fallingbostel über Bergen-Hohne, Hannover und Hameln bis nach Paderborn knapp jenseits der Landesgrenze. Er fand dabei Motive, die verbreitete Vorurteile gegen skurrile Briten und deutsche England-Fans mal humorvoll, mal doppeldeutig bestätigen. Parrs Blick für das Besondere im Alltäglichen, sein Gespür für den richtigen Moment bei der Personenablichtung hebt ihn aus der Masse dokumentierender Fotokünstler heraus.

Die rund 70 Bilder aus dem britischen Niedersachsen zeigen, dass offizielle Empfänge für die Gäste nicht immer ein Quell der Freude sind – und dass die Vielfalt der Uniformen in der britischen Armee enorm ist. Niedersächsische Schützen und englische Militärs tragen gern Orden und Ehrenzeichen, Briten sammeln in Militärmuseen groteske Dinge wie riesige Unterhosen eines Feldmarschalls, Deutsche treiben in einem Lady Di-Fanclub in Hameln absonderlichen Personenkult. Parr versteht es auf seiner Suche nach „Britishness“, Menschen nicht ins Lächerliche zu ziehen. Er akzeptiert Eigenheiten und Exzentrik und verdichtet sie pointiert. Wer seine Queen verehrt, stellt sie auch als Pappfigur auf.

Kuratorin Inka Schube hat um diese erstmalig öffentlich präsentierte Serie weitere Motivreihen aus dem Schaffen des Briten seit 1975 gruppiert. Insgesamt zeigt das Sprengel-Museum fast 400 Fotografien. Dazu zählt die Schwarz-Weiß-Reihe „Bad Weather“, die Menschen in ernsten Situationen vorführt. Seine schottischen Impressionen beweisen, wie Einsamkeit einen menschlichen Lebensraum prägt – Beleg sind etwa rote Briefkästen, die Parr irgendwo im Nirgendwo fand. Britische Exzentrik führt er in Serien vor, die er im Küstenort New Brighton bei Freizeitvergnügungen englischer Mittelschicht-Angehöriger auf Flohmärkten oder Partys sah – man will fein sein und isst doch von Papptellern. Fremd wirkt für hiesige Betrachter, wie Senioren auf den Kanalinseln alljährlich die Befreiung von den Nazi-Besatzern feiern – mit Papphelmen im Union-Jack-Design. 2012 und 2013 dokumentierte Parr die Feierlichkeiten auf Jersey und Guernsey.

Den Komiker erleben Besucher in zwei Serien am Eingang der Schau: „Common Sense“ zeigt in 180 schreiend bunten Aufnahmen britisches Essen, Nippes, Tiere, Haushaltsutensilien und Modeartikel, die man auf der Insel wohl mag. In fast 40 Aufnahmen hat sich Parr selbst porträtiert. Und zwar in Fotostudios weltweit und dort in schaurigsten Dekorationen. Martin Parr im Haifischmaul, als Scheich, als Partner von Putin und Jesus oder vor dem Bild des Matterhorns mit Bernhardiner – kitschiger und schlimmer geht’s nimmer. Der Mann hat Humor, englischen Humor. Wunderbar.

Sprengel-Museum Hannover. Bis 22. Februar 2015. Dienstag 10-20 Uhr,Mittwoch bis Sonntag 10-18 Uhr. Katalog (Schirmer/Mosel).

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