Sängerin Tina Dico, Helgi Jonsson und Band begeistern im Pier 2 / Bremer Elaz Palmer vertritt Teitur im Vorprogramm

Eindringliche Liederflüsterin

Bremen. Tina Dico hat eine Heimat gefunden – für sich und für ihre Lieder. Die dänische Singer/Songwriterin, die vor langer Zeit Kopenhagen verließ, um in London oder New York nicht glücklich zu werden, ist in Island angekommen.
03.11.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Lars Fischer
Eindringliche Liederflüsterin

Strahlende Stärke: Tina Dico gefällt durch Humor und Souveränität.

Lars Fischer

Tina Dico hat eine Heimat gefunden – für sich und für ihre Lieder. Die dänische Singer/Songwriterin, die vor langer Zeit Kopenhagen verließ, um in London oder New York nicht glücklich zu werden, ist in Island angekommen. Dort lebt und arbeitet sie mit Helgi Jonsson, der sie auch bei ihrem Auftritt im Pier 2 begleitet.

Das ungewöhnliche Künstlerpaar bildet musikalisch eine perfekte Einheit, Jonsson kleidet Dicos immer noch fragile Lieder stilsicher ein. Seine Arrangements sind gerade so dezent, dass sei nichts von der brüchigen Einfachheit der Kompositionen nehmen, ihnen aber an passender Stelle immer eine spannungsgeladene Nuance hinzufügen. Das können Klangtupfer von Keyboard und Sampler sein oder gelegentlich auch die erstaunlich sanft gespielte Posaune des Isländers. Ähnlich zurückhaltend agiert E-Gitarrist Dennis Ahlgren, der sich ebenfalls häufig für filigrane Ergänzungen entscheidet. Die Struktur gibt Dicos akustische Gitarre vor und auch Perkussionistin Marianne Lewandowski ist eher mit Ausgestaltungen als mit klassischer Rhythmusarbeit beschäftigt. Diese Klanggebäude dient den Lieder bedingungslos, es kann zum dynamischen Mini-Orchester anschwellen, gleichzeitig fügt es nie mehr hinzu, als gerade notwendig. Auch als Chor funktioniert das Quartett vorzüglich.

Tina Dico pendelt auch auf ihrer aktuellen CD „Whispers“, deren Songs natürlich im Mittelpunkt des Konzerts stehen, zwischen selbstbewusster Stärke und Zerbrechlichkeit. Hat die mittlerweile zweifache Mutter privat offensichtlich ihr Glück gefunden, so macht das ihre Lieder nicht weniger melancholisch. Die These, dass nur traurige Menschen tiefe Lieder schreiben können, widerlegt sie jedenfalls spielend. Diese präsentiert die Sängerin aber mit einer strahlenden Stärke und Souveränität, humorvollen Ansagen und spontanen Programmänderungen, sodass das abendlange Schwelgen in den Abgründen ihrer Seele eine reine Wonne ist. Nichts hinterlässt eine fade Gefühligkeit und das ist der musikalischen Hochkompetenz der vier Nordmenschen geschuldet.

Ursprünglich hätte mit Teitur, dem Sänger von den Färöer Inseln, ein fünfter Exot aus dem Norden im Vorprogramm auf der Bühne stehen sollen. Sein Auftritt wurde unerklärlicherweise abgesagt, und mit dem Bremer Elaz Palmer sprang ein weiterer Singer/Songwriter ein, dessen Werk auch nicht gerade mit südländischer Ausgelassenheit gesegnet ist. Der junge Sänger und Gitarrist bietet eine mehr als bemerkenswerte halbe Stunde. Allein auf großer Bühne wagt er eine Nabelschau mit Liedern, die zum Teil noch nie vor Publikum gespielt wurden, und erinnert dabei ein wenig an Philipp Poisel.

Sind die Reaktionen auf seinen Set noch eher verhalten, bewegt Tina Dico das Publikum anschließend zu stehenden Ovationen. Die neuen Songs überzeugen genauso wie ältere Lieder. „Sacré Cœur“ oder „Count to ten“, mit dem sie dank eines legendären Auftritts bei „Inas Nacht“ in Deutschland bekannt wurde, entfachen Wiedersehensfreude, genau wie „Friend in a bar“. Das gibt es auf Zuruf aus dem Publikum als ungeplante, zweite Zugabe in einer teilweise a capella gesungenen Solo-Version und entlässt in eine Novembernacht, die sich seltsam warm anfühlt.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+