Ein Reisebüro für Auswanderer

„Misslers Werbung war ganz auf die eigene Person zugeschnitten.“ Autor Arno Armgort Der Historiker Diethelm Knauf lebt in der Friedrich-Missler-Straße in Schwachhausen. Ein glücklicher Zufall, sagt Knauf.
02.08.2015, 00:00
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Ein Reisebüro für Auswanderer
Von Silke Hellwig

Der Historiker Diethelm Knauf lebt in der Friedrich-Missler-Straße in Schwachhausen. Ein glücklicher Zufall, sagt Knauf. Denn er hat sich mit der Geschichte des Bremer Geschäftsmanns Missler befasst

, der bis Anfang des 20. Jahrhunderts als Vermittler für Auswanderer ein Vermögen verdiente. Der Historiker sagt: „Missler war vor allem ein cleverer Geschäftsmann. Er hat ganz neue Marketingideen entwickelt.“ Misslers Name verknüpfte sich durch die zu seiner Zeit unkonventionelle Werbung untrennbar mit seinem Geschäft.

Vom Missler-Imperium haben drei Hallen die Zeit überdauert: darunter das ehemalige Logierhaus 5 in Findorff, Ecke Münchener und Walsroder Straße. In dem Gebäude – eines von einst elf Logierhäusern – warteten Hunderte von Menschen einige Tage, manchmal auch Wochen auf ihre Passage nach Übersee. Es steht seit einigen Jahren unter Denkmalschutz. Der Armaturenhersteller Gestra AG nutzt das Gebäude für die Entwicklung und Montage von Elektronikprodukten.

Der Vorstandsvorsitzende Lutz Oelsner sagt: „Wenn man unser Geschäft als produzierender Betrieb so wie wir unter diesen besonderen Bedingungen mitten in Findorff macht und in alten Gebäude operiert, stellt man sich automatisch die Frage nach ihrer Geschichte. Und ich bin jemand, der sich gerne mal vorstellt, wie es hier wohl vor 120 Jahren war; wo die vielen Menschen gesessen, gegessen, geschlafen und was sie getan haben.“

Die Gestra AG gehört seit einiger Zeit dem amerikanischen Konzern Flowserve. Auch den US-Amerikanern, mit denen er zu tun habe, berichte er gerne von der Vergangenheit der Produktionshalle. „Für die Amerikaner hat die Auswanderung aus Europa immer noch eine große Bedeutung. Sie können oft kaum glauben, was ich ihnen erzähle.“ Man sieht der Halle ihre Geschichte auch nicht an, weder von außen noch von innen. Im Vergleich mit historischen Aufnahmen kann man die Pfeiler wiedererkennen.

Doch die Missler-Hallen waren „der zweitwichtigste Ort der Auswanderung“ im Land Bremen – nach Bremerhaven, heißt es im Landesamt für Denkmalpflege. 1933 wurden sie und andere Gebäude für fünf Monate als Konzentrationslager für bis zu 300 Häftlinge missbraucht, der Musiklehrer Hermann Böse war dort inhaftiert – auch deshalb steht die Halle unter Denkmalschutz. „Jede Zeitschicht hätte für sich getragen. Die Bedeutung der Halle für die Geschichte Bremens ist enorm“, sagt Denkmalpfleger George Skalecki. Eine Gedenktafel allein – wie in der Walsroder Straße – werde der Historie nicht gerecht.

Der Name Missler prangte nicht nur weithin sichtbar an den Auswandererhallen in Findorff und an seinem Büro in der Bahnhofstraße, sondern auch auf Visitenkarten, Briefbögen und Werbegeschenken, darunter laut Knauf auch Kuckucksuhren. Missler brannte sich in die Köpfe jener, die damit liebäugelten, ihr Glück in der Neuen Welt zu suchen. „Seine Werbung war ganz auf die eigene Person zugeschnitten. Sein Name war in den Auswanderungsregionen allgemein bekannt, die dortigen Transitwanderer über Bremen fuhren ,mit Missler’“, schreibt Arno Armgort in „Bremen, Bremerhaven, New York 1683 - 1960“.

