Bewährt gewaltförmig inszeniert Mirko Borscht am Theater Bremen das Drama „Verbrennungen“ Dunkle Familiengeheimnisse

Bremen. Theatermacher Mirko Borscht ist in gewisser Hinsicht Bremens Antwort auf die US-Kinoregisseurin und Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow („The Hurt Locker“, „Zero Dark Thirty“): besessen vom Krieg, der Kollektive und Individuen in ihren moralischen Grundfesten erschüttert. Beseelt von der Vorstellung, durch dessen mal surreale, mal hyperrealistische Abbildung die Totschlägerreihe zu verlassen – und jene transgenerationalen Phantome zu exorzieren, die wie ein Alp auf dem Gehirn der Lebenden lasten (vgl.
28.09.2015, 00:00
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Dunkle Familiengeheimnisse
Von Hendrik Werner

Theatermacher Mirko Borscht ist in gewisser Hinsicht Bremens Antwort auf die US-Kinoregisseurin und Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow („The Hurt Locker“, „Zero Dark Thirty“): besessen vom Krieg, der Kollektive und Individuen in ihren moralischen Grundfesten erschüttert. Beseelt von der Vorstellung, durch dessen mal surreale, mal hyperrealistische Abbildung die Totschlägerreihe zu verlassen – und jene transgenerationalen Phantome zu exorzieren, die wie ein Alp auf dem Gehirn der Lebenden lasten (vgl. Karl Marx). Mit dieser Mission verknüpft ist der Wunsch, eine Ästhetik der Gewalt zu entwickeln, die verstört und fasziniert (vgl. Ernst Jünger).

Das war so in Borschts effektheischender Dekonstruktion der Alten Welt nach Lars von Trier („Europa“, 2013), das war so in seiner von Theaterdonner dröhnenden Nahaufnahme eines Rechtsextremisten („Larger than life“, 2013), das war so in einer als Splatter-Event drapierten Jelinek-Uraufführung („Todkrank.Doc“, 2013). Und das war so, als Mirko Borscht, wiederum nach Elfriede Jelinek, aus Mythologie und gewaltförmigen Gegenwartsstoffen ein furioses Flüchtlingsspektakel wob („Die Schutzbefohlenen“, 2014).

Jetzt hat sich der Materialschlächter, der mehr von Budenzauber und Holzhammer-Pädagogik hält als von leisen Zwischentönen und subtiler Schauspielerführung, an einer Inszenierung von „Verbrennungen“ versucht. Das 2003 uraufgeführte und prominent verfilmte Stück, eine gespenstische Familienaufstellung von Wajdi Mouawad, einem kanadischen Bühnenautor libanesischer Herkunft, wartet mit vielen Zutaten auf, die Borschts Berserkerfantasien anregen: Bürgerkrieg und Familie, Flucht und Vertreibung, Schweigen und Geheimnis, Verblendung und Zerstörung.

Es geht darin um die erwachsenen Zwillinge Jeanne (Lisa Guth) und Simon (Simon Zigah), die kaum etwas über ihre Herkunft und den Leidensweg ihrer aus dem Libanon geflohenen Mutter Nawal (Irene Kleinschmidt) wissen. Als Nawal stirbt, händigt ihnen Notarin Lebel (Verena Reichhardt) zwei Briefe aus: Die Geschwister sollen einen Bruder aufspüren, von dessen Existenz sie nichts ahnten – und ihren tot gewähnten Vater. Während Jeannes mathematisches Interesse an der Variabilität ihrer Familie in Recherchen mündet, sucht Simon sein Heil in Abwehr. Warum sollte er die Passionsgeschichte einer Frau erfahren wollen, die in ihrem Geburtsland eine singende Gefangene – Ordnungsziffer 72 – war? Als sich das für die Mutter Unsagbare in Gestalt eines unsäglichen Folterers und Heckenschützen (Peter Fasching) materialisiert, löst sich für die Geschwister mit dem Rätsel ihrer Herkunft das Mysterium einer gemarterten Mutter, die mutmaßlich nie Margarete Mitscherlich las und darum das Schweigen der Liebe ihrer Kinder vorzog.

Einem großen Stoff gebührt ein grandioses Bühnenbild. Christian Beck hat dem ödipal grundierten Drama einen schaurigen Schauplatz bereitet: eine düstere Wasserbeckenlandschaft mit durchscheinenden Vorhängen, auf die generationsübergreifende Gräuel projiziert werden, und mit drei Ventilatoren, die auch als Schiffsschrauben taugen. In diesem Spuk-Szenario siedelt Mirko Borscht zwar wiederholt eindringliche Bilder an. Weil aber psychologische Finesse nur bedingt sein Metier ist, flüchtet sich die Inszenierung ein ums andere Mal in Blitz- und Knalleffekte, wenn lineares Spiel und stimmiges Sprechen angezeigt wären. So dümpeln und plätschern die Figuren, jede für sich solide verkörpert, in dieser Wasserwelt vor der Pause weithin unverbunden vor sich hin. Besser, wenn auch nicht vollauf überzeugend wird der Gang der Enthüllungen, als die zunächst losen Erzählstränge dieser familiären Rekonstruktionsarbeit in der zweiten Hälfte der Aufführung zur Synthese drängen.

Wenn Peter Fasching am Ende in einer aus Clownerie und Schrecken gewobenen Szene zwischen martialischen Sniper-Gesten und einem Regen aus roten Nasen frontal die bittere Auflösung des psychoanalytisch überfrachteten Rätselspiels über die Rampe bölkt, scheint sich das Interesse des Publikums an der Katharsis dieser attisch-levantinischen Tragödie bereits verflüchtigt zu haben (so wie einige Zuschauer in der Pause der dreistündigen Aufführung).

Das ist bedauerlich und wäre womöglich durch Straffungen und andere dramaturgische Kompromisse abzuwenden gewesen. Schade ist es vor allem für die Darsteller: Irene Kleinschmidt ist ein eloquenter Zombie, Simon Zigah ein Verdränger mit Format, Lisa Guth eine exzellente Beziehungsarithmetikerin, Peter Fasching ein wunderbarer Wüterich. Nicht zu vergessen Martin Baum, der prägnant gleich ein halbes Dutzend Nebenrollen spielt. Verhaltener Beifall, der sich zur Herzlichkeit steigert.

Nächste Vorstellungen im Kleinen Haus am

2., 7. und 24. Oktober, jeweils um 20 Uhr,

sowie am 18. Oktober um 18.30 Uhr.

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