Die Hamburger Deichtorhallen zeigen die erste gemeinsame Werkschau von Ute und Werner Mahler Einblicke in das Leben der anderen

Reportagefotografie vom Feinsten ist derzeit in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen: Die erste gemeinsame Werkschau des Fotografenehepaars Ute und Werner Mahler. Ausgestellt sind Vintage-Aufnahmen aus der DDR und der Zeit nach der Maueröffnung.
10.04.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von HEIKO KLAASUND NICOLE BÜSING

Reportagefotografie vom Feinsten ist derzeit in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen: Die erste gemeinsame Werkschau des Fotografenehepaars Ute und Werner Mahler. Ausgestellt sind Vintage-Aufnahmen aus der DDR und der Zeit nach der Maueröffnung.

Hamburg.

Ein frisch verheiratetes Paar in seinem Schlafzimmer. Die Wände sind nahezu komplett mit Markenlogos bedeckt: Verpackungen von Nylonstrümpfen, Waschmitteln und Süßigkeiten bekannter Westmarken. Wir befinden uns in der DDR des Jahres 1974. Die Aufnahme von den geheimen Sehnsüchten eines jungen Paares stammt von der 1949 geborenen Fotografin Ute Mahler. Sie ist Teil ihrer zwischen 1972 und 1988 entstandenen Schwarz-Weiß-Serie „Zusammenleben“.

Einfühlsame Reportagefotografien sind charakteristisch für das Werk von Ute und Werner Mahler, die bis heute zu den stilprägendsten deutschen Fotografen zählen. Beide erwarben ihr Fotografiediplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und arbeiteten in der DDR als freiberufliche Fotografen. Die Hamburger Deichtorhallen präsentieren im Haus der Photographie die erste gemeinsame Werkschau der Mahlers. Gezeigt werden Vintage-Aufnahmen aus nahezu all ihren Fotoserien. Die ausnahmslos analogen Fotografien entstanden einerseits in Ostdeutschland vor der Wende, nach der Maueröffnung aber auch in Ost und West, immer mit dem für beide charakteristischen, humanistisch geprägten Blick, dem alles Sensationalistische fremd ist.

Langzeitbeobachtungen sind typisch für das Fotografenpaar. So fotografierte der 1950 geborene Werner Mahler 1978 ein Jahr lang Dorffeste, Hausschlachtungen und Jugendweihen im thüringischen Dorf Berka, dem Geburtsort seiner Frau. „Charakteristisch für die Arbeiten von Ute und Werner Mahler ist die fotografische Beschreibung bestimmter Milieus“, so Ingo Taubhorn, der Kurator der Schau. „Die Aufnahmen sind nicht inszeniert, sondern entstehen vielmehr aus einer beobachtenden Position heraus.“ Für ihre Diplomarbeit über den Zirkus Hein erhielt Ute Mahler 1978 einen Preis der Kölner Photokina: eine Flugreise nach Paris. Selbstverständlich nahm sie ihre Kamera mit und fotografierte ein Paris jenseits touristischer Klischees: etwa eine gefangene Taube im Käfig neben einer freien Taube auf dem Trottoir. Diese symbolträchtige Aufnahme verschaffte ihr in den 1980er Jahren große Anerkennung in der Musik- und Künstlerszene der DDR. Ute Mahler ist bekannt für ihre fast beiläufigen Porträts von Prominenten: Von Sophie Rois, dem weiblichen Star der Berliner Volksbühne, über den Hamburger Schriftsteller Ralph Giordano bis zur Bundeskanzlerin.

Modeaufnahmen für die „Sibylle“

1990 gründeten die Mahlers in Berlin „Ostkreuz“, die heute erfolgreichste von Fotografen geführte Agentur Deutschlands. Schon zu DDR-Zeiten hatten beide regelmäßig Modeaufnahmen für die legendäre Kult-Zeitschrift „Sibylle“ gemacht. Nach der Wende bereiste Ute Mahler im Auftrag westdeutscher Magazine die Republik. Sie fotografierte den 24-jährigen Neonazi „Bomber“ in Berlin-Lichtenberg oder begleitete in einer einfühlsamen Serie den mit Stasivorwürfen konfrontierten SPD-Politiker Ibrahim Böhme.

Seit 2009 arbeiten die Mahlers auch an gemeinsamen Werkgruppen, zum Beispiel an der Serie „Monalisen der Vorstädte“ (2009 bis 2011). Das Fotografenpaar bereiste fünf europäische Städte und bat junge Frauen an der Schwelle zum Erwachsensein, ein Lächeln im Stil der Mona Lisa aufzusetzen. Mit dieser Porträtserie erlangten sie große Anerkennung.

Die umfangreiche Hamburger Werkschau nimmt den Besucher mit auf eine Zeitreise quer durch Deutschland. Ob die 1977 von Werner Mahler begonnene und längst noch nicht abgeschlossene fotografische Langzeitbeobachtung einer Oranien-burger Abiturientenklasse oder Ute Mahlers Serie über das Frauengefängnis Hoheneck: Der fotografische Blick der Mahlers ist nie provozierend, nie voyeuristisch. Die zurückhaltenden Aufnahmen sind geprägt von einem unaufgeregten Umgang mit der Wirklichkeit.

Ute Mahler und Werner Mahler: Werkschau, Deichtorhallen Hamburg/Haus der Photographie, 11. April bis 29. Juni, Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat: 11 bis 21 Uhr (außer an Feiertagen)

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