Ralf Konersmann untersucht „Die Unruhe der Welt“

Entdeckung der Wuseligkeit

Auto und Autor verbindet mehr als nur ein Kalauer. Die Nähe zwischen Schriftstellern und selbsttätigen, für den Individualverkehr bestimmten Fahrzeugen rührt daher, dass beide einer Illusion aufsitzen: der Utopie einer Selbstbestimmung in Gestalt einer Selbstbewegung.
09.08.2015, 00:00
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Entdeckung der Wuseligkeit
Von Hendrik Werner

Auto und Autor verbindet mehr als nur ein Kalauer. Die Nähe zwischen Schriftstellern und selbsttätigen, für den Individualverkehr bestimmten Fahrzeugen rührt daher, dass beide einer Illusion aufsitzen: der Utopie einer Selbstbestimmung in Gestalt einer Selbstbewegung. Bevor nämlich die Philosophie der Dekonstruktion den Autor als selbstständigen Schöpfer entmündigte, indem sie ihn als unbewussten Wiederkäuer alter Diskurse entlarvte, galt der professionell Schreibende als weithin autonom. Bevor der Autofahrer im 20. Jahrhundert in Mega-Staus geriet, konnte er schwärmerisch der Schimäre nachhängen, er bewege etwas, nämlich sich zielzentriert vorwärts. Insofern ähnelt die Stockung im Verkehrsfluss einer Schreibhemmung: Beide, writer‘s block und stop & go, zeigen an, dass der Autonomiebegriff für Automobilisten wie für Autoren untauglich ist. Kulturphilosoph Ralf Konersmann liefert sozusagen den Soundtrack zu diesem Befund: In seiner stupenden Studie „Die Unruhe der Welt“ führt er vor, wie die westliche Zivilisation vormalige Ideale wie Stille und Stillstand zugunsten von Lärm und Fortschritt eingetauscht hat. Diesem Paradigmenwechsel nähert sich der an der Universität Kiel lehrende Philosoph historisch und mythopoetisch. In der alttestamentarischen Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies erblickt er ebenso einen irreversiblen Hang zum Immer-unterwegs-Sein wie in den Versen der „Odyssee“. Das von der Menschheit rastlos ins Werk gesetzte Begehren, Veränderungen tunlichst geräuschvoll auf den Weg zu bringen, hat laut Konersmann eine frühere Bedingung für Glück gründlich erledigt: Ruhe, Einkehr, Besinnung. Skeptisch ist der Autor freilich, was eine mögliche Rückkehr zu diesen Primärtugenden anbelangt. Gewühl und Gewusel bleiben die Signatur auch dieses Jahrhunderts – ob mit oder ohne Auto.

Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt. S. Fischer, Frankfurt/Main. 461 Seiten, 24,99 .

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