Elfriede Jelinek Kritikerin der Gegenwart

Die österreichische Autorin und Dramatikerin Elfriede Jelinek scheut die Öffentlichkeit, umso mehr dringen ihre kritischen Texte in dieselbe ein. Am 20. Oktober wird die Nobelpreisträgerin 75 Jahre alt.
18.10.2021, 05:00
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Von Albert Otti

Wirtschaftskrise, Fukushima, Flüchtlinge, Terrorismus, Trump, MeToo, Corona: Die Themen von Elfriede Jelineks Theaterstücken lesen sich wie ein Nachrichtenticker. Doch die ausufernden Texte der österreichischen Nobelpreisträgerin gehen weit über die Tagesaktualität hinaus und beleuchten tief sitzende gesellschaftliche Mechanismen und Missstände. Am 20. Oktober wird die öffentlichkeitsscheue Autorin 75 Jahre alt.
„Es muss jemand dahinter stecken“, heißt es in ihrem jüngstem Stück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“, das die Pandemie zum Ausgangspunkt nimmt, um auch das wachsende Misstrauen zwischen den Menschen sowie ihren Umgang mit der Natur zu untersuchen. „Eigentlich geht es ihr darum, was in der Sprache steckt, nämlich Ausgrenzungsmechanismen, Unterdrückung und Machtverhältnisse“, sagt die Germanistin Pia Janke über das Werk der Autorin. In den letzten Jahren habe sich jedoch ein zunehmend resignativer Ton in den Texten bemerkbar gemacht, meint Janke, die den Interuniversitären Forschungsverbund Elfriede Jelinek in Wien leitet.
Jelineks enorme Produktivität und ihr literarisches Mitteilungsbedürfnis stehen im Gegensatz zu ihrem sehr zurückgezogenen Leben zwischen Wien und München, dem Wohnort ihres Ehemannes Gottfried Hüngsberg. Als die Schriftstellerin 2004 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, reiste sie wegen ihrer Angst vor Menschenmengen nicht nach Stockholm. Auch zu einem Jelinek-Festabend am 19. Oktober in Wien wird die Autorin nicht erscheinen, sagte Janke.

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Diese Angststörung sei nach wie vor ein großes Hindernis, schrieb sie der italienischen Zeitung „La Repubblica“ voriges Jahr in einem ihrer äußerst seltenen Interviews. „Es ist in Wirklichkeit mein größtes Leiden.“ In den letzten Jahren ist statt ihr immer wieder der Puppenspieler Nikolaus Habjan mit einer Jelinek-Puppe in der Öffentlichkeit aufgetreten, um für sie einen Preis entgegenzunehmen, zu einer Demonstration aufzurufen oder Bühnentexte zu sprechen.
Schon seit ihrer Kindheit feiert Jelinek ihre Geburtstage nicht mehr, verriet sie 2016 dem österreichischen Magazin „News“: „Für meine Mutter hat ein Geburtstag nicht gezählt, nur Leistung.“ Das musikalisch begabte Mädchen nahm Ballettunterricht und lernte mehrere Instrumente. Mit nur dreizehn Jahren wurde sie am Konservatorium aufgenommen. Als sie 1971 ihr Orgelstudium abschloss, hatte sich Jelinek aber bereits dem Schreiben zugewandt.
Im Jahr 1970 brachte sie ihren ersten Roman „wir sind lockvögel baby!“ heraus, der wegen seiner Anlehnung an die Comic- und Trivialliteratur Aufsehen erregte. Mit „Die Klavierspielerin“ schaffte Jelinek dann 1983 den Durchbruch. Die beklemmende Erzählung um eine Klavierlehrerin, die in der Beziehung zu ihrer dominanten Mutter gefangen ist, hat autobiografische Züge. Michael Hanekes Verfilmung mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle wurde 2001 in Cannes ausgezeichnet. Mit „Lust“ lieferte die Schriftstellerin 1989 einen noch radikaleren Roman voll drastisch-brutaler Schilderungen von Sexualität ab.
Neben männlich dominierten Machtverhältnissen zieht sich die Geschichtsverdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen in Österreich wie ein roter Faden durch Jelineks Werk. So auch in ihrem Opus Magnum „Die Kinder der Toten“, in dem die Opfer des Holocaust als Untote wiederkehren. Auch in vielen ihrer Theaterstücke schreibt die Tochter eines Vaters mit jüdischer Herkunft immer wieder gegen das Vergessen und gegen den rechten Rand der Politik an.
„Ich glaube, dass Jelinek für das Theater eine ähnliche Bedeutung hat wie Brecht oder Beckett, weil sie ihre eigene Theaterform geschaffen hat“ sagt ihr Verleger Nils Tabert vom Rowohlt Verlag. Viele ihrer Bühnentexte haben keine klar erkennbaren Figuren, Handlungen oder Strukturen. „Die muß in meinen Stücken ein Regisseur, eine Regisseurin mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erst erarbeiten, aus der Textwurst herausschneiden und auf der Bühne zeigen“, schrieb Jelinek, als sie 2013 den österreichischen Nestroy-Preis erhielt.
„Als Mensch, der das inszenieren soll, sitzt man da eigentlich immer wieder relativ ratlos davor“, sagt einer, der es wissen muss: Nicolas Stemann gilt als einer von Jelineks Leibregisseuren und hat unter anderem „Die Kontrakte des Kaufmanns“, „Wut“ oder „Die Schutzbefohlenen“ uraufgeführt. Die Stücke, die sich mit der Finanzkrise, Terroranschlägen in Paris und der Migration nach Europa auseinandersetzen, gehören zu Jelineks meistgespielten Dramen. Aus der Überforderung mit diesen monumentalen Texten wachse dann aber immer wieder produktive Energie, meint Stemann. Seit dem Nobelpreis hat die Autorin unablässig neue Stücke geliefert – zu den jüngsten Werken gehören „Am Königsweg“, das sich mit dem Phänomen Donald Trump beschäftigt, und „Schwarzwasser“, das sich die österreichische Ibiza-Korruptionsaffäre rund um rechte und konservative Politiker vorknöpft.
Seit Jahren ist Elfriede Jelinek ein rotes Tuch für die rechte FPÖ. Als der Wiener Gemeinderat im September entschied, die Autorin zur Ehrenbürgerin zu ernennen, wurde sie von der Partei als „Österreich-Hasserin“ bezeichnet, die dieser Auszeichnung nicht würdig sei.

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