Medienwissenschaftler zu #varoufake "Eine einzelne Geste aufgeladen"

Der Stinkefinger des griechischen Finanzministers Varoufakis ist das dominierende Thema in der Medienlandschaft. Über die Wirkung und die Manipulation von Bildern hat Torben Ostermann mit dem Medienwissenschaftler Christian Strippel gesprochen.
19.03.2015, 21:44
Lesedauer: 2 Min
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Über die Wirkung und die Manipulation von Bildern in Leitmedien sprach Torben Ostermann mit Christian Strippel, Medienwissenschaftler an der Freien Universität Berlin.

Der Stinkefinger des griechischen Finanzministers Varoufakis ist das dominierende Thema in der deutschen Medienlandschaft. Wie entsteht so eine Debatte?

Christian Strippel: Ausgangspunkt war ja die Sendung von Günther Jauch am Sonntagabend, in der Gianis Varoufakis mit dem umstrittenen Video konfrontiert wurde. Einige Wochen zuvor hatte Jan Böhmermann die besagte Stinkefinger-Szene bereits in einem Musikvideo über Varoufakis gezeigt – der Skandal blieb aus. Warum dann am Sonntag die Debatte los ging, lag wohl in erster Linie daran, dass die Szene zu einer Metapher für das aktuelle politische Verhältnis von Griechenland zu Deutschland hochstilisiert wurde. Der Vorwurf: Gianis Varoufakis als personifiziertes Griechenland verhalte sich respektlos gegenüber „den Deutschen“. Die aktuelle Euro-Politik wurde dadurch auf eine einzelne Geste reduziert und emotional aufgeladen. Das war schon sehr problematisch.

Mit moderner Technik wird es immer leichter, Bilder oder Videos zu manipulieren. Was können Leser oder Zuschauer überhaupt noch glauben?

Hier geht es meiner Ansicht nach nicht um „glauben“. Das ist mir zu passiv. Als Zuschauer oder Leser sollte ich mir immer bewusst machen, dass ich von den Medien nur Ausschnitte zu sehen bekomme, dass es immer auch andere Perspektiven auf ein Thema gibt, und dass sich die Interpretationen mit anderen Kontexten ändern können. Das heißt nicht, dass ich von den Journalistinnen und Journalisten angelogen werde oder sie mir etwas vorenthalten, sondern es an mir liegt, das Gesehene oder Gelesene zu überdenken, kritisch abzuwägen und mich weiter zu informieren.

Spätestens seit Pegida geistert das Wort „Lügenpresse“ herum, gerade in sozialen Netzwerken. Ist so eine Aktion, wie die von Jan Böhmermann, Wasser auf die Mühlen von Medien-Skeptikern?

Jeder wird aus dieser Debatte wohl die Schlüsse ziehen, die ihm am besten passen. Ich halte die Aktion dennoch für gelungen, denn Jan Böhmermann hat damit auf eine sehr kreative Art und Weise eine berechtigte Kritik an der vereinfachten und emotionalisierten Darstellung von Politik formuliert. Mit Verschwörungstheorien oder bewussten Lügenkampagnen hat das alles nichts zu tun.

Hat Varoufakis oder Böhmermann uns jetzt den Stinkefinger gezeigt?

Ich würde sagen, Jan Böhmermann hat Günther Jauch, der „Bild“-Zeitung und Co. den Stinkefinger gezeigt. Über die Verwirrung, die er mit seiner Behauptung, das Video manipuliert zu haben, gestiftet hat, ist nämlich die Debatte, was so eine Geste jetzt für das Verhältnis von Griechenland und Deutschland bedeutet, in den Hintergrund getreten.

Was ist so problematisch daran, YouTube oder Twitter als Quellen zu nutzen?

Ich denke, der professionelle Journalismus in Deutschland hat schon sehr gute Verfahren zur Prüfung und Absicherung seiner Quellen entwickelt. Dennoch bleibt insbesondere bei Quellen aus dem Internet immer noch ein Rest an Unsicherheit. Hier wäre es wohl hilfreich, diese Unsicherheit transparent zu machen und offensiv damit umzugehen.

Zur Person: Christian Strippel arbeitet seit 2012 als Medienwissenschaftler am Institut für Publizistik an der Freien Universität Berlin. Er forscht unter anderem über Verschmelzung von Fernsehen und Internet aus Nutzer-Perspektive.

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