Golden Globes

Ein kompromissloser Erzähler

Für sein packendes Drama um die NSU-Morde, „Aus dem Nichts“, hat Fatih Akin nun einen Golden Globe entgegennehmen können.
08.01.2018, 20:49
Lesedauer: 2 Min
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Ein kompromissloser Erzähler
Von Iris Hetscher
Ein kompromissloser Erzähler

Diane Kruger und Fatih Akin teilen sich den Golden Globe. Foto: Jordan Strauss/Invision

dpa

Es ist das zweite Gold für Fatih Akin: Nach dem Goldenen Bären 2004 für „Gegen die Wand“ nennt der Hamburger mit türkischen Wurzeln nun auch eine güldene Weltkugel sein Eigen. Für sein packendes Drama um die NSU-Morde, „Aus dem Nichts“, hat er 14 Jahre nach dem ersten großen Erfolg nun einen Golden Globe entgegennehmen können.

Und das ist, bei allen Palmen und Löwen auf europäischen Filmkunstfestivals (in Cannes hat Akin, nebenbei gesagt, einen Drehbuchpreis für „Auf der anderen Seite“ abgestaubt) nicht nur für Akin selbst, sondern auch für den deutschen Film insgesamt eine große Bestätigung. Vor allem, nachdem der ebenfalls hoch gehandelte „Toni Erdmann“ von Maren Ade 2017 leer ausgegangen war. Der letzte deutsche Preisträger war 2010 Michael Haneke für „Das weiße Band“.

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Nun also Fatih Akin, der seine Filmprojekte als Regisseur und Drehbuchautor kompromisslos und mit viel Leidenschaft verfolgt, was auch bedeutet, dass sie alle immer mit ihm und seiner Biografie als Kind von Migranten zu tun haben. Und was ebenfalls heißt, dass auch mal etwas schief geht. Akin spielt auf Risiko.

„Gegen die Wand“, der die Schauspielerin Sibel Kekilli schlagartig berühmt machte, war ein Schock von einem Film über die Unbehaustheit zweier Kinder aus türkischen Migrantenfamilien und ihrer verzweifelten Suche nach Liebe und Identität. Akin zeigt Selbstzerstörung, Exzesse, Maßlosigkeit, schließlich die Rückkehr in die Heimat der Eltern. Eine Lösung? Vielleicht.

Der zweiten Teil von Akins Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ folgte 2007 mit „Auf der anderen Seite“. Sechs Menschen, drei Familien, zwei Generationen stehen im Fokus des unter anderem auch in Bremen gedrehten Films. Erneut geht es in dem Melodrama um große Themen: Schuld und Vergebung, Reue und Schicksal, immer elegant und wie selbstverständlich zwischen zwei Kulturen changierend.

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In den kommenden sieben Jahren drehte Akin eine leichtfüßige Komödie („Soul Kitchen“), die Musikdokumentation „Crossing the Bridge – the Sound of Istanbul“ und die komplett misslungene Öko-Dokumentation „Müll im Garten Eden“ (2012), außerdem produzierte er Filme von Kollegen. 2014 realisierte Akin „The Cut“ (Der Schnitt) über den Genozid an den Armeniern im Jahr 1915.

Doch mit dem letzten Teil von „Liebe, Tod und Teufel“ überhob er sich. Der Film ist ein weitschweifiges und überfrachtetes Epos, mit teilweise hölzern agierenden Darstellern. Das Publikum wollte ihn nicht sehen, und „The Cut“ wurde für Akins Produktionsfirma „Corazon International“ zum Reinfall. Erst 2016 meldete sich der Regisseur mit der Romanverfilmung „Tschick“ zurück.

Und im vergangenen Jahr dann mit einer dieser Herzensangelegenheiten, bei denen er im Abspann unter „Drehbuch und Regie“ genannt ist. „Aus dem Nichts“ ist ein Thriller, dessen Geschichte sich mehr als locker an den NSU-Morden orientiert und vor allem von Schmerz und Ohnmacht der Opfer erzählt. Sein großer Glücksfall ist Diane Kruger in der Hauptrolle. Nach dem verquasten „The Cut“ hat Akin wieder zu der packend emotionalen Erzähl- und Bildsprache zurückgefunden, die ihn auszeichnet. Damit könnte er noch Chancen auf sein drittes Gold haben: einen Oscar.

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