Die Schwankhalle in der Neustadt startet nach schwierigen Jahren mit Pirkko Husemann und Florian Ackermann durch Ein Ort für Debatten, ein Heim für neue Formen

Bremen. Schon rein optisch möchte die Schwankhalle künftig anders wahrgenommen werden. Der Schriftzug wird mutwillig in „sch wa nk hal le“ zerhackt, ein Name mit innewohnendem Leerraum.
09.07.2015, 00:00
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Ein Ort für Debatten, ein Heim für neue Formen
Von Iris Hetscher

Schon rein optisch möchte die Schwankhalle künftig anders wahrgenommen werden. Der Schriftzug wird mutwillig in „sch wa nk hal le“ zerhackt, ein Name mit innewohnendem Leerraum. Der, so könnte man mutmaßen, steht stellvertretend für die vielen Projekte und Ideen, die die neue künstlerische Leiterin Pirkko Husemann und Kurator Florian Ackermann am Mittwoch bei einem Pressegespräch vorstellten. Denn zur Optik passt das neue Konzept der Schwankhalle, die programmatisch in den beiden vergangenen Jahren eher einen wirren Eindruck hinterlassen hat.

Damit möchte die promovierte Theaterwissenschaftlerin Husemann nun aufräumen. Man verstehe sich künftig als Produktions- und Spielstätte der darstellenden Künste, beim Publikum lokal stark verankert, aber als Adresse für regionale und überregionale Künstler, betonte Husemann, und kündigte an, das Programm nicht mehr nach Sparten, sondern nach Themen zusammenzustellen. Comedy, Kleinkunst und Chanson wird es nicht mehr in der Schwankhalle geben, und auch auf Eigenproduktionen mit Bremer Künstlern will das Haus am Buntentorsteinweg verzichten. Dafür möchte man der feministischen und der Queer-Szene ein Heim sein und setzt auf gemeinsame Arbeiten lokaler und regionaler Künstler. „Wir möchten streitbar sein“, wünscht sich Husemann. Diskussionen und Debatten werden nicht ausbleiben, wenn es beispielsweise kurz vor Weihnachten in „Gespenster“ um assistierten Suizid geht. Aber nicht nur die Themen, auch die Formen könnten für Erregungsmomente beim Publikum sorgen. Sowohl sie selbst als auch Florian Ackermann stünden für die post-dramatische Tradition im Theater, betonte Husemann – das bedeutet die starke Einbeziehung von Elementen der Performance, anderer Medien und philosophischer Debatten in die Inszenierungen. Auf diese Weise werden in der Weiterentwicklung des klassischen Sprechtheaters aktuelle gesellschaftspolitische Themen auf der Bühne verhandelt.

Damit startet man in der Schwankhalle gleich während des Eröffnungsfestivals vom 12. bis zum 27. September. „Hand anlegen“ ist die Reihe der Veranstaltungen überschrieben. Theatermacher und Tänzer beschäftigen sich in ihren Produktionen mit Begriffen wie Handwerk, Handarbeit, Performität sowie Laien- und Expertentum in der Kunst. Dabei sendet die Schwankhalle gleich einen Gruß an den Stadtteil, in dem sie beheimatet ist: „Ich erlebe die Neustadt als Viertel mit vielen Handwerksbetrieben“, sagt Pirkko Husemann. Künstler und Publikum werden dabei auch ausschwärmen: So wird Tina Havers in den Räumen der Silberwarenmanufaktur Koch & Bergfeld tanzen, ein Kulturspaziergang durchs Viertel ist geplant und ein Ausflug zum Tag der Offenen Tür des Theaters Bremen am 19. September – Performance inklusive. Ein weiterer neuer Schwerpunkt der Schwankhalle sind die sogenannten Residenzen, für die Florian Ackermann zuständig ist, und die der künstlerischen Fortbildung und Forschung dienen sollen. Bei dem Programm „1:1“ sollen beispielsweise lokale mit externen Künstlern zwei Wochen lang Projekte entwickeln und sich gegenseitig inspirieren. Die ersten Residenzen sind an die Bremer Katrin Bretschneider, Magali Sander-Fett, Tina Havers und Christoph Ogiermann vergeben worden.

Einig geworden ist sich die neue Leitung nach langwierigen Querelen auch mit der steptext.dance-Company (wir berichteten) sowie tanzbar-Bremen. Diese Projekte werden weiterhin in der Schwankhalle auftreten können, verlieren aber ihre Vorrechte – auswärtige Tanzkompanien werden zu Gastspielen eingeladen werden.

Einen Schlussstrich hat Pirkko Husemann unter das Modell „pay as you wish“ gezogen, bei dem die Zuschauer selbst bestimmen konnten, ob und was sie bezahlen wollten. In Zukunft wird es in der Schwankhalle ein festes Preisgefüge für die Veranstaltungen geben. „Ich möchte keine Diskussion um den Wert von Kunst an sich mit den Zuschauern führen“, sagte Pirkko Husemann zur Begründung. Zudem benötige man zusätzlich zum städtischen Zuschuss von (seit 2012) jährlich 755 000 Euro und Drittmitteln auch eigene Einnahmen.

Mehr Informationen über das Programm des Eröffnungsfestivals und des Oktobers in der Schwankhalle unter www.schwankhalle.de

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