So ziert Misslers Konterfei auch ein Prospekt, das in den Beständen des Focke-Museums verwahrt wird. „Es handelt sich um eine Broschüre für Auswanderer aus dem Bereich Österreich / Ungarn. Sie funktioniert wie ein Ratgeber, aber sie hat die klare Botschaft, dass man seine Route am besten über Bremerhaven nimmt“, sagt Jan Werquet, Kurator für Stadtgeschichte. Im Auswandererhaus in Bremerhaven findet sich der Name Missler ebenfalls in der Ausstellung. Gezeigt wird dort eine Art Werbegeschenk aus dem Jahr 1920, eine Dokumententasche aus Leinen, in der die Kunden ihre Reisepapiere bei sich trugen. Zwei weitere Exemplare werden im Archiv verwahrt. „Diese Taschen gibt es meines Wissens nicht mehr so häufig, schon allein wegen des Materials, das sich schnell auflöst“, sagt Tanja Fittkau, Wissenschaftlerin im Auswandererhaus. Auch im Staatsarchiv hat Missler Spuren hinterlassen – bewahrt werden dort Unterlagen über die Wasserversorgung in den Hallen, seine Korrespondenz mit dem Medizinalamt und Wochen-Fahrpläne des Norddeutschen Lloyd von Anfang des 20. Jahrhunderts.

Friedrich Missler (1858 - 1922) kam laut einer Festschrift zu seinem 150. Geburtstag vom „Heimatverein Kirchspiel Dorfmark“ aus einfachen Verhältnissen. Dieser Verein hat sich mit Missler befasst, weil dessen Landgut bei Dorfmark lag. Missler wuchs laut der Recherchen des Vereins mit drei Geschwistern im Stephani-Viertel auf und machte eine Ausbildung beim Auswanderer-Expedienten Carl Ludwig Bödecker. Im Alter von 22 Jahren beantragte er eine Konzession für eine eigene Vermittlungsfirma, die stetig wuchs, bis Missler zur wichtigsten Agentur in Bremen wurde.

Über Bremerhaven verließen in der Zeit, in der Missler als Vermittlungsagent tätig war, mehr als fünf Millionen Menschen Europa, die meisten gingen in die USA. „Es war letztlich das Transportgeschäft mit der Auswanderung, das es Bremen ermöglichte, wirtschaftliche und geografische Strukturschwächen auszugleichen“, schreibt Armgort. Ein Teil des Geschäfts war die Unterbringung der Auswanderer in Bremen, die eben vor allem in Misslers Händen lag. Armgort schreibt: „In Bremen hatte die Auswandereragentur Missler, die seit 1885 quasi zur Hauptagentur des Norddeutschen Lloyd avanciert war, ein umfangreiches Agentennetz in Ost- und Südeuropa aufgebaut.“ Eine Art von Pauschalreisen nach Bremerhaven wurden für Osteuropäer die Regel, damit sei das zurückgehende Geschäft mit deutschen Auswanderern kompensiert worden. Missler verkaufte gewissermaßen komplette Reisen aus einer Hand, samt Transport nach Bremen und Bremerhaven – und weiter über den Atlantik.

1907 entstanden zunächst zwei große Hallen in Findorff – für gut 1200 Personen. In einem Prospekt über die Auswandererhallen, das ebenfalls im Staatsarchiv aufbewahrt wird, heißt es: „Es sind zwei stattliche Gebäude im Hotelcharakter – das eine zwei-, das andere dreistöckig – die durch ihre vornehme Einfachheit einen überaus angenehmen Eindruck machen.“ Es gab einen Speisesaal, „Brausebäder und Klosettanlagen“, eine Küche und „einen großen Gepäckraum (...) Alle Räume sind mit elektrischem Licht und Dampfheizung versehen.“ Wegen des großen Zustroms an Auswanderern in den folgenden Monaten, wurden acht weitere einstöckige Hallen ergänzt – für fast 1900 weitere Personen, darunter auch Logierhaus 5. 1,50 Mark nahm die „Bremer Auswanderhallen GmbH“ pro Tag und Person ein.

Missler erwirtschaftete sich ein Vermögen, vergaß aber nie seine Herkunft, wie es in der Festschrift des Dorfmarker Vereins heißt. Seine Ehe blieb kinderlos, seine Nichten bedachte er in seinem Testament nicht. Sie sollten „sich selbst eine Existenz gründen und durch ernste Arbeit ihre Kräfte betätigen“. Das Vermögen ging in der Friedrich-Missler-Stiftung auf, die unter anderem dazu diente, erholungsbedürftige Kinder auf das Misslersche Landgut Achterberg in der Lüneburger Heide zu schicken. Die Stiftung wurde 1941 aufgelöst.

Schon zuvor, vor beinahe auf den Tag genau 80 Jahren, am 31. Juli 1935, stellte die Auswanderagentur ihr Geschäft ein. Friedrich Missler erlebte den Niedergang seines Geschäfts nicht. Er starb unerwartet im Alter von 64 Jahren. Während des Zweiten Weltkriegs wurden in seinen Hallen Kranke versorgt, später wurde der größte Teil abgerissen. Was aus der ehemaligen Logierhalle 5 wird, ist ungewiss: Die Gestra AG trägt sich schon seit einigen Jahren und auch weiterhin mit dem Gedanken, das Gelände aufzugeben.

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