Jan Josef Liefers über sein neues Album, seine Vernarrtheit in die Nacht und sein politisches Denken und Engagement „Diese magische Zeit gehört einem ganz allein“

Jan Josef Liefers (50) gehört zu den gefragtesten Schauspielern des Landes („Tatort“, „Der Turm“) – und brennt für die Musik. Sein Album „Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ hat er mit seiner Band live im Studio eingespielt.
05.09.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Olaf Neumann

Jan Josef Liefers (50) gehört zu den gefragtesten Schauspielern des Landes („Tatort“, „Der Turm“) – und brennt für die Musik. Sein Album „Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ hat er mit seiner Band live im Studio eingespielt. Es wartet auf mit Liebesliedern, psychedelischen Popsongs und geheimnisvollen Geschichten über die Nacht. Olaf Neumann hat mit Jan Josef Liefers gesprochen.

Herr Liefers, Anfang des Jahres sagten Sie, dass Sie sich nach dem Gefühl sehnten, sich einfach mal wieder zu langweilen. Haben Sie sich in diesem Jahr schon gelangweilt?

Jan Josef Liefers:

Nein, das ist nach wie vor eine unerfüllte Sehnsucht. Die Zeiten der Langeweile liegen lange zurück. Da entstanden aber auch immer die besten Ideen. Du lebst so in den Tag hinein und niemand will etwas von dir, obwohl du dir natürlich wünschst, dass alle von dir etwas wollen. Du träumst rum, beobachtest, hast Zeit zu lesen, hörst Musik, kannst dich in ein Gemälde vertiefen, was du zufällig entdeckst. Manchmal würde ich gern einen Schnitt machen und mich mal wieder langweilen, aber nur, um die Batterien aufzuladen.

Wie muss man sich Ihr Leben vorstellen: tagsüber Filme drehen, nachts Songs schreiben?

Unser Album heißt „Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“. Es ist das Radio im Kopf. Nachts nicht schlafen zu können, nervt und kann eine Quälerei sein. Ich wollte der Schlaflosigkeit mal was Gutes abgewinnen.

Viele Menschen haben Angst vor der Nacht? Sie auch?

Alle Sorgen, alle Probleme, aber auch die Glücksgefühle werden nachts zehnmal so groß. Diese magische Zeit gehört einem ganz allein. Den ganzen Tag gelingt es dir, dich mit Aufgaben zuzumüllen, um die Dinge, die dich vielleicht eher beschäftigen sollten, zu verdrängen. Nachts kommen sie aber wie ein Bumerang zurück.

Haben Sie das Album in der Nacht aufgenommen?

Viele Ideen sind nachts entstanden, besonders auch für Texte. Das Aufnehmen der Musik im Studio fand zwischen Mittag und Mitternacht statt. Ein bisschen wie damals bei den Beatles in den 1960er-Jahren: Die ganze Band stand in einem Studio in der Nähe von Kassel und spielte drei Viertel der Lieder live und ohne Overdubs ein.

Bei den Konzerten mit Ihrer Band Radio Doria gibt es auch Nachrichten und Verkehrsmeldungen. Gehen Sie an diesen Abenden auch auf tagesaktuelle Ereignisse ein?

Darum geht es dabei. Es ist aber kein starres Programm, kein Abend ist wie der andere. Und eigentlich nimmt das Publikum starken Einfluss darauf, wie der Abend wirklich wird. Ich versuche, zusammen mit den Menschen, die zu uns kommen, auf eine Reise zu gehen. Die besten Konzerte sind die, bei denen eine Art chemische Reaktion passiert, die sich nicht wiederholen lässt.

Krieg in Syrien, im Irak und in der Ukraine – wie viele schlechte Nachrichten vertragen Sie?

Ich kann eine Menge schlechte Nachrichten vertragen, solange es auch ein paar gute gibt. Gute Nachrichten werden eher zwischen Menschen ausgetauscht, die um einen herum sind. Oft braucht es nicht einmal Worte. Viel wichtiger als Geld ist das Gefühl, in der Welt und in der Gesellschaft erwünscht zu sein. Ich glaube, das ist dieser Weltlage geschuldet, die Kriege rücken uns immer näher.

In einem Song heißt es: „Ich habe den Krieg gesehen, er war nicht weit“. Im August 2013 reisten Sie tatsächlich mit dem Fotoreporter Robert King nach Aleppo, um den Leidtragenden des syrischen Bürgerkriegs Lebensmittel zu bringen. Eine Reise, die Ihr Leben verändert hat?

Wir waren zu viert, ein Journalist, der Gründer von Cinema for Peace, der Gründer von Human Plus und ich. Und ein Lkw mit Babynahrung. Es war nur ein Tag, aber mir ist klar geworden, dass wir trotz Nachrichten keine Ahnung haben, was der Krieg für die Menschen dort bedeutet. Es ist schwer, in diesem Konflikt Partei zu ergreifen, und mich interessieren keine politischen Analysen, Strategien oder Bündnisverpflichtungen.

Sondern?

Mich interessiert Politik nur insofern, als sie unmittelbare Konsequenzen für die Opfer dieses Krieges hat. Auch jede politische Entscheidung aus Deutschland hat Konsequenzen. Für die Menschen dort bedeutet sie unter Umständen den Unterschied zwischen Leben und Tod.

Auf wen sind Sie in Syrien getroffen?

Auf Bewohner der Stadt Aleppo. Ärzte, Lehrer, Verkäufer. Gläubige Muslime, die Extremismus und Scharia genauso ablehnen wie wir. Familienväter und -mütter, die niemandem die Hand abhacken wollen, sondern sich wünschen, dass ihren Kindern nichts passiert. Wir sollten diesen Menschen helfen, statt sie über die Klinge springen zu lassen.

Halten Sie als Songschreiber dennoch an einem „Alles-wird-gut“-Ethos fest?

Klar. Nicht immer, weil ich es glaube, aber immer, weil ich es hoffe. Manchmal weiß ich gar nicht, worauf sich diese Hoffnung gründet, denn die Welt sieht gerade nicht so aus, als wäre das realistisch. Mich würde interessieren, wie Politiker sich die Welt in 30, 40 Jahren vorstellen, und wie wir miteinander leben werden. Wenn Leute in Bedrängnis kommen, helfen wir ihnen dann oder sagen wir, was geht mich das an?! Hangeln wir uns nur von heute auf morgen oder haben wir ein Ziel, einen Plan? Die Frage fasziniert mich mehr als die Diskussion um zehn Euro Kindergeld mehr.

Jan Josef Liefers’ Album „Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ erscheint am 12. September; am 15. September, 20 Uhr, tritt er mit seiner Band in der Kesselhalle des Kulturzentrums Schlachthof auf.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+