Wie der Grünkohl von Griechenland über Rom auf Bremer Teller gelangte / Kohlfahrten einst mit Pferd und Wagen Ein Powergemüse mit Geschichte

Wenn von November bis Anfang März wieder vergnügte Gruppen mit Bollerwagen durch die Straßen ziehen, um sich die Zeit bis zum Verzehr des heiß ersehnten Kohl- und Pinkelgerichts zu vertreiben, dürften die wenigsten Fans des norddeutschen Wintergemüses dessen Ursprung in Griechenland verorten. Tatsächlich wird um 400 vor Christus ein krausblättriger Blattkohl beschrieben, der später bei den Römern unter dem Namen „Sabellinischer Kohl“ firmierte. Dieser Kohl muss nach diesen Quellen tatsächlich als Vorläufer des heutigen Grünkohls angesehen werden.
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Von Alexander Bösch

Wenn von November bis Anfang März wieder vergnügte Gruppen mit Bollerwagen durch die Straßen ziehen, um sich die Zeit bis zum Verzehr des heiß ersehnten Kohl- und Pinkelgerichts zu vertreiben, dürften die wenigsten Fans des norddeutschen Wintergemüses dessen Ursprung in Griechenland verorten.

Tatsächlich wird um 400 vor Christus ein krausblättriger Blattkohl beschrieben, der später bei den Römern unter dem Namen „Sabellinischer Kohl“ firmierte. Dieser Kohl muss nach diesen Quellen tatsächlich als Vorläufer des heutigen Grünkohls angesehen werden. In der römischen Küche zählte Grünkohl zu den Delikatessen. Bauern, die ihn anbauten, brachten es häufig zu einem gewissen Wohlstand. Mit dem Grün-

kohl verwandt ist auch der in Italien angebaute Schwarzkohl

„Cavalo Nero“. Heutzutage befinden sich die typischen Anbaugebiete in Mittel- und Westeuropa, Nordamerika sowie in Ost- und Westafrika.

Bremen hat die Nase vorn

In Norddeutschland streiten Bremen und Oldenburg augenzwinkernd seit Urzeiten darum, wer die deftige Spezialität als Aushängeschild für sich verbuchen kann. Die längste Tradition können freilich die Bremer nachweisen, die seit 1545 während der Schaffermahlzeit ihr öffentliches Grünkohlessen zelebrieren. Allenfalls Theodor Heuss soll als Ehrengast während der Schaffermahlzeit ein wenig verstört vor seinem Teller Kohl und Pinkel gesessen haben. Der Legende nach soll der erste deutsche Bundespräsident seinem Nachbarn Wilhelm

Kaisen zugeseufzt haben: „Ich werd‘s ja essen. Aber sagt mir um Gotteswillen, wie seid Ihr Bremer darauf gekommen!“

Die Geschichte der Kohlfahrten begann, als im 19. Jahrhundert wohlhabende Geschäftsleute im Oldenburger und Bremer Raum mit Pferdefuhrwerken von der Stadt aus in Landgasthäuser fuhren, um dort Grünkohl zu verzehren. Aufgrund des nicht unbeträchtlichen Anteils von Fett im gekochten Kohlgericht waren die Teilnehmer „geistigen“ Getränkenzum Mahl nicht abgeneigt.

Das einstige Pferdegespann wurde im Laufe der Jahre durch den Bollerwagen ersetzt. Hinter Bremen huldigt man im Winter heute ungefähr bis Nienburg und Rotenburg an der Wümme dem Ritual des Kohlfahrens.

Der Kult um das Wintergemüse hat übrigens selbst den Bremer Senat zu einigen vergnüglichen Wortspielen inspiriert. Auf der Homepage www.bremen.de findet sich unter dem Suchwort „Kohlpedia“ eine nicht ganz ernstgemeinte Enzyklopädie, die frei nach dem Motto „Das ultimative Kohlabular für Kohlfahrer“ vom „Kohl-aborateur“ über das „Eau de Kohl-ogne“ bis zum „Kohl-abieren“ reicht.

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