Gothic Novel mit Augenzwinkern: „Die Verfluchten“

Ein teuflisches Vergnügen

In dem gediegenen Universitätsstädtchen Princeton geht es in den Jahren 1905 und 1906 richtig zur Sache. Die junge Annabel Slade wird kurz nach ihrer Trauung von einem „Dämon“ aus der schmucken Kirche in dessen widerwärtiges Domizil im Sumpf entführt.
14.12.2014, 00:00
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Ein teuflisches Vergnügen
Von Iris Hetscher
Ein teuflisches Vergnügen

Joyce Carol Oates

Daniel Joubert, dpa

In dem gediegenen Universitätsstädtchen Princeton geht es in den Jahren 1905 und 1906 richtig zur Sache. Die junge Annabel Slade wird kurz nach ihrer Trauung von einem „Dämon“ aus der schmucken Kirche in dessen widerwärtiges Domizil im Sumpf entführt. Vampire greifen Studenten an, brave Ehemänner massakrieren urplötzlich ihre kranken Gattinnen in deren Betten, Kinder verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Völlig klar: Ein Fluch hat sich über Princeton und seine Bewohner gelegt.

Joyce Carol Oates hat ihrem beeindruckenden und mehrfach preisgekrönten Gesamtwerk mit ihrem Roman „Die Verfluchten“ eine weitere Facette hinzugefügt. Dieses Mal wählt die amerikanische Schriftstellerin („Blond“, „Niagara“) die Form einer „Gothic Novel“, eines anglo-amerikanischen Schauerromans, um Bigotterie, Heuchelei, Frauenfeindlichkeit und den Rassismus der amerikanischen Bildungselite Anfang des 20. Jahrhunderts scharf zu parodieren. Dabei bedient Oates sich eines weiteren stilistischen Kunstgriffs: Sie hat einen Historiker erfunden, der die verschachtelte, breit angelegte Geschichte rekonstruiert, erzählt und manchmal auf eitle Wissenschaftler-Art auch kommentiert – und auch dieser Erzähler bekommt von Oates durchaus sein Fett weg.

So fügt sich das immerhin 750 Seiten dicke Buch aus angeblich einst verschlüsselten Tagebucheinträgen, Briefen, Augenzeugenberichten und Nacherzählungen zusammen, auch Fußnoten kommen vor. Berichtet wird zunehmend collagenhaft von mehreren vornehmen Familien, die dem „Fluch“ verzweifelt Paroli zu bieten versuchen, indem sie seine Ursache bei mysteriösen Fremden suchen. Oder aber im Abweichen vom Pfad der Tugend, die in diesen Kreisen so hoch gehalten wird, dass sie gar nicht mehr erreichbar sein kann. Oates fügt zudem – weil es sich ja, wie immer bei solchen Romanen, um eine „wahre Begebenheit“ handeln soll – historische Persönlichkeiten ein: den damaligen Unirektor und späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson und dessen verbissenen Kampf gegen einen Konkurrenten hat sie sich ganz besonders genau vorgeknöpft. Doch auch die lieben Kollegen verschont Oates nicht: Der sozialistische Schriftsteller Upton Sinclair („Der Dschungel“) wird als unreifer, asketischer Wirrkopf gezeichnet, der damals immens populäre Jack London („Lockruf der Wildnis“) ist ein Wüstling, der im Suff von der Überlegenheit der nordischen Rasse schwärmt.

Das Buch fließt über vor Fabulierlust und ist wegen seiner vielen Erzählstränge und Exkurse in Politik, Philosophie und Historie nicht unbedingt immer leicht zu lesen. Trotzdem bereitet die Lektüre ein teuflisches Vergnügen, weil Oates wie immer mit leichter, aber spitzer Feder schreibt.

I ris Hetscher

Joyce Carol Oates: Die Verfluchten. A. d. Am. v. Silvia Morawetz. Fischer Verlag, Frankfurt. 750 Seiten, 26,99

